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Mein China 2009 Rasanter Fortschritt mit hässlichen Flecken

Am 1. Oktober 1949 rief Mao Tse-tung am Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China aus. 60 Jahre später präsentiert sich das Riesenreich als Land der krassen Gegensätze. Modernste Architektur, weltoffene Internet-Freaks und Luxusmalls stehen neben politischer Unterdrückung, einem kruden Nationalismus und kulturellem Chauvinismus gegenüber Minderheiten. Beobachtungen von Peking-Korrespondent Matthias Kamp.

Drachenboot bei den Quelle: AP

Das erste Mal kam ich 1990 nach China. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens lag kaum ein Jahr zurück. „Wie kannst Du da hinfahren“, fragten mich Freunde entsetzt, „das Land fällt doch zurück in kulturrevolutionäre Zeiten.“ Als ich schließlich von Hongkong aus die Grenze nach China überquerte, sah alles ganz anders aus. Die Kräne auf den zahllosen Baustellen drehten sich immer noch, Restaurants und Geschäfte waren voll, und mehr Armee oder Polizei als in anderen Ländern war in Chinas Straßen auch nicht zu sehen. McDonald’s, einen Kaffee oder Pizza gab es damals noch nicht. Dafür aber fast immer blauen Himmel, viel Platz zum Radfahren in den Straßen und unvergiftete Lebensmittel in den Geschäften.

Im Jahr 2009 ist das Land kaum wiederzuerkennen. Wann immer es geht, kaufe ich importierte Lebensmittel; Milchskandale und fast tägliche Berichte über Schwermetalle in Gemüse und mit Antibiotika bis zum Anschlag vollgepumpte Rinder sorgen für ein ständiges Unruhegefühl. In vielen Städten ist der Himmel trotz einiger Verbesserungen nach Olympia oft immer noch smogverhangen. Als ich gestern abend auf den Balkon trat, lag wieder dieser beißende Gestank nach verbrannter Kohle in der Luft. Ich konnte kaum 300 Meter weit sehen. Peking erstickt im Autoverkehr. Warum die Stadt erst jetzt damit beginnt, das U-Bahnnetz massiv auszubauen, warum sie keine City-Maut einführt, bleibt ein Rätsel. Wahrscheinlich fürchtet sich die Partei vor Protesten der autofahrenden Mittelschicht.

Wohlstand auf breiter Front

Links und rechts der verstopften Pekinger Straßen erhebt sich das neue China. Ich fahre vorbei am Oympiastadion, an funkelnden Wolkenkratzern, dem CCTV-Tower mit seinen eigenwillig schrägen Türmen und dem neuen Nationaltheater. Modernste Architektur, teure Luxusboutiquen, Starbucks, Porsche- und Bugatti-Showrooms, McDonald’s: Chinas Reformer haben aus Peking innerhalb weniger Jahre eine moderne Weltstadt gemacht.

Und es sind nicht nur einige wenige, die vom Fortschritt der letzten Jahre profitiert haben. Am Wochenende bevölkern junge Familien die Shoppingzentren, den Mittelklassewagen in der Tiefgarage geparkt. Das Kind bekommt bei Zara einen neuen Pullover, anschließend geht es eine Etage höher zum Abendessen und danach zurück in das komfortable Drei-Zimmer-Apartment. Wohl keinem Land der Welt ist es innerhalb so kurzer Zeit gelungen, den Wohlstand seiner Menschen auf so breiter Front zu heben. Insgesamt 200 Millionen Menschen – und das sind konservative Schätzungen – hat Chinas Kommunistische Partei in den letzten Jahrzehnten aus der Armut geholt. Die Mittelschicht wächst trotz Krise weiter. Eine Leistung, die zunächst Respekt verdient, Diktatur hin oder her.

Mehr Freiheiten für Ausländer

Internet-Café in China: Die Quelle: REUTERS

Hat der materielle Fortschritt auch zu mehr Offenheit geführt? Als ausländischer Journalist kann ich seit fast zwei Jahren ohne Anmeldung bei den Behörden im Land umherreisen und recherchieren – zweifelsohne eine Verbesserung, der in Chinas politischer Führung heftige Diskussionen vorangegangen sind. Bei den Unruhen in den Uigurengebieten in Xinjiang im Juli konnte ich ungehindert berichten. Zu Tibet gibt es dagegen auch eineinhalb Jahre nach den Protesten in Lhasa keinen Zugang.  Gleichzeitig bekommen unsere chinesischen Mitarbeiter Druck aus den Behörden, kritische Recherchen zu verhindern und positive Geschichten über China anzuregen. Eine klare Linie zu mehr Offenheit oder särkerer Reglementierung ist nicht zu erkennen. Offenbar ist sich auch die Führung nicht einig.

KP kann nicht mehr machen, was sie will

Ähnlich ist es beim Umgang mit dem Internet. Ich bin immer wieder überrascht über den Mut der Blogger in China. Die Behörden wollen die versuchte Vergewaltigung eines Mädchens durch zwei Kader vertuschen? Eine Fabrik leitet ungeklärte Abwässer in einen See? Die Polizei versucht den Mord an einem Mädchen als Selbstmord darzustellen? Anders als noch vor einigen Jahren, kommen viele Skandale heute ans Licht, dem Internet sei Dank. Die Partei weiß das und versucht das Netz zu nutzen, um die Befindlichkeiten des Volkes zu erspüren.

Im Frühjahr stellte sich sogar Parteichf Hu Jintao für einige Stunden den Fragen von Bloggern. Wenige Wochen später dann das: Das Ministerium für IT und Kommunikation verkündet, ab 1. Juli müssten alle Computer in China mit einer Filter-Software ausgestattet sein, die kritische Inhalte blockiert. Nach heftigen Protesten aus der Internetgemeinde zieht das Ministerium den Erlass dann zurück, was in meinen Augen eines zeigt: Chinas KP kann nicht mehr machen, was sie will.

Erschreckender Nationalismus

So beeindruckt ich oft bin von den aufgeklärten, kreativen, weltoffenen und Internet-affinen jungen Leuten, so erschreckend ist gleichzeitig der Nationalismus bei vielen Menschen. Rund-um-die-Uhr-Propaganda und ein Schulunterricht, der den Kleinen von Anfang an eintrichtert, China sei eine von ausländischen Mächten geschundene Nation gewesen und kehre nun zu alter Stärke zurück, hat zu einem erschreckenden Ergebnis geführt: Das Internet in China quillt über vor ausländerfeindlichen Kommentaren, die Arroganz vieler Menschen im Alltag ist zum Teil unerträglich. Bei seinem ersten Besuch in China wurde ein Freund von mir von einem angetrunkenen Mann angegriffen. „Ich bin Chinese und du Ausländer, raus hier“, schrie er ihm ins Gesicht. So etwas wäre vor 20 Jahren kaum passiert. Hinter verschlossenen Türen haben mich einige chinesische Intellektuelle denn auch neulich gewarnt, der Nationalismus werde in einigen Jahren womöglich nicht mehr zu kontrollieren sein.

Minderheiten haben nichts zu melden

Ähnlich erschreckend ist der Umgang mit den nationalen Minderheiten des Landes. Öffentlich beschwört die Partei die Harmonie unter den 56 Nationalitäten des Landes. Bei meinen Besuchen in Xinjiang und den tibetischen Gebieten Sichuans habe ich dagegen festgestellt, dass die Kluft zwischen Han-Chinesen einerseits und Tibetern und Uiguren auf der anderen Seite tiefer kaum sein könnte. Viele Han-Chinesen blicken mit Arroganz auf Tibeter oder Uiguren herab. „Wild“ oder „unzivilisiert“ sind oft gehörte Ausdrücke.

Die Regierung hat in den vergangenen Jahrzehnten versucht, Tibeter und Uiguren mit dem Ausbau der Infrastruktur und der Förderung der örtlichen Wirtschaft an sich zu binden. Im Eiltempo hat die Partei Hochhäuser und Hochspannungsmasten in die Steppen und Berglandschaften gepflanzt, hat Autobahnen, Staudämme und Kraftwerke errichtet. Kein Zweifel: Viele Regionen Westchinas kommen heute modern daher, sind im Jahr 2009 kaum wiederzuerkennen. Richtig ist aber auch: Die im Zuge der Modernisierung neu entstehenden Jobs in Xinjiang etwa gehen oft an Han-Chinesen. Und: Statt der wirtschaflichen Zwangsbeglückung wünschen sich viele Uiguren und Tibeter größeren Respekt vor ihrer Kultur und ihren Gepflogenheiten. Die Minderheiten in ihren Trachten vor chinesischen Touristengruppen auftreten zu lassen, reicht da nicht.

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