Michail Chodorkowski "Das Putin-Regime hat Angst"

Exklusiv

Völlig überraschend hat Kremlchef Wladimir Putin die Begnadigung seines seit zehn Jahren inhaftierten Gegners Michail Chodorkowski angekündigt. Noch vor wenigen Tagen – so verriet Chodorkowski im Interview mit der WirtschaftsWoche – wagte er nicht, darauf zu hoffen.

Michail Chodorkowski Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Chodorkowski, demnächst sollen Sie nach elf Jahren aus der Haft freikommen. Glauben Sie daran?

Chodorkowski: Ich versuche, daran gar nicht zu denken. Die Hoffnung auf eine baldige Freilassung könnte mich Mut und Verstand kosten.

Inzwischen haben Sie ein Fünftel Ihres Lebens in Unfreiheit verbracht. Wie hat sich Ihr Verständnis von Freiheit seit der Inhaftierung verändert?

Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in der alten Sowjetunion gelebt. Das Land hat sich damals nicht sehr unterschieden von den Knastbedingungen, unter denen ich heute lebe: Die Bevölkerung stand unter der Kontrolle der Machthaber, für alles brauchte man eine Genehmigung. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Bekleidung war damals etwas besser als jetzt hier in Haft, aber die Freiheit zur Meinungsäußerung verweigerten sie einem schon damals. Insofern hat mir das Gefängnis keine neuen Erfahrungen gebracht. Nur eine Sache finde ich jetzt komisch: Dass die Menschen draußen ihre Unterwürfigkeit gegenüber der herrschenden Macht rechtfertigen, weil sie im Alltag Probleme mit den Machthabern bekommen könnten. Ich weiß, was ernsthafte Probleme mit der Staatsführung bedeuten.

Zur Person

Sie hätten vorzeitig entlassen werden können, wenn Sie Ihre Schuld eingestanden hätten.

Das war nicht möglich. Ich hätte die Schuld für ein Verbrechen tragen müssen, das ich nicht begangen habe. Das wäre Selbstbetrug gewesen.

Ist Ihnen Haltung wichtiger als persönliche Freiheit?

Es geht ja nicht nur um meine persönliche Freiheit. Abgesehen davon, dass ich meine Selbstachtung verloren hätte – es wäre eine Entwürdigung der vielen Menschen gewesen, die in Russland ebenfalls unschuldig hinter Gittern sitzen.

In einem Interview sagten Sie einmal, Sie fühlten sich im Gefängnis freier als draußen. Was meinen Sie damit?

Als ich in Freiheit war, dirigierte ich riesige Unternehmen und war für das Schicksal und Wohlergehen vieler Menschen verantwortlich. Das hatte für mich viele Einschränkungen zur Folge. Als ich im Gefängnis landete und meinen Konzern verlor, war ich plötzlich diese Einschränkungen und Verantwortlichkeiten los. Das hat es mir erlaubt, mich offener zu verhalten.

Lähmt Unfreiheit Ihr Land wirtschaftlich?

Jede globalisierte Volkswirtschaft verlangt den Menschen ein hohes Maß an innovativer Aktivität ab. Die kann sich allerdings nicht entwickeln, wenn die Menschen unter den Bedingungen der Unfreiheit leben. In Russland ist die Folge, dass der Anteil von Unternehmen wächst, die entweder ganz und gar von Rohstoffen abhängen oder deren Produkte keine besondere kreative Leistung erfordert. Daher sinkt die Qualität von russischen Waren immer weiter, die Wirtschaft leidet, die Umwelt ebenso, und letztlich werden die gesellschaftlichen Spannungen weiter zunehmen.

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