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Mikro-Ökonomie im Slum Gute Geschäfte im tiefsten Elend

Dharavi in Mumbai ist einer der größten Slums Asiens. Selbst im Elend haben die Bewohner eine funktionierende Mikro-Ökonomie geschaffen. Doch das Geschäft mit Müll, Textilien und Töpfen wird von Bauinvestoren bedroht.

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Töpferei im Slum: Rund 2000 Betriebe fertigen dort Schalen und Krüge. Quelle: © Robert Wallis/Corbis

Mumbai Mobin hat geschafft, wovon viele der Menschen hier träumen. Mobin lebt zwar an einem der elendesten Flecken dieser Welt, er ist einer von Millionen indischen Slum-Bewohnern. Mobin ist aber auch Unternehmer - er hat mitten im Elend ein florierendes Geschäft aufgebaut.

Seine vor knapp 40 Jahren eröffnete Firma hat mittlerweile mehrere Zweigstellen eröffnet. Dort lässt er rund 50 Angestellte Plastik recyceln und verkauft es anschließend in alle Welt. „Vom Lichtschalter bis zum Blackberry wird so gut wie alles, was Plastik enthält, potenziell mit Materialien aus Dharavi produziert“, erklärt er.

Willkommen in Dharavi, einem der größten Slums Asiens, Drehort von „Slumdog Millionaire“, Sammelstelle für das Not und Elend der Mega-Citys dieser Welt - und ein Platz, an dem große Geschäfte möglich sind. Zwischen den Gassen und Hütten der indischen Slums ist neben sozialen Problemen auch eine ganz eigene Ökonomie entstanden. Menschen leben hier, sie arbeiten hier und manche von ihnen bringen es zu respektablem Wohlstand.

Etwa durch das Recycling von Plastik, ein großes Geschäft im Slum. Tonnenweise wird hier der Plastikmüll aus der umliegenden Stadt Mumbai, der größten indischen Metropole, herangekarrt, sortiert, eingeschmolzen und zu bunten Plastikspänen verarbeitet. Dazu benutzen die Arbeiter Maschinen, die in Deutschland wahrscheinlich vor 50 Jahren bereits ausgemustert worden wären.

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    Dharavi ist in dieser Hinsicht einzigartig unter den indischen Slums. Offiziell beträgt die Einwohnerzahl gut 600.000. Inoffiziell dürfte sie bei weit mehr als einer Million liegen. Schätzungen zufolge beträgt die Wirtschaftsleistung dieses von außen lediglich als Chaos erscheinenden Konstrukts pro Einwohner mindestens 1000 Dollar.

    Dass die Wirtschaftskraft des Slums nicht nur ausreicht, seine Einwohner und ihre Familien zu ernähren, sondern sogar echten Wohlstand schaffen kann, zeigt die Geschichte von Mobin. Sein Großvater zog vor mehr als 50 Jahren in den Slum. Wann genau das war, weiß Mobin nicht mehr. Damals grenzte das Gelände an Sümpfe und Fischerdörfer, heute an Sternehotels und ständig vom Verkehr verstopfte Schnellstraßen. „Genau wie mein Vater begann er als Tagelöhner. Aber sie konnten immer ein wenig Geld sparen, und 1972 hat mein Vater dann seine erste eigene Fabrik gekauft.“

    Wenn Mobin das Wort Fabrik benutzt, dann meint er damit eine zweistöckige Hütte aus Beton, Blech und Plastik. Im Erdgeschoss steht eine gigantische Maschine, die altes Plastik klein schneiden und einschmelzen kann und anschließend als bunt gefärbte Späne wieder ausspuckt. Neben der Maschine herrschen Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad, die Männer, die dort arbeiten, scheinen davon kaum Notiz zu nehmen.


    Aus Armut Reichtum geschaffen

    Seit Mobin und seine zwei Brüder Anfang der 80er-Jahre in den Betrieb eingestiegen sind, hat sich das Wachstum deutlich beschleunigt. Sie kauften Hütten, stellten Arbeiter ein und verbessern den Produktionsablauf. Heute beschäftigen sie zahlreiche Plastiksammler, die mit großen Säcken durch die ganze Stadt ziehen und für rund 20 Cent pro Kilogramm recyclingfähiges Material zusammensuchen. In Sammelzentren sortieren Mitarbeiter dann das Material nach Farben, Verschmutzungsgrad und Verwertbarkeit. In dem, was Mobin Fabriken nennt, wird das Plastik schließlich gesäubert und zu neuem Rohmaterial verarbeitet. Über Zwischenhändler gelangt das so entstehende Granulat schließlich an Produktionsstätten in ganz Indien, wo daraus neue Deckenventilatoren, aber auch Gehäuse für Mobiltelefone und Computer entstehen.

    Mobin hat aus der Armut Reichtum geschaffen. Und Mukesh Mehta möchte Mobin nun vertreiben. Er möchte den Slum abschaffen. Mehta ist Architekt und versucht seit 1997, den Slum neu zu erfinden - Kritiker sagen auch, an seiner Abschaffung zu verdienen. Mehta sagt: „Die Fähigkeiten der Menschen liegen brach.“

    Als Chefberater des „Dharavi Redevelopment Project“ hat er einen gewagten Plan vorgelegt, wie das Gebiet im Herzen Mumbais zu einer modernen Wohn- und Einkaufsgegend werden könnte. „Bisher sind die Häuser im Slum meist zwei- oder dreistöckig. Wenn wir weiter in die Höhe bauen, können wir nicht nur die Einwohner dort unterbringen, sondern ein Geschäfts- und Einkaufszentrum in bester Lage schaffen.“ Sein Plan lautet, alle Einwohner und Unternehmen, die bisher auf rund 2,2 Quadratkilometern existieren, auf gut der halben Fläche unterzubringen.

    Das Geld dafür soll von privaten Investoren kommen. Im Gegenzug sollen sie etwas bekommen, was ihre Ausgaben locker wieder aufwiegen soll: Grundstücke im Herzen einer der teuersten Städte der Welt. Rund um Dharavi kosten Suites in teuren Hotels bis zu 1000 Dollar pro Nacht, für ein nach europäischen Standards renoviertes Appartment in ähnlich guter Lage zahlen Zugezogene das Fünffache pro Monat. Im Norden grenzt Dharavi an das Geschäftsviertel „Banda Kurla Complex“, in dem Unternehmen wie Volkswagen ihre Verwaltung untergebracht haben und dafür gigantische Mieten zahlen. Liebend gerne würden die Investoren das Gelände nach Süden erweitern.

    „Der Neuaufbau nutzt allen Beteiligten“, verspricht Architekt Mukesh Mehta. Die Investoren können endlich das begehrte Land erschließen, und die Slumbewohner bekommen einen Lebensstandard, wie ihn zumindest die untere Mittelklasse in dieser Stadt genießt.“ Selbst für bessere Ausbildung und Gesundheitsfürsorge möchte Mehta mit Hilfe der Investoren sorgen. „Wir wollen Land für Krankenhäuser und Schulen kostenlos abgeben, wenn im Austausch dafür die Slumbewohner diese Services ebenfalls kostenlos erhalten.“ Stünde die neue Infrastruktur den heutigen Slumbewohnern erst einmal zur Verfügung, würden diese automatisch auch wirtschaftlich erfolgreicher.

    Dabei erwähnt Mehta nicht, wie viel Werte in dem Slum schon jetzt entstehen. Offizielle Schätzungen gehen von einer Wirtschaftskraft des Slums von einer halben Milliarde Euro pro Jahr aus, einige Nichtregierungsorganisationen sprechen von mehr als einer Milliarde. Die mindestens 600.000 Menschen, die hier leben, arbeiten in schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Kleinbetrieben.


    Nähen für den reichen Westen

    Dharavi ist in dieser Hinsicht ein verkleinertes Abbild des Landes Indien. Die rund 2000 Töpfereibetriebe werden meist von Gujaratis aus dem Nordwesten des Landes betrieben, die Gerber kommen aus dem ostindischen Tamil Nadu. Knapp ein Drittel der Slumbewohner kommt aus dem nordindischen Uttar Pradesh, das als das Armenhaus Indiens gilt. Sie betreiben die Recyclingbetriebe, die mindestens 5000 Menschen Arbeit geben, oder kleine Nähfabriken, in denen in Schichtarbeit indische Kleidung, aber auch Jeans und Hemden entstehen. Dazu kommen noch große Areale, in denen Arbeiter täglich zehntausende Kleidungsstücke per Hand waschen.

    Wie viel Reichtum in Dharavi aber wirklich entsteht, wird erst im Herzen des Slums wirklich ersichtlich. Der Weg führt über schlammbedeckte Pfade, hindurch zwischen Häusern, die so eng stehen, dass das Tageslicht niemals bis zum Boden durchdringt. Auf den Wegen selbst liegt kaum Geröll, dafür stapelt sich der Müll an den mehr oder weniger offiziellen Sammelstellen umso höher. Öffentliche Toiletten gibt es kaum, die Anwohner gehen deshalb lieber zu nahe gelegenen Gewässern oder den Bahnschienen. „Ein echtes Abwassersystem haben wir hier nicht, wie Sie riechen“, sagt der Chef einer Nähfabrik zur Begrüßung.

    In der Nähfabrik sitzt ein gutes Dutzend Arbeiter auf dem Boden und stickt mit stoischer Ruhe Perlen auf Festgewänder, wie sie indische Männer gerne zur Hochzeit tragen. Die bodenlangen Roben und Turbane sind fast lückenlos mit winzigen Zierperlen besetzt. Ist eines der Kleidungsstücke fertig, wird es in Plastik eingeschweißt und an den Kunden verschickt - meist große Modeketten, die ihre Waren in klimatisierten Kaufhäusern anbieten. Auch westliche Kunden kauften bei ihm ein, versichert ein Lederhändler. In seinem Geschäft hängt dutzendweise hochwertige Lederware. „Fehlt nur noch das Logo“, sagt der Händler und hält den Ärmel einer Lederjacke zwischen Daumen und Zeigefinger, als wolle er die Qualität prüfen.

    Nähfabriken wie diese gibt es zuhauf im nördlichen Teil des Slums, in dem sich viele der Einwanderer aus Uttar Pradesh niedergelassen haben. Während die kleineren Betriebe und Einzelkämpfer meist für den lokalen Markt in Mumbai und Umgebung arbeiten, sind die größeren oft exportorientiert. Selbst nach Europa oder in die USA gehen die Erzeugnisse, die laut ihren Produzenten selbst von großen Modelabels mit ihrem Logo versehen und weltweit angeboten werden.

    Die Stadt Mumbai tut sich schwer, dieses erst unter der Oberfläche sichtbare Wirtschaftsgebilde auseinanderzureißen. Offiziell hat sie die Umbaupläne von Mukesh Mehta längst akzeptiert. Bereits 2004 sollte mit den Bauarbeiten begonnen werden, in diesem Jahr sollten sie fertig werden. Doch bis auf kleinere Abrissaktionen ist bisher nichts passiert. Speziell kurz vor Wahlen möchte niemand die kaum überschaubare Wählermasse im Slum verschrecken. Hinzu kommen zögerliche Investoren.

    Für den Neuaufbau-Chef Mukesh Mehta ist eine Neuordnung des Slums trotzdem alternativlos. „Dharavi mag für seine Verhältnisse sehr produktiv sein, trotzdem begrenzt der Slum die Möglichkeiten seiner Einwohner“, sagt er. „Wir können nicht davon reden, die Schere zwischen Arm und Reich in Indien zu schließen, wenn wir solche Lebensbedingungen mitten in den großen Städten zulassen.“

    Eine von Mobins Hütten wurde bereits abgerissen. Doch das kann er verschmerzen. Er beginnt, sich von Dharavi zu emanzipieren. Schon vor Jahren hat er angefangen, auch außerhalb des Slums kleine Häuser zu kaufen oder zu mieten, und seine Maschinen dorthin bringen lassen. Er kann mittlerweile wie ein normaler Unternehmer arbeiten. Ganz ohne Elend.

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