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Merkel zu Gast bei Trump Deutschen Unternehmen bleibt nur das Prinzip Hoffnung

Angela Merkel und Donald Trump Quelle: dpa

Beim Kurz-Besuch der Bundeskanzlerin bei Donald Trump finden die beiden Regierungschefs kaum Gemeinsamkeiten. Das ärgert deutsche Unternehmer in den USA, die wissen wollen, ob ein Handelskrieg noch zu verhindern ist.

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Peter Riehle hat große Pläne. So war es beim Besuch der WirtschaftsWoche beim Chef des US-Ablegers von Wittenstein, einem Hersteller von Servomotoren und Getrieben aus dem baden-württembergischen Igersheim, in Illinois im Februar 2016. Und so ist es heute.

Vor zwei Jahren sprach Riehle über Neueinstellungen und eine Vergrößerung der Produktionshallen, während Mitarbeiter im Hintergrund an überdimensionierten Drehmaschinen Getriebe bohrten und frästen, und an anderer Stelle die Waren sortierten und versandfertig machten. Diese Wünsche sind inzwischen umgesetzt: Ein Nachbargebäude wurde gekauft und neue Mitarbeiter integriert. Zeit also für neue Pläne. „Wir wollen neue Maschinen anschaffen, und diese gemeinsam mit Siemens smarter machen und somit endgültig für die Industrie 4.0 bereit sein“, so der Spitzenmanager.

Erneut also investiert Wittenstein in den US-Standort. Damit sind die Süddeutschen bei Weitem nicht alleine. 291 Milliarden US-Dollar steckten deutsche Unternehmen zuletzt im Jahr in ihre Fabriken und Büros in Amerika, um Autos und Motoren zu bauen, um Service und Dienstleistungen anzubieten. Der Grund für die Investitionsfreude: Die US-Wirtschaft wächst robust, Geschäfts- wie Privatkunden kaufen, die Auftragsbücher sind voll. Und dank der Steuerreform haben viele Arbeitgeber auch Geld übrig, um die Ausweitung ihrer Kapazitäten vorzunehmen.

Klatschen für die Kanzlerin: Merkel bei Trump

Einzig: Über den Investitionen liegt seit Monaten ein Schatten. Denn Donald Trump droht mit einem Handelskrieg. Viele Unternehmen wissen nicht, ob und zu welchem Preis sie künftig Rohstoffe wie Stahl und Aluminium zur Weiterverarbeitung einkaufen können. Und wie die Exportchancen für all jene sind, die aus den USA heraus auch auf anderen Märkten verkaufen wollen, etwa Kanada und Mexiko, mit denen die Vereinigten Staaten das Freihandelsabkommen NAFTA geschlossen haben, und welches nun zur Disposition steht.

„Das Geschäftsklima in den USA ist gut – aber die Sorge vor einem Handelskrieg ist groß“, fasst Caroll Neubauer, Vorstandsmitglied des Medizintechnikherstellers B. Braun Melsungen und Vorsitzender der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer, die ambivalente Stimmung der Unternehmen zusammen. Sollte es zu einer Spirale von immer neuen Zöllen und Handelsbarrieren kommen, „könnte das sehr negative Auswirkungen“ auf die Produzenten in den USA haben – und auf deren Investitionsbereitschaft.“ Vom Besuch der Bundeskanzlerin am Freitag bei Donald Trump erhofften sich viele deutsche Unternehmer zumindest Hinweise, ob der ganz große Zollstreit beigelegt werden kann. So viel sei verraten: Die Hoffnungen erfüllten sich nicht.

In außenpolitischen Fragen zeigten sich der US-Präsident und die Bundeskanzlerin um Einigkeit bemüht. Eine (nukleare) Aufrüstung der Welt müsse verhindert werden, betonten Merkel und Trump unisono. Die koreanische Halbinsel müsse eine „nuklearfreie Zone“ werden, und auch der Iran mehr Entgegenkommen zeigen.

Aufgrund dieser gemeinsamen Ansichten erklärte Trump, die Beziehungen zu Deutschland seien „exzellent“. Betont freundlich gratulierte der US-Präsident der Kanzlerin auch noch – verspätet – zum Wahlsieg im September. Doch spätestens beim Streitthema Handel zeigte sich, dass die transatlantische Beziehung doch zumindest einem großen Stresstest unterzogen ist.

„Wir haben auch über Handelsfragen gesprochen“, erklärte Merkel verklausuliert vor der Presse. Und erinnerte dann daran, dass die Deutschen viele Investitionen in den USA tätigen, hoch qualifizierte Arbeitsplätze stellen – und Produkte Made in USA in viele Länder exportieren. Doch Donald Trump zeigte sich unbeeindruckt. Er wiederholte seine Kritik an dem Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten mit der Europäischen Union. Seine Schlussforderung: Die Geschäftsbeziehung sei „unfair“ – und: „Ich werde weiter daran arbeiten, dass diese Ungerechtigkeiten beseitigt werden“, so Trump. Sollte es so kommen, und die Strafzölle für Stahlimporte ab dem 1. Mai auch für europäische Hersteller gelten, wird die Europäische Union höchstwahrscheinlich Gegenmaßnahmen treffen, der Zollkrieg wäre dann Realität.

Dieses Resultat gefällt den deutschen Unternehmen in den USA naturgemäß nicht. „Handelskriege kennen keine Gewinner“, sagt Caroll Neubauer. Er hofft, dass der Gesprächsfaden im zuletzt unterkühlten Verhältnis zwischen Merkel und Trump nicht abreißt. Denn: Engagierte Diskussionen zwischen den Konfliktparteien seien nötig, um doch noch eine Lösung zu finden. „Wir brauchen Kompromissbereitschaft – und zwar auf beiden Seiten.“

Doch an der mangelt es vor allem Trump. Und zwar primär im Umgang mit Deutschland.

Schon bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron am Dienstag betonte Trump, dass er mit Paris in Handelsfragen wenig Probleme hat – mit Merkel und der Europäischen Union dafür umso mehr. Brüssel „habe sehr hohe Handelsbarrieren“, wovon einige Staaten – gemeint ist Deutschland – sehr profitieren würden, beschwerte sich Trump. „Ich würde lieber mit Frankreich über Handel sprechen, denn mit der Europäischen Union.“ Ähnlich kritisch blieb Trump am Freitag. „Wir haben ein riesiges Handelsbilanzdefizit. Das werfe ich Deutschland nicht vor, sie haben in ihrem Interesse geschickt verhandelt. Aber darüber sprechen wir nun“, fasste der US-Präsident sein Credo unmissverständlich zusammen. Einigung? Kompromissbereitschaft? Weder noch.

Und so regiert bei den deutschen Unternehmen bis auf Weiteres das Prinzip Hoffnung. Nämlich die Hoffnung darauf, dass es doch noch einen Ausweg aus dem Handelskrieg gibt. Peter Riehle jedenfalls betont, dass der Zollstreit noch keine Auswirkungen auf die Investitionspläne bei Wittenstein in Illinois hat. Und Caroll Neubauer hofft, dass der Optimismus der deutschen Arbeitgeber in den USA nicht „durch die protektionistische Politik verschwindet“. Garantieren aber könne das keiner. Dennoch: Gemeinsam gelte es für die Ideale – Freihandel, offene Grenzen – zu kämpfen, sagt Neubauer. „Gerade jetzt und in diesen Zeiten.“

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