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Minus 6,8 Prozent Chinas Wirtschaft bricht ein: Wie geht es jetzt weiter?

Schon ein Wachstum von 6,1 Prozent, das im Gesamtjahr 2019 erreicht wurde, gilt in China als niedrig. Quelle: AP

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten verzeichnet China ein negatives Wachstum. Das Minus dürfte bald wieder ausgebügelt sein. Wie lange es dauert, hängt auch von Pekings Bereitschaft zu weiteren Hilfsmaßnahmen ab.

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Man muss schon lange in der Geschichte zurückgehen, um die letzte Schrumpfphase der chinesischen Wirtschaft auszumachen. 1976 verzeichnete die zweitgrößte Volkswirtschaft zum Ende der Kulturrevolution zum letzten Mal ein negatives Wachstum. Zumindest auf Quartalssicht ist es nun wieder soweit: Wie das Pekinger Statistikamt mitteilte, brach das Bruttoinlandsprodukt in den ersten drei Monaten des Jahres im Vorjahresvergleich um 6,8 Prozent ein. Das ist eine Premiere. Seit die chinesischen Statistiker 1992 mit der Erhebung der dreimonatigen Zahlen begannen, gab es noch nie einen Minuswert.

Der deutliche Rückgang zeigt, wie schwer chinesische Unternehmen vom Ausbruch des Coronavirus getroffen wurden.

Schon ein Wachstum von 6,1 Prozent, das im Gesamtjahr 2019 erreicht wurde, gilt in China als niedrig. In Folge der Corona-Pandemie erlebt die Volksrepublik nun etwas bis vor Kurzem noch unvorstellbares: Eine schrumpfende Wirtschaft. Doch klar scheint schon jetzt, dass diese Schrumpfung nicht lange anhalten wird.

Die strengen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus hatten die chinesische Wirtschaft seit Ende Januar praktisch zum Stillstand gebracht. Die Auswirkungen wurden daher besonders im Februar spürbar. Seit Wochen nehmen Fabriken und Unternehmen die Arbeit langsam wieder auf und eine erste Stabilisierung ist erkennbar.

Während die meisten Ökonomen vermuten, dass der schlimmste Einbruch bereits vorüber ist, herrscht Uneinigkeit darüber, wie schnell das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht werden kann. „Eine schnelle Erholung der chinesischen Wirtschaft im zweiten Quartal ist in Anbetracht der aktuellen Lage nicht zu erwarten“, sagt Max Zenglein, Wirtschaftsexperte beim China-Institut Merics in Berlin.

Die Wirtschaftsleistung komme nach dem Stillstand nur langsam in die Gänge. Zudem werde das Land die Auswirkungen der fallenden globalen Nachfrage erst in den kommenden Wochen voll zu spüren bekommen. „Der Krisenmodus wird auch in China noch eine Weile anhalten“, sagt Zenglein.

Dass für Chinas Wirtschaft viel davon abhängt, wie sich die Corona-Pandemie im Rest der Welt entwickelt, glaub auch der chinesische Ökonom Huang Weiping: „Wenn sich die Weltwirtschaft schnell erholt, dann wird sich auch China rasch erholen“. Nur mit einer starken Nachfrage im Inland werde es jedoch schwierig, das Wirtschaftswachstum schnell wieder anzukurbeln: „Ein negatives Wachstum wird es aber nicht mehr geben“, ist der Wirtschaftsprofessor überzeugt.

Wie dynamisch die Erholung verläuft, dürfte auch davon abhängen, wie sehr Peking der Wirtschaft mit Stützungsmaßnahmen unter die Arme greift. Kaum ein Beobachter glaubt, dass die Regierung bereits sämtliche Register gezogen hat. Zwar zieht der heimische Konsum langsam wieder an. Weil sich das Coronavirus nun im Rest der Welt verbreitet, brechen jedoch für Chinas Exporteure schwere Zeiten an. Wenn die Weltwirtschaft ins Stottern gerät, bekommen sie das zuerst zu spüren.

Eine Vielzahl von fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen hat Peking bereits auf den Weg gebracht. Dabei geht es vor allem darum, kleine und mittelgroße Unternehmen steuerlich zu entlasten und ihnen den Zugang zu Kapital zu vereinfachen. Es wurden allerdings auch neue Infrastrukturprogramme etwa für den 5G-Netzausbau angekündigt.

Wie schnell sich eine Erholung einstellt, wird davon abhängen, wie gut die Maßnahmen der Regierung greifen und wie schwer die Weltwirtschaft durch die Ausbreitung des Virus in anderen Regionen getroffen wird.

Obwohl klar ist, dass die Schwächen des Stillstands der vergangenen Monate enorm sind und zu Pleiten und steigender Arbeitslosigkeit geführt haben, scheut Peking bislang davor zurück, ein massives Stützungsprogramm wie 2009 nach der Finanzkrise auszurufen. Damals summierte sich das größte Konjunkturpaket in der Geschichte des Landes auf vier Billionen Yuan (etwa eine halbe Billion Euro), oder zwölf Prozent des BIP.

Die Regierung versucht bereits seit 2018, die Risiken im Finanzsystem im Griff zu bekommen. Ein massives Konjunkturprogramm wie zu Zeiten der globalen Finanzkrise würde alle Fortschritte zunichtemachen.

Trotzdem werden Rufe nach mehr Hilfen laut: „Es ist jetzt notwendig, Unternehmen mehr gezielte Hilfe zu geben“, sagt der Pekinger Wirtschaftsprofessor Huang Weiping. Seine Kollegin Ye Tan stimmt ihm zu: „Ich denke, die bestehenden Maßnahmen werden weiter ausgebaut.“ Spekuliert wird derzeit, dass es Peking den Lokalregierungen gestatten könnte, Sonderanleihen in einem Umfang von bis zu 2,8 Billionen Yuan auszugeben, um weitere Infrastrukturinvestitionen voranzutreiben. Gemessen am Anteil des heutigen BIP würde dieses Paket nur etwa ein Viertel der Hilfsmaßnahmen nach der Finanzkrise 2008 ausmachen.

Welche weiteren Maßnahmen kommen und welche nicht, dürfte klarer werden, wenn Chinas Volkskongress zu seiner Jahrestagung zusammenkommt. Nach der Absage wegen der Corona-Pandemie Anfang März, wird vermutet, dass das wichtigste politische Treffen des Jahres bis Juni über die Bühne gehen könnte. Eine offizielle Bestätigung für den Termin gibt es aber noch nicht.

Kommen die Delegierten in der „Großen Halle des Volkes“ zusammen, wird Premierminister Li Keqiang auch das Wachstumsziel für dieses Jahr verkünden. Das dieses, wie eigentlich noch im Dezember vorgesehen, auf rund sechs Prozent gesetzt wird, halten nur noch wenige Beobachter für möglich. Die Weltbank geht mittlerweile für China von einem Wachstum von nur noch 2,3 Prozent aus. Im Worst-Case-Szenario könnten es sogar nur 0,1 Prozent sein.

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