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Mario Draghi Schweres Erbe für neuen EZB-Chef

Der neue EZB-Chef Mario Draghi gilt als prinzipientreu. Wird er es schaffen, der Europäischen Zentralbank zur alten Stärke zurückzuverhelfen?

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Jean-Claude Trichet und Mario Quelle: dpa

Aufrecht und unbeweglich steht der 64-Jährige da, als er seinen Vorgänger Jean-Claude Trichet in der Alten Oper am 19. Oktober in Frankfurt verabschiedet. Der hochgewachsene Italiener mit dem Seitenscheitel und den markanten Gesichtsfalten verzieht seinen Mund zu einem Lächeln, doch seine schwarzen Augen bleiben kalt. „Wir alle, und ich besonders, haben viele Gründe Jean-Claude dankbar zu sein.“ Es klingt schwermütig und hart. Damit ist Draghi der Gegenentwurf zum charmanten Trichet mit seinem funkelnden Blick und seinem feinen Humor. Unter Draghi wird sich der Führungsstil der EZB – langsam, aber grundlegend – ändern. So sind sich Beobachter einig: Der Italiener wird sich auf die große Linie konzentrieren, aber die meisten Aufgaben delegieren.

Trichet hingegen verlor sich häufig im Klein-Klein. Zudem gilt Draghi als deutlich konsequenter als sein Vorgänger. „Trichet ist zwar hart, doch auch sehr höflich und jammert rum, statt sich durchzusetzen. Draghi hingegen bekommt, was er will“, sagt ein Notenbanker, der den Italiener seit vielen Jahren aus Verhandlungen kennt. Draghi ist freundlich, aber direkt. Er lässt sich nicht so leicht beschwatzen, wie etwa Trichet, der sich in der Euro-Krise angeblich vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zum umstrittenen Ankauf von Staatsanleihen überreden ließ. Zwar wird Draghi die Anleihekäufe erst mal fortsetzen, doch in Notenbankkreisen traut man ihm langfristig den Ausstieg zu.

Sollte es ihm gelingen, in dieser Frage innerhalb der Bank einen Konsens zu erreichen, wäre das bemerkenswert. Denn die Anleihekäufe haben die Institution tief gespalten. Bereits zwei Mitglieder, der ehemalige Bundesbank-Präsident Axel Weber und EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, traten aus Protest zurück. Auch im Rest der EZB wächst die Unzufriedenheit. Bei einer Befragung durch die Notenbank-Gewerkschaft IPSO monierten 55,1 Prozent der 1502 EZB-Mitarbeiter, Trichet habe das Zentralbankmandat überschritten. Helfen könnte Draghi bei dieser schwierigen Mission die Rückendeckung durch seine Landsleute in der EZB. Mit bald drei Vertretern im Rat und dem Generaldirektor Märkte ist das Land dabei, zur stärksten Nation an der Spitze der Währungsaufsicht zu werden.

EZB President Mario Draghi Quelle: REUTERS

Draghi, Sohn eines hochrangigen Zentralbankbeamten, ist bestens qualifiziert für den Job. Nach dem Volkswirtschaftsstudium in Rom promovierte er am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1981 wurde er Professor für Volkswirtschaftslehre in Florenz. Drei Jahre später wechselte er als Exekutivdirektor zur Weltbank. Als oberster Beamter im italienischen Schatzministerium bewährte sich Draghi in den Neunzigerjahren im Kampf gegen die Lira-Krise: Er fuhr einen harten Sanierungskurs und startete das größte Privatisierungsprogramm der italienischen Geschichte.

Zweifelhafte Geschäfte

Als Chef der italienischen Notenbank forcierte Draghi sodann die Konsolidierung des Bankensektors und ließ Fusionen mit ausländischen Instituten zu. Im Zuge der Finanzkrise verschärfte er schließlich Kapitalregeln und Aufsicht der Banken. Bei seinem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und Finanzminister Giulio Tremonti hat er sich mit diesem Kurs nicht gerade beliebt gemacht. Die beiden haben Draghis Bewerbung um den Spitzenjob im Eurotower deshalb nicht unterstützt. Beharrlich fordert er von ihnen Reformen und Schuldenabbau und lobt dafür die Fortschritte in Deutschland. Kein Wunder, dass inzwischen die „Bild“-Zeitung Draghi den Spitznamen „Super Mario“ verpasst hat und er als Stabilitätspolitiker deutscher Prägung gehandelt wird.

Den einzigen Schatten auf die beeindruckende Vita wirft Draghis Vergangenheit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Dort verantwortete er das Geschäft mit Staaten. Als herauskam, dass die Bank Griechenland dabei unterstützt hatte, seine desolate Finanzlage zu beschönigen, geriet Draghi unter Beschuss. Zwar konnte ihm eine Beteiligung an den zweifelhaften Geschäften nicht nachgewiesen werden, doch ein Nachgeschmack ist geblieben.

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