Lohnt ein Auslandssemester auf Kuba? Studieren im Sozialismus

Die „Escalinata“ der Universidad de la Habana. Quelle: imago

Erasmus in Spanien kann jeder. Und so weichen einige deutsche Studenten auf exotische Ziele aus. Eine der größten Herausforderungen wartet in Kuba, wo ausländischen Studenten viel über den Sozialismus, und noch mehr über das Leben lernen.

Um den Kuba-Reisenden das Leben etwas leichter zu machen, ist es an der Universität Leipzig Tradition, dass die künftigen Austauschstudenten bei den höheren Semestern um Rat fragen. Und so schrieb auch Lehramtsstudentin Titia Lübke-Detring einen Kommilitonen an, der bereits von seinem Auslandssemester in Havanna zurückgekehrt war. Lübke-Detring freute sich auf Tipps, die ihre Vorfreude auf das Abenteuer steigern sollten. Doch die Antwort des Studenten ließ die 26-Jährige aufschrecken. Auf Kuba sei alles „total schwierig“, berichtete der Leipziger, die Universität sei wie die Stadt marode, die kubanischen Mitstreiter merkwürdig. Kurzum der Aufenthalt dort sei „Horror“ gewesen.

Titia Lübke-Detring kam kurz ins Grübeln, blieb aber bei ihrer Entscheidung: auf nach Kuba, auf an die Universidad de la Habana. „Das Land ist ein Mythos, etwas ganz Besonderes. Ich war einfach neugierig“, so die Studentin. So viel sei schon jetzt verraten: Sie hat ihren Entschluss nicht bereut.

Havanna, im März diesen Jahres: Das Semester hat gerade wieder angefangen, auf der „Escalinata“, den Treppen vor dem Hauptgebäude mit den vier frontalen Säulen, sitzen die Studenten in der Sonne und diskutieren über ihre Aufzeichnungen. Der Hauptcampus liegt im Zentrum Havannas, unweit des legendären Hotel Nacional und fußläufig zur berühmten Uferpromenade, dem Malecón. Das Stadtbild ist dennoch für viele Neuankömmlinge ein Schock: von den Häuserfassaden bröckelt der Putz, auf den Straßen fahren klapprige VW-Käfer und Ladas und pusten Abgase in die Luft als gäbe es den Klimawandel nicht.

Die Universität aber bildet zunächst einen Kontrast: So abgenutzt die Treppenstufen sind, so ordentlich präsentieren sich die Gebäude. Und wer die Stufen hochläuft, und durch den imposanten Eindruck des Hauptflügels läuft, blickt auf einen grünen Innenhof mit Bänken. Hier sitzt Maja Kliem, Soziologiestudentin aus Leipzig. Von August 2016 bis Juli 2017 hat sie ein Auslandsjahr in Havanna verbracht. Es hat ihr so gut gefallen, dass sie nun für vier Wochen zu Besuch zurück ist. „Es braucht Zeit, bis man sich an den Alltag hier gewöhnt hat“, sagt sie rückblickend. „Aber wenn man sich erst einmal auf Kuba eingelassen hat, und mit den Leuten in Kontakt kommt, kann man hier eine tolle und einmalige Zeit erleben.“

Kliem schnappt sich ihren Stoffbeutel und führt über das Gelände – hin zur soziologischen Fakultät. Hier hat die Deutsche über ein Jahr insgesamt sieben Kurse belegt: fünf verschiedene Geschichtsseminare, einen Religionskurs, eine Soziologieeinheit. „Der Unterricht ist sehr verschult und die Klassen klein“, sagt Kliem und öffnet die Tür zu einem ihrer früheren Kursräume. Der Blick fällt auf einen wilden Mix aus schwarzen und braunen Stühlen mit Mini-Ablage. Einige Plätze sind aus Holz, einige aus Stahl, gemein haben sie, dass sie mit Kratzern und Macken übersät sind. An der Wand hängt eine grüne Kreidetafel. „Computer oder Beamer gibt es in den Kursräumen nicht“, sagt Kliem.

So abgewirtschaftet ist Kuba
Schon nach wenigen Minuten in der kubanischen Hauptstadt wird jedem Besucher klar: Hier fehlt es am Nötigsten. Die Häuserfassaden bröckeln, die Straßen weisen Schlaglöcher auf, die Taxis ruckeln zur Unterkunft. 11,5 Millionen Menschen leben auf Kuba. Der Großteil von ihnen... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
...hat Mühe, seine Grundbedürfnisse zu decken. Der Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 29 US-Dollar im Monat. In Kuba gibt es zwei Währungen: den Peso cubano (CUP) für die Einheimischen – und den am US-Dollar gekoppelten Peso convertible (CUC).  Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Kuba liegt bei 12.389 US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschland kommt auf einen Wert von 42.188 US-Dollar (Stand jeweils 2016). In diesem Jahr soll das BIP in Kuba leicht zulegen auf 12.994 US-Dollar pro Kopf. Auch, weil die Regierung sich verstärkt um die Modernisierung des Wirtschaftssystems bemüht. So hat der Staat 2010 beschlossen... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
… Kleinunternehmern in etwa 200 Berufsfeldern die Möglichkeit privatwirtschaftlicher Betätigung zu ermöglichen, etwa im Tourismus. Dort kann man – auch dank Trinkgelder – besser verdienen. Viele Uni-Dozenten, Ärzte oder Ingenieure verlassen ihren Job und verdingen sich als Taxifahrer oder Stadtführer. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Dennoch gilt das Gesundheitssystem noch immer als vorbildlich. Kuba exportiert seine Mediziner in alle Himmelsrichtungen. Die Kindersterblichkeit ist geringer als in den USA. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Auch die Bildung ist top. Nahezu jeder Kubaner (99,8 Prozent) kann Lesen und Schreiben. Inzwischen wird auch in der Schule verpflichtend Englisch gelernt. Anders als in vielen Ländern Mittelamerikas können sich Touristen vor Ort immer häufiger verständigen. Die Sozialprogramme aber kosten viel Geld. Kuba ist pleite... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
... und dringend auf Investoren angewiesen. Doch diese haben es weiterhin schwer, Zugang zu Aufträgen und Märkten zu bekommen. Die Wirtschaft ist staatlich kontrolliert; öffentliche Unternehmen haben nach wie vor das Monopol in ihren jeweiligen Wirtschaftsbereichen. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Die Zeit in Kuba, sie ist stehengeblieben. Noch immer sieht es in der Stadt und in der Universität so aus, wie in den 1960er-Jahren, als die Universität Leipzig ihre Kooperation mit der Hochschule bei den sozialistischen Freunden startete. Bis heute besteht die Partnerschaft, und führt dazu, dass Studenten aus Leipzig – ähnlich wie aus Berlin – kostenfrei in Havanna studieren können.

Professor Carsten Sinner ist seit Mai 2008 Universitätsprofessor für Iberoromanische Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Universität Leipzig und pflegt die Partnerschaft nach Kuba. Mehrmals war er bereits selbst in Havanna, und hat die Probleme mit der Infrastruktur hautnah erlebt. Während Sinner berichtet, dass bei einigen seiner Besuche die Toiletten und Flure „überflutet“ waren, hat Titia Lübke-Detring „kein fließendes Wasser“ in der Universität gehabt. In Kuba regieren die Extreme, mal ist zu viel Wasser da, mal gar keines.

Dennoch ist Sinner davon überzeugt, dass ein Austauschsemester auf Kuba gerade auch wegen der „außergewöhnlichen Erfahrungen“ Sinn ergibt. „Die Studierenden, die zurückkommen, sind weltoffener, toleranter und genügsamer als früher“, sagt Sinner. Und da es ohne Spanisch in Kuba kaum möglich ist, sich durch die Stadt zu bewegen, werden auch die Sprachkenntnisse perfektioniert.

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