Mitarbeiter kommen nicht raus „Alle, die jetzt kommen, wollen wohl wieder zurück in die Ukraine“

Seit 1999 ist der Münchener IT-Dienstleister eVorsorge Systems im aktuell umkämpften Charkiw aktiv und beschäftigt dort etwa 60 Beschäftigte als Entwickler und IT-Fachleute. Quelle: Getty Images

Die IT-Fachleute eines Münchener IT-Dienstleisters in Charkiw glaubten nicht an Krieg. Dann war die Ausreise plötzlich unmöglich. Der Geschäftsführer berichtet, wie er seinen Leuten nun aus der Ferne hilft.

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Russland steht mit einem massiven Militärkonvoi vor Kiew. Heftiger Beschuss wurde am Dienstag auch in der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine gemeldet. Für das Softwarehaus eVorsorge aus München ist der Krieg damit sehr nah. Mit rund 110 Mitarbeitern bietet die Firma IT für Finanzdienstleister. Von ihnen arbeiten rund 60 als Entwickler und IT-Fachleute im Tochterunternehmen in der Ukraine. Schon seit 1999 besteht eine Verbindung nach Charkiw. An der Universität dort vergibt das Unternehmen auch Stipendien an Studenten, die dann in Projekten mitarbeiten. Das jetzt angegriffene Land ist auch Absatzmarkt für eVorsorge. Schon im Krimkonflikt 2014 waren dabei Folgen spürbar. Im Donezk-Gebiet verschwanden drei Kunden vom Markt. Vor acht Jahren holte deshalb das Team um Geschäftsführer Stefan Huber Leute und einen Teil der Entwicklung aus der Ukraine nach Deutschland.

WirtschaftsWoche: Was bedeutet der Krieg in der Ukraine für Ihr Unternehmen eVorsorge, das mit rund 110 Mitarbeitern Software für Finanzdienstleister anbietet?
Stefan Huber: Etwa 60 Beschäftigte arbeiten als Entwickler und IT-Fachleute für unser Tochterunternehmen in der Ukraine. Wir sind seit 1999 in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. An der Universität dort vergeben wir auch Stipendien an Studenten, die in Projekten mitarbeiten. Für uns ist die Ukraine auch ein Markt. Die Krimkrise 2014 war bereits zu spüren: Im Donezk-Gebiet hatten wir drei Kunden, die vom Markt verschwanden. Damals haben wir Leute und einen Teil der Entwicklung nach Deutschland geholt.

Welche Rolle spielen die 60 Fachleute im Unternehmen, die nun im Krieg leben und vielleicht zum Kriegsdienst eingezogen werden?
Sie erfüllen alle möglichen Aufgaben: Entwicklung, Testung, Qualitätssicherung oder Business-Analyse. Es sind hochqualifizierte Leute, etwa zur Hälfte Männer und Frauen. Zwei Drittel arbeiten heute (am Montag), das ist bei uns im System sichtbar. 28 sind noch im umkämpften Charkiw, einige in anderen Städten gestrandet. Sie sind mit dem Auto losgefahren und kommen nicht mehr weiter. Einige sind in Hotels, manche stehen vor der Grenze. Je nachdem wie die Mobilmachung verläuft, werden sie nicht ausreisen können. Es ist alles extrem schwierig.

eVorsorge-Systems-Geschäftsführer Stefan Huber. Quelle: Presse

Als klar war, dass der Krieg kommt – wie haben Ihre Leute in der Ukraine reagiert?
Sie haben es nicht vorhergesehen. Man muss es so klar sagen. Die Kriegsgefahr haben viele in der Ukraine unterschätzt. Unser Unternehmen hat vorher versucht, einzelne nach Deutschland zu bringen. Das passierte unter dem Vorwand einer Belohnung für gute Leistung, als Incentive. Fünf Menschen haben wir so zuletzt hierhergebracht. Wir wollten andere ausfliegen, die Tickets waren gekauft. Am Mittwoch konnten wir noch über Warschau ausfliegen, am Donnerstag war es zu spät. Der Luftraum war geschlossen. Wir wollten früher reagieren, aber die Menschen haben geglaubt, dass es keinen Krieg gibt.

Was können Sie als Unternehmen in dieser Lage noch tun?
Viel können wir nicht tun. Solange das Bankensystem noch funktioniert, können wir für Liquidität sorgen, damit unsere Leute an Geld kommen. In Deutschland haben wir einige Ferienwohnungen auf Vorrat angemietet. Wenn jemand kommt, können wir ihn und seine Familie auffangen. Unsere Mitarbeiter hier können bei der Betreuung helfen.

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Wie funktioniert der Kontakt mit Ihren versprengten Beschäftigten in der Ukraine?
Wir sind mit allen in Verbindung. In der Früh und am Abend nehmen wir gezielt Kontakt auf, fragen wo die Menschen sind und wie ihre Situation ist. Viele sind nicht darauf ausgerichtet, nach Deutschland zu kommen. Sie haben sich in der Ukraine ihre Zukunft aufgebaut – im Beruf und privat. Alle, die jetzt kommen, wollen wohl wieder zurück.

Was muss die Bundesregierung tun, damit Ukrainer von Deutschland aus arbeiten können?
Wir wollen sie ohne aufwändigen Prozess hier anstellen. Es ist keine Zeit für eine Fachkräfte-Einwanderung per Blue Card. Die Einreise für die Familien ist unproblematisch. Die Regierung sollte weiter so pragmatisch und unbürokratisch sein wie bisher in der Krise.

Einige Ukrainer arbeiten schon länger in Deutschland für Sie – wie kommt das?
Es sind etwa 20 Beschäftigte, die schon länger hier sind. Sie sind über die Blue Card, als Fachkräfte, nach Deutschland eingewandert. Ursprünglich hatten wir uns in Südeuropa und in Osteuropa nach IT-Leuten umgeschaut. Die Mentalität und die Zuverlässigkeit haben im Osten besser gepasst.

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Wenn der Krieg länger dauert, auf was stellen Sie sich ein?
Als Unternehmen würden wir wahrscheinlich sogar profitieren. Es kommen viele junge Menschen aus der Ukraine heraus, die gut ausgebildet sind. Der Markt für IT-Fachleute ist sehr umkämpft in Deutschland und da werden wir die Leute umwerben und auf verschiedenen Kanälen ansprechen. Aber erst einmal hoffen wir und gehen davon aus, dass wir zu allen Mitarbeitern in der Ukraine den Kontakt halten und sie weiter für uns arbeiten können. Das ändert sich, falls die Ukraine in der Fläche von Russland besetzt und wenn das Internet gekappt wäre.

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