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Lohnt ein Auslandssemester auf Kuba?Studieren im Sozialismus

Erasmus in Spanien kann jeder. Und so weichen einige deutsche Studenten auf exotische Ziele aus. Eine der größten Herausforderungen wartet in Kuba, wo ausländischen Studenten viel über den Sozialismus, und noch mehr über das Leben lernen.Tim Rahmann 30.03.2018 - 16:30 Uhr

Die „Escalinata“ der Universidad de la Habana.

Foto: imago images

Um den Kuba-Reisenden das Leben etwas leichter zu machen, ist es an der Universität Leipzig Tradition, dass die künftigen Austauschstudenten bei den höheren Semestern um Rat fragen. Und so schrieb auch Lehramtsstudentin Titia Lübke-Detring einen Kommilitonen an, der bereits von seinem Auslandssemester in Havanna zurückgekehrt war. Lübke-Detring freute sich auf Tipps, die ihre Vorfreude auf das Abenteuer steigern sollten. Doch die Antwort des Studenten ließ die 26-Jährige aufschrecken. Auf Kuba sei alles „total schwierig“, berichtete der Leipziger, die Universität sei wie die Stadt marode, die kubanischen Mitstreiter merkwürdig. Kurzum der Aufenthalt dort sei „Horror“ gewesen.

Titia Lübke-Detring kam kurz ins Grübeln, blieb aber bei ihrer Entscheidung: auf nach Kuba, auf an die Universidad de la Habana. „Das Land ist ein Mythos, etwas ganz Besonderes. Ich war einfach neugierig“, so die Studentin. So viel sei schon jetzt verraten: Sie hat ihren Entschluss nicht bereut.

Havanna, im März diesen Jahres: Das Semester hat gerade wieder angefangen, auf der „Escalinata“, den Treppen vor dem Hauptgebäude mit den vier frontalen Säulen, sitzen die Studenten in der Sonne und diskutieren über ihre Aufzeichnungen. Der Hauptcampus liegt im Zentrum Havannas, unweit des legendären Hotel Nacional und fußläufig zur berühmten Uferpromenade, dem Malecón. Das Stadtbild ist dennoch für viele Neuankömmlinge ein Schock: von den Häuserfassaden bröckelt der Putz, auf den Straßen fahren klapprige VW-Käfer und Ladas und pusten Abgase in die Luft als gäbe es den Klimawandel nicht.

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Die Universität aber bildet zunächst einen Kontrast: So abgenutzt die Treppenstufen sind, so ordentlich präsentieren sich die Gebäude. Und wer die Stufen hochläuft, und durch den imposanten Eindruck des Hauptflügels läuft, blickt auf einen grünen Innenhof mit Bänken. Hier sitzt Maja Kliem, Soziologiestudentin aus Leipzig. Von August 2016 bis Juli 2017 hat sie ein Auslandsjahr in Havanna verbracht. Es hat ihr so gut gefallen, dass sie nun für vier Wochen zu Besuch zurück ist. „Es braucht Zeit, bis man sich an den Alltag hier gewöhnt hat“, sagt sie rückblickend. „Aber wenn man sich erst einmal auf Kuba eingelassen hat, und mit den Leuten in Kontakt kommt, kann man hier eine tolle und einmalige Zeit erleben.“

Kliem schnappt sich ihren Stoffbeutel und führt über das Gelände – hin zur soziologischen Fakultät. Hier hat die Deutsche über ein Jahr insgesamt sieben Kurse belegt: fünf verschiedene Geschichtsseminare, einen Religionskurs, eine Soziologieeinheit. „Der Unterricht ist sehr verschult und die Klassen klein“, sagt Kliem und öffnet die Tür zu einem ihrer früheren Kursräume. Der Blick fällt auf einen wilden Mix aus schwarzen und braunen Stühlen mit Mini-Ablage. Einige Plätze sind aus Holz, einige aus Stahl, gemein haben sie, dass sie mit Kratzern und Macken übersät sind. An der Wand hängt eine grüne Kreidetafel. „Computer oder Beamer gibt es in den Kursräumen nicht“, sagt Kliem.

Schon nach wenigen Minuten in der kubanischen Hauptstadt wird jedem Besucher klar: Hier fehlt es am Nötigsten. Die Häuserfassaden bröckeln, die Straßen weisen Schlaglöcher auf, die Taxis ruckeln zur Unterkunft. 11,5 Millionen Menschen leben auf Kuba. Der Großteil von ihnen...

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

...hat Mühe, seine Grundbedürfnisse zu decken. Der Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 29 US-Dollar im Monat. In Kuba gibt es zwei Währungen: den Peso cubano (CUP) für die Einheimischen – und den am US-Dollar gekoppelten Peso convertible (CUC). 

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Kuba liegt bei 12.389 US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschland kommt auf einen Wert von 42.188 US-Dollar (Stand jeweils 2016). In diesem Jahr soll das BIP in Kuba leicht zulegen auf 12.994 US-Dollar pro Kopf. Auch, weil die Regierung sich verstärkt um die Modernisierung des Wirtschaftssystems bemüht. So hat der Staat 2010 beschlossen...

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

… Kleinunternehmern in etwa 200 Berufsfeldern die Möglichkeit privatwirtschaftlicher Betätigung zu ermöglichen, etwa im Tourismus. Dort kann man – auch dank Trinkgelder – besser verdienen. Viele Uni-Dozenten, Ärzte oder Ingenieure verlassen ihren Job und verdingen sich als Taxifahrer oder Stadtführer.

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Dennoch gilt das Gesundheitssystem noch immer als vorbildlich. Kuba exportiert seine Mediziner in alle Himmelsrichtungen. Die Kindersterblichkeit ist geringer als in den USA.

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Auch die Bildung ist top. Nahezu jeder Kubaner (99,8 Prozent) kann Lesen und Schreiben. Inzwischen wird auch in der Schule verpflichtend Englisch gelernt. Anders als in vielen Ländern Mittelamerikas können sich Touristen vor Ort immer häufiger verständigen. Die Sozialprogramme aber kosten viel Geld. Kuba ist pleite...

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

... und dringend auf Investoren angewiesen. Doch diese haben es weiterhin schwer, Zugang zu Aufträgen und Märkten zu bekommen. Die Wirtschaft ist staatlich kontrolliert; öffentliche Unternehmen haben nach wie vor das Monopol in ihren jeweiligen Wirtschaftsbereichen.

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Chancen für ausländische Unternehmen bestehen nur dort, wo Kuba auf Hilfe angewiesen ist – und diese Hilfe als prioritär einstuft. Laut Germany Trade & Invest haben deutsche Unternehmen vor allem im Kraftwerksbau Möglichkeiten, Aufträge zu bekommen, bei der Wasserreinigung sowie in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Hersteller von Konsum- und Luxusgütern aber können ihre Produkte höchstens im Tourismussektor absetzen.

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Für 2018 gehen Beobachter für ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent aus. 2016 noch war die Wirtschaft geschrumpft (um 0,9 Prozent).

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Kuba ist zwar Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO), aber kein Mitglied des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank oder der Interamerikanischen Entwicklungsbank.

Foto: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Die Zeit in Kuba, sie ist stehengeblieben. Noch immer sieht es in der Stadt und in der Universität so aus, wie in den 1960er-Jahren, als die Universität Leipzig ihre Kooperation mit der Hochschule bei den sozialistischen Freunden startete. Bis heute besteht die Partnerschaft, und führt dazu, dass Studenten aus Leipzig – ähnlich wie aus Berlin – kostenfrei in Havanna studieren können.

Professor Carsten Sinner ist seit Mai 2008 Universitätsprofessor für Iberoromanische Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Universität Leipzig und pflegt die Partnerschaft nach Kuba. Mehrmals war er bereits selbst in Havanna, und hat die Probleme mit der Infrastruktur hautnah erlebt. Während Sinner berichtet, dass bei einigen seiner Besuche die Toiletten und Flure „überflutet“ waren, hat Titia Lübke-Detring „kein fließendes Wasser“ in der Universität gehabt. In Kuba regieren die Extreme, mal ist zu viel Wasser da, mal gar keines.

Dennoch ist Sinner davon überzeugt, dass ein Austauschsemester auf Kuba gerade auch wegen der „außergewöhnlichen Erfahrungen“ Sinn ergibt. „Die Studierenden, die zurückkommen, sind weltoffener, toleranter und genügsamer als früher“, sagt Sinner. Und da es ohne Spanisch in Kuba kaum möglich ist, sich durch die Stadt zu bewegen, werden auch die Sprachkenntnisse perfektioniert.

Kuba bleibt politisch und wirtschaftlich ein Sonderfall. Warum deutsche Unternehmen trotzdem gute Geschäfte in dem kommunistischen Land machen können, erklärt ein Experte der Delegation der Deutschen Wirtschaft.

Die beiden Universitäten arbeiten derzeit an einem gemeinsamen neuen Studiengang im Bereich der Übersetzung. Spezialisiert in den Themenfeldern Handel, Tourismus und internationales Recht sollen die Studenten aus Kuba und Deutschland am Ende mit einem Abschluss von beiden Universitäten belohnt werden. Im Herbst 2019 soll das Programm starten.

Sinner lobt die kubanischen Kollegen, die den Deutschen bei der Ausgestaltung des Studiengangs „weit entgegenkommen“. Eine Forderung der Leipziger ist etwa, dass sich alle Interessierten auf das Studium bewerben können und die Studienplatzvergabe streng nach  Leistung erfolgt – und nicht etwa nach der Nähe zur kommunistischen Partei Kubas. Ein Gremium aus beiden Universitäten soll die Auswahl treffen. Ein Meilenstein, auch wenn keiner eine Einmischung der Politik komplett ausschließen kann: Ob wirklich jede Bewerbung auch beim Gremium ankommt, ist dahingestellt.

Zwar öffnet sich Kuba langsam, vor fünf Jahren wurden zarte Versuche unternommen, die Wirtschaft zu reformieren und auch privates Unternehmertun zu fördern. Doch politisch bleibt das Land ein Sonderfall. Oppositionelle werden als Dissidenten eingesperrt, ein Blockwart prüft die Gesinnung der Bürger in der Nachbarschaft, Dissidenten schmorren im Knast. Die politische Sondersituation in dem Land ist auch für deutsche Studenten allgegenwärtig.

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Im Eingangsbereich der soziologischen Fakultät hängt ein Poster von Ex-Staatschef Fidel Castro, auch in den Seminarräumen ist der „Befreier Kubas“ – so die nationale Sichtweise – auch Jahre nach seinem Tod noch allgegenwärtig. Kaum ein Kurs kommt ohne Verweise auf die kubanische Geschichte aus, haben Maja Kliem und Titia Lübke-Detring festgestellt. „In jedem meiner Kurse wurden die Parteiprogramme gelesen; immer wieder mussten wir auch aufstehen und Sätze von Fidel Castro und Che Guevara rezitieren“, berichtet Lübke-Detring. Die Tendenz der Lehre sei darüber hinaus immer die gleiche gewesen: Hier Kuba, das Land der Gleichheit und der Freiheitskämpfer, dort die USA, die schuld am Unglück der Welt seien, die andere Länder ausbeuten, und verantwortlich seien für die Armut und das Elend auf der Welt.

Natürlich sei das kubanische Studium nicht frei von Ideologie, sagt auch Carsten Sinner. Die Studenten würden vorab beraten, wie man sich vor Ort zu verhalten habe. „Natürlich gibt es entsprechende Verhaltensempfehlungen, etwa dass ich im akademischen Kontext nicht explizit über Dissidenten rede.“

Trotz der politischen und kulturellen Unterschiede hat Maja Kliem recht schnell Anschluss zu den kubanischen Kommilitonen gefunden. Beim Spaziergang über den Campus grüßen immer wieder frühere Weggefährten, geben Kubanerinnen und Kubaner der Deutschen einen Begrüßungskuss auf die Wange. „Die Freizeitinteressen sind ähnlich“, berichtet Kliem über ihren Alltag mit den Kommilitonen abseits der Universität. Entweder treffe man sich abends an der Uferpromenade zum Quatschen und Trinken, geht gemeinsam zum Sport oder verabredet sich zum Kino. Dort kostet der Eintritt zwischen ein und zwei US-Dollar.

Ein Schnäppchen ist der Aufenthalt in Kuba dennoch nicht. Die Austauschstudentinnen berichten, dass ihre Ausgaben vergleichbar mit denen in Deutschland waren. Das liegt vor allem an den recht hohen Mieten, die – staatlich gewollt – für Besucher aus dem Ausland sehr hoch sind.

Das sind die besten europäischen Länder für Studenten
DeutschlandDie Bundesrepublik ist das Ziel, das am besten für ein Studium im Ausland geeignet ist. In den meisten Bundesländern gibt es keine Studiengebühren, die Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise gering. Nur in Sachen Leben und Karriere gibt es Punktabzug. Das Ziel für 2020, 350.000 Studenten aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, wurde mit 358.000 im Jahr 2017 vorzeitig erreicht.
Das Vereinigte KönigreichEngland, Schottland, Wales und Nordirland haben es zusammen geschafft, in den Kategorien Lehre sowie Leben und Karriere auf den ersten Platz zu kommen. Doch der 30. Platz im Kosten-Vergleich entzieht dem Vereinigten Königreich den ersten Platz. Der anstehende Brexit könnte dafür sorgen, dass ein Studium dort noch teurer wird.
FrankreichDer dritte Platz geht an die Franzosen. Ähnlich zu Deutschland, lockt Frankreich ausländische Studenten mit einem renommierten Ruf der Lehre und einem bezahlbaren Hochschulssystem.
HollandDie Lehre der niederländischen Universitäten kann sich sehen lassen. Sie schafft es auf den dritten Platz hinter dem Vereinigten Königreich und Deutschland. 1600 Studienangebote in englischer Sprache stehen zur Auswahl.
RusslandFür die Lehre erhalten russische Hochschulen den 5. Platz, im Ranking der günstigsten Länder und der Lebensqualität schafft Russland es nicht in die Top Ten.
SchweizLehre im mittleren Bereich (Platz sechs), teure Lebenshaltungskosten (inklusive Studiengebühren) und den siebten Platz in der Kategorie Leben und Karriere befördern die Schweiz auf den sechsten Platz des Study.EU Länderrankings.

Titia Lübke-Detring etwa wohnte mit zwei weiteren Deutschen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung: ein Einzel- und ein Doppelzimmer, in denen sich die Studentinnen ein Bett teilten. Der Preis für die Miete: knapp 300 US-Dollar. „Trotzdem sollte man nie westlichen Standard erwarten“, sagt Lübke-Detring. Alles sei extrem alt. „Wenn man Glück hat, schläft man auf einer Matratze, die nur 20 Jahre alt ist.“ Auch im Supermarkt warten für deutsche Besucher Enttäuschungen: überall herrscht Mangel. Mal gibt es Nudeln, mal Eier, mal Tomatensoße – alles zusammen aber so gut wie nie. „Man wird zu einer kreativen Köchin“, sagt Maja Kliem.

Wie gut es ihr in Kuba trotz aller Herausforderungen gefallen hat, zeigt alleine die Tatsache, dass sie schon nach einem dreiviertel Jahr nach dem Ende ihres Austauschjahres zurückgekehrt ist. „Um Freunde wiederzusehen, und vor dem kalten Winter zu flüchten.“ Während Konsumartikel auf Kuba rar sind, gibt es Sonne, Strände und Mojitos im Überfluss.

Auch Titia Lübke-Detring hat es nach eigenen Worten nie bereut, sich für Kuba als Studienort auf Zeit entschieden zu haben. „Es war eine mega interessante Zeit und ich habe viel über das Land und seine Geschichte gelernt“, sagt sie. Man müsse akzeptieren, dass das Leben vor Ort komplett anders als in Deutschland ist. Die Folge: „Ich habe mich noch nie so sehr als Europäerin gefühlt wie nach dem Auslandssemester. Und: Ich habe zum ersten Mal gelernt, mich über die Privilegien, die wir Zuhause genießen, zu freuen.“

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