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Militärische Alternativen Vier Szenarien für Syrien

Es gibt kein Zurück mehr für die USA und ihre engsten Verbündeten: Der Militärschlag gegen Baschar al-Assad kommt, und zwar schon bald. Jedes denkbare Vorgehen ist aber mit erheblichen Nachteilen verbunden – und bei allen werden natürlich Menschen sterben.

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Die Menschen in Syrien wünschen sich Frieden und Freiheit. Ein militärisches Eingreifen des Westens wird immer wahrscheinlicher. Quelle: AP

So ganz verstehen sich die Marktteilnehmer wohl selbst nicht, die seit Anfang der Woche wegen des mit einiger Sicherheit unmittelbar bevorstehenden Angriffs der USA auf Syrien die Aktienkurse an den meisten Weltbörsen purzeln ließen.

Alle Welt spricht heute von amerikanischen Plänen für einen kurzen und begrenzten Militärschlag. So was kann schief gehen und in einen langen, weltwirtschaftlich verheerenden Krieg münden, gewiss, aber wahrscheinlich ist das nicht, wenn wir uns die möglichen vier Szenarien ansehen, die heute durch die Weltpresse gehen:

Raketen auf symbolisch wichtige Zentren des Assad-Systems

Damit sind nicht der Präsidentenpalast auf einem Berg über Damaskus gemeint oder das unheimliche Regierungsviertel am Rand der Damaszener Innenstadt. Erst einmal sterben bei solchen Angriffen regelmäßig nicht die mordlüsternen Spitzenpolitiker, sondern die Adjutanten und die Pförtner. Zweitens würde solches Vorgehen international viel schlechter ankommen, als gezielte Schläge auf Kasernen und Kommandozentralen der Assad-Kerntruppen, also der Republikanischen Garde und der berüchtigten Vierten Division.

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    Die Möglichkeit weiterer Giftgasattacken wäre dann wohl nicht mehr gegeben, aber am Kräfteverhältnis im Bürgerkrieg hätte sich nicht viel geändert. Der Vorteil dabei: Mit von amerikanischen und vielleicht auch britischen Kriegsschiffen auf und unter dem Mittelmeer gestarteten Raketen ließe sich so eine Angriffswelle ohne eigene Verluste (und nebenbei auch zu sehr überschaubaren Kosten) realisieren. Der Nachteil: Assad und seine Freunde in Teheran und in Moskau könnten über die so ebenso völkerrechtswidrig wie wirkungslos agierenden Amerikaner höhnen; so etwas kommt in vielen Ländern gut an.

    Wenn Barack Obama das nicht will, müsste er außer den Raketen auch Stealth-Bomber Richtung Syrien losschicken. Die sind nach Meinung aller Experten den rund um Damaskus installierten russischen Abwehrraketen hoch überlegen, aber das ist auch ein Problem: Nach einer solchen Aktion hätten die USA den kleinen Feind Baschar al-Assad deutlich geschwächt, aber sich einen neuen großen Feind geschaffen: Wladimir Putin. Vernünftig ist anders.

    Bombardierung der Chemiewaffenfabriken und C-Waffen-Lager

    Washington glaubt, genau zu wissen wo Assad das mörderische Kriegsmaterial fabrizieren und bunkern lässt, und diese Orte sind auch nicht so stark mit Abwehrraketen bestückt wie die Hauptstadt Damaskus. Den auf einen solchen Angriff folgenden internationalen Propagandakrieg würde der Westen mit Leichtigkeit gewinnen: Selbst Assads Verbündete in Teheran und Moskau hassen aus eigener leidvoller Erfahrung die Vorstellung, dass irgendwo auf der Welt Sarin und ähnliche Kampfstoffe wie ganz normale Kriegswaffen eingesetzt würden.

    Ein Inspektor der UN macht sich Notizen, während er mit einem mutmaßlichen Giftgas-Opfer spricht. Quelle: dpa

    Das Problem ist hier nicht politisch, sondern technisch. Denn ein Bomben-Angriff auf C-Waffen kann genau die Katastrophe auslösen, die er verhindern will und das mörderische Gift freisetzen. Nach einem israelischen Zeitungsbericht verfügt die amerikanische Luftwaffe aber über hoch spezialisierte Bomben zur C-Waffen-Bekämpfung: Wenn die in der Nähe von Fabriken und Vorratslagern abgeworfen werden, setzen sie eine Unmenge von kleinen chemisch präparierten Metallteilen frei, sozusagen Gegengift-Pfeile, welche die Behälter der C-Waffen durchdringen und die Kampfstoffe durch chemische Reaktionen neutralisieren.

    Das funktioniert nur unter zwei Bedingungen: Die USA und ihre Verbündeten müssen eine große Zahl kleiner Kampfflugzeuge entsprechend präparieren – das kann noch Wochen dauern – und die Bomben müssen wirklich in unmittelbarer Nähe ihrer Ziele fallen – das klappt nach aller Erfahrung aus den Kriegen im Kosovo und im Irak sehr oft nicht.

    Beide Faktoren machen dieses vernünftige Szenario in Syrien unwahrscheinlich; wirtschaftlich interessant ist es bestenfalls für die Filmindustrie, Unterabteilung Armageddon.

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      Zerstörung der syrischen Luftwaffe

      Fragen und Antworten zum giftigen Sarin-Gas

      Nach westlichen Erkenntnissen verfügt Assads Regime heute noch über etwa 100 flugfähige Flugzeuge und etwa 50 Hubschrauber zumeist älterer russischer oder sowjetischer Bauart. Das hat in den vergangenen Monaten gereicht, um die Aufständischen zurückzuwerfen. Denen traut in Washington zwar kaum einer über den Weg, schon weil unter den vielen rivalisierenden Grüppchen Islamisten und Al-Qaida-Freunde offensichtlich am stärksten sind.

      Wenn der Westen Assad ausschalten will, ohne diese Leute mit Waffen zu versorgen, bietet sich der große schnelle Schlag gegen Assads Luftwaffe an. Die verfügt über nur sechs intakte Militärflughäfen – nach einem Angriff westlicher Raketen und Bombenflugzeuge im Morgengrauen stünde Assad ohne Flugzeuge da.

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        Weil so eine Angriffswelle wahrscheinlich viel weniger zivile Menschenleben kosten würde als die anderen Szenarien, befürworten die Assad-Feinde in den Nachbarländern von Saudi-Arabien bis zur Türkei ein solches Vorgehen.

        Ausführen müssten es freilich die Amerikaner, weil die entsprechend ausgebildete Piloten haben. Und Washington wird es sich zwei Mal überlegen, auf das Giftgasverbrechen mit einer Aktion zu reagieren, die unmittelbar nichts mit der C-Waffe zu tun hat, vom UN-Sicherheitsrat niemals gebilligt würde und überdies am Kriegsgeschehen erst einmal nichts Entscheidendes ändert. So etwas mögen Politiker meistens nicht.

        Dauerhafte US-Präsenz im syrischen Luftraum

        Militärschlag gegen Syrien verängstigt Anleger

        Eine Flugverbotszone – das mag den Gegenspielern der USA in Moskau bekömmlicher vorkommen als die Zerstörung des Fluggeräts aus ihrer eigenen Produktion. Auch eine unzerstörte syrische Luftwaffe wäre viel zu schwach für den Luftkampf gegen amerikanische Eindringlinge. Die müssten freilich die syrische Luftabwehr ausschalten und sich irgendwie mit den Anti-Assad-Kämpfern am Boden koordinieren, etwa nach dem Vorbild der britischen und französischen Aktionen im libyschen Bürgerkrieg vor zwei Jahren.

        Was angesichts des berechtigten westlichen Misstrauens gegen viele der Aufständischen kompliziert werden dürfte: Die Luftwaffe der USA und ihrer Verbündeten könnte in einen Dreifrontenkrieg geraten. Überdies wäre die wirklich kostspielige Errichtung einer entsprechenden militärischen Infrastruktur im östlichen Mittelmeer erforderlich, also die ständige Präsenz von Flugzeugträgern und Auftankflugzeugen. Das könnte richtig teuer werden und genau die Bindung des US-Militärs an eine einzige Weltregion bedeuten, die Obama und seine Berater immer vermeiden wollten.

        Ausland



        Sparen ließe sich da nur, wenn die Air Force ganz auf Drohnen setzt, nach den Vorbildern Afghanistan und Jemen. Die müssten allerdings in Grenznähe postiert werden, wahrscheinlich in Jordanien und der Türkei. Was die dortigen Regierungen wahrscheinlich nach den ersten Youtube-Bildern von zivilen syrischen Drohnen-Opfern in Schwierigkeiten bringen würde. Ein Rezept also zur Internationalisierung der Syrien-Krise.

        Was bedeutet das alles für die Wirtschaft?

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          Die Aktien- und Rohstoffhändler, die in diesen Tagen Syriens wegen nervös auf ihre Bildschirme gucken, müssten eigentlich ganz froh über ihre Arbeitsplätze sein. Entscheidungen wie in den politischen und militärischen Stäben in Washington oder London zu fällen, ist jedenfalls schwieriger. Und – ganz nebenbei – die Berliner Grundentscheidung, gar nichts zu entscheiden, sondern sich herauszuhalten, ist nur scheinbar leicht.

          Spätestens nach der nächsten Welle von Schreckensbildern aus Syrien sprechen wir uns notgedrungen wieder.

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