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Nach dem Brexit Britische Wirtschaft weiter unter Druck: wenig Interesse an Sondervisa

Mithilfe eines Notfallprogramms wollte London Versorgungsengpässe vor Weihnachten vermeiden. Doch das Fazit fällt nun ernüchternd aus.

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In Großbritannien fehlen Tausende Lkw-Fahrer. Quelle: dpa

Mit Tausenden Sondervisa für ausländische Metzger und Lastwagenfahrer wollte die britische Regierung vor Weihnachten die Versorgungsengpässe bekämpfen. Doch kurz vor den Feiertagen fällt das Fazit ernüchternd aus. „Die Anzahl sowie Geschwindigkeit bei der Bearbeitung von Notfallvisa für Metzger war bisher enttäuschend“, teilte der Branchenverband British Meat Processors Association (BMPA) der Deutschen Presse-Agentur mit.

Der Verband rechnet nicht damit, dass in diesem Jahr überhaupt viele ausländische Helfer ins Land gekommen. Die Regierung hatte das Visaprogramm damit begründet, dass die Fachkräfte helfen würden, das Weihnachtsessen zu sichern.

Das Innenministerium in London will derzeit keine Angaben machen, wie viele Menschen sich für die auf mehrere Monate befristeten Visa als Lastwagenfahrer und Fachkräfte für die Fleischverarbeitung beworben haben. Es lägen zwar Daten vor, schrieb die Behörde als Antwort auf einen sogenannten Freedom of Information Request (FOI) der Deutschen Presse-Agentur. Aber: „Eine vorzeitige Offenlegung von Statistiken (...) würde die Fähigkeit des Ministeriums beeinträchtigen, seine Personalressourcen planmäßig effektiv einzusetzen.“

Es sei zu befürchten, dass eine Auskunft zu weiteren Nachfragen führen werde. Dies könne die Vorbereitung der regulären vierteljährlichen Statistik zur Arbeitsmigration verzögern, die für den 24. Februar 2022 geplant ist. „Die genaue Aufschlüsselung der angeforderten Informationen wird zwar dann nicht veröffentlicht, ist aber Bestandteil der Gesamtzahlen“, hieß es weiter.

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    Nach dem Brexit hatte die konservative Regierung die Einwanderungsregeln erheblich verschärft. Das hemmt den Zuzug von Fachkräften aus der EU. Mit den Visa will die britische Regierung den erheblichen Fachkräftemangel bekämpfen.

    BMPA: Bewerbungsfrist für Sondervisa zu knapp

    Weil bis zu 100.000 Lkw-Fahrer fehlen, klafften immer wieder große Lücken in Supermarktregalen, tagelang hatten Tankstellen keinen Treibstoff. Truthahnzüchter und Schweinebauern klagten aufgrund fehlender Kräfte in den Schlachthöfen über einen Rückstau. Tausende gesunde Tiere mussten gekeult werden, weil auf den Höfen kein Platz war.

    Die Bewerbungsfrist für die Sondervisa bis zum 31. Dezember sei viel zu knapp, um geeignete Bewerber zu finden, und müsse verlängert werden, betonte der BMPA. Ein Problem sei zudem, dass die vier von der Regierung beauftragten Personalvermittlungsunternehmen keine Erfahrung in der Einstellung von Metzgern haben. „Sie wissen erst jetzt, worauf sie achten müssen und wie sie Fähigkeiten genau einschätzen können.“

    Insgesamt hatte die Regierung Visa für bis zu 4700 Lkw-Fahrer, 5500 Geflügelfleischverarbeiter und 800 Schweinemetzger angeboten. Als problematisch gilt dabei, dass Fahrer von Lebensmitteltransporten einen Führerschein eines EU-Mitgliedslandes oder aus Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz haben müssen.

    Schuld an der Lage trägt nach Ansicht des Verbands die Regierung von Premierminister Boris Johnson: Sie habe kein Verständnis für den enormen Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt durch Brexit und Corona-Pandemie.

    Die Regierung hat wiederholt die Wirtschaft dazu aufgerufen, britische Arbeitskräfte einzustellen und auszubilden. Aber: Facharbeiter, wie sie akut benötigt würden, gebe es in Großbritannien derzeit einfach nicht, hieß es vom BMPA. „Es wird zwei Jahre dauern, um Briten zu rekrutieren und auszubilden.“ Fazit: „Kapazität und Arbeitsmoral der britischen fleischverarbeitenden Industrie leiden unter dem chronischen Arbeitskräftemangel.“

    Die dpa hatte am 23. November in einem FOI Auskunft darüber gefordert, wie viele Menschen aus welchen Ländern sich zu dem Zeitpunkt auf die Sondervisa beworben hatten und wie viele angenommen wurden. Diese Anfragen müssen in der Regel innerhalb von 20 Werktagen beantwortet werden. Die Auskunft kann unter genauer Angabe von Gründen verweigert werden.

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