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Mein China 2009 Rasanter Fortschritt mit hässlichen Flecken

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Erschreckender Nationalismus

So beeindruckt ich oft bin von den aufgeklärten, kreativen, weltoffenen und Internet-affinen jungen Leuten, so erschreckend ist gleichzeitig der Nationalismus bei vielen Menschen. Rund-um-die-Uhr-Propaganda und ein Schulunterricht, der den Kleinen von Anfang an eintrichtert, China sei eine von ausländischen Mächten geschundene Nation gewesen und kehre nun zu alter Stärke zurück, hat zu einem erschreckenden Ergebnis geführt: Das Internet in China quillt über vor ausländerfeindlichen Kommentaren, die Arroganz vieler Menschen im Alltag ist zum Teil unerträglich. Bei seinem ersten Besuch in China wurde ein Freund von mir von einem angetrunkenen Mann angegriffen. „Ich bin Chinese und du Ausländer, raus hier“, schrie er ihm ins Gesicht. So etwas wäre vor 20 Jahren kaum passiert. Hinter verschlossenen Türen haben mich einige chinesische Intellektuelle denn auch neulich gewarnt, der Nationalismus werde in einigen Jahren womöglich nicht mehr zu kontrollieren sein.

Minderheiten haben nichts zu melden

Ähnlich erschreckend ist der Umgang mit den nationalen Minderheiten des Landes. Öffentlich beschwört die Partei die Harmonie unter den 56 Nationalitäten des Landes. Bei meinen Besuchen in Xinjiang und den tibetischen Gebieten Sichuans habe ich dagegen festgestellt, dass die Kluft zwischen Han-Chinesen einerseits und Tibetern und Uiguren auf der anderen Seite tiefer kaum sein könnte. Viele Han-Chinesen blicken mit Arroganz auf Tibeter oder Uiguren herab. „Wild“ oder „unzivilisiert“ sind oft gehörte Ausdrücke.

Die Regierung hat in den vergangenen Jahrzehnten versucht, Tibeter und Uiguren mit dem Ausbau der Infrastruktur und der Förderung der örtlichen Wirtschaft an sich zu binden. Im Eiltempo hat die Partei Hochhäuser und Hochspannungsmasten in die Steppen und Berglandschaften gepflanzt, hat Autobahnen, Staudämme und Kraftwerke errichtet. Kein Zweifel: Viele Regionen Westchinas kommen heute modern daher, sind im Jahr 2009 kaum wiederzuerkennen. Richtig ist aber auch: Die im Zuge der Modernisierung neu entstehenden Jobs in Xinjiang etwa gehen oft an Han-Chinesen. Und: Statt der wirtschaflichen Zwangsbeglückung wünschen sich viele Uiguren und Tibeter größeren Respekt vor ihrer Kultur und ihren Gepflogenheiten. Die Minderheiten in ihren Trachten vor chinesischen Touristengruppen auftreten zu lassen, reicht da nicht.

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