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Nach der Abwertung USA verlieren Top-Rating

Die USA haben erstmals ihre Spitzenbonitätsnote bei einer führenden Ratingagentur verloren. Das verärgert die chinesische Staatsführung. Der Weltwirtschaft drohen weitere Turbulenzen.

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Auf Halbmast: Die wirtschaftliche Lage der USA wird immer bedrohlicher. Quelle: handelsblatt.com

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die US-Bonität von der Bestnote „AAA“ auf „AA+“ herabgestuft. Zugleich warnte die Agentur, der langfristige Ausblick sei negativ. Damit droht den USA in den nächsten zwölf bis 18 Monaten eine weitere Herabstufung.

Als Konsequenz schließen Experten weitere Turbulenzen auf den Finanzmärkten nicht aus. Bereits in den vergangenen Tagen hatte es in den USA sowie in Europa erhebliche Kursverluste gegeben. Möglich seien auch Zinserhöhungen als Folge der Herabstufung.

Die bei der Anhebung der Schuldengrenze zwischen Regierung und Kongress verabredeten Sparziele reichten nicht aus, teilte S&P zur Begründung mit. Die beiden anderen großen Ratingagenturen Moody's und Fitch hatten nach der Einigung zwischen Demokraten und Republikanern am Dienstag vorerst an der Spitzennote AAA festgehalten.

Die US-Regierung kritisierte die S&P-Entscheidung. Ihr liege ein Rechenfehler zugrunde, sagte ein Sprecher der Finanzministeriums. Eine Beurteilung, die mit einem Fehler von zwei Billionen Dollar behaftet sei, spreche für sich. In Regierungskreisen hieß es, die Agentur habe die Zahl zwar aus ihrer Analyse gestrichen, der Fehler lasse aber an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln.

China hat die USA nach der Herabstufung ihrer Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor's scharf kritisiert und umfangreiche Sparmaßnahmen gefordert. In einem am Samstag von der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichten Kommentar heißt es, die amerikanische „Schuldenabhängigkeit“ gefährde die Weltwirtschaft. Washington müsse seine „gigantischen Militär-Ausgaben und die aufgeblähten Kosten für Sozialhilfe“ kürzen. Peking hält derzeit 1,2 Billionen Dollar an US-Schulden, mehr als jedes andere Land. 

Sollten die USA dabei scheitern, „innerhalb ihrer Möglichkeiten zu leben“, würden weitere „verheerende Herabstufungen der Kreditwürdigkeit“ und globale Finanzturbulenzen folgen, hieß es bei Xinhua weiter. Als „größter Gläubiger der einzigen Supermacht der Welt“ habe China das Recht, von der US-Regierung zu fordern, dass sie ihre strukturellen Schuldenprobleme angehe.

S&P hatte bereits Mitte Juli angekündigt, die US-Bonitätsnote zu überprüfen und eine Herabstufung vom Ausgang des Schuldenstreits abhängig gemacht. Die Agentur mahnte damals einen Defizit von vier Billionen Dollar an. Der nach wochenlangem Ringen im Kongress am Dienstag besiegelte Kompromiss sieht dagegen nur Einsparungen von etwas mehr als zwei Billionen Dollar vor.

"Die Herabstufung spiegelt unsere Meinung wider, dass der Plan zur Haushaltskonsolidierung, den der Kongress und die Regierung kürzlich vereinbart haben, nicht ausreicht, um die mittelfristige Dynamik bei den Staatsschulden zu stabilisieren", erklärte S&P. Es sei zudem zweifelhaft, dass sich Demokraten und Republikaner auf zusätzliche Einsparungen einigen können.

Nicht völlig unerwartet

Mit gesenkten Bonitätsnote dürften Kredite für die Regierung, aber auch für Unternehmen und Verbraucher in den USA teurer werden. Experten rechnen damit, dass sich die staatlichen Kreditkosten mit der Zeit um 100 Milliarden Dollar verteuern könnten. Die US-Notenbank erklärte, Auswirkungen auf die Konjunkturstützen der Federal Reserve wie das Notkreditprogramm und das Programm zum Aufkauf von Anleihen gebe es nicht. Auch gebe es keine Änderungen für die Banken im Umgang mit US-Bonds.

Für die Finanzmärkte kann die Herabstufung kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Die Furcht vor einer erneuten Rezession in den USA und einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise hatten in dieser Woche weltweit zu Panikverkäufen an den Börsen geführt. Die S&P-Entscheidung komme aber nicht völlig unerwartet, sagte Analyst Vassili Serebriakov von Wells Fargo. "Sie dürfte bereits teilweise in den Dollar-Kurs eingepreist sein. Wir erwarten zwar weiter großen Druck auf den Dollar, aber ein großer Ausverkauf ist nach unserer Einschätzung unwahrscheinlich." Das liege wohl aber auch daran, das es nur wenige Alternativen zu US-Staatsanleihen gebe.

Der Aktionärsschützer Ulrich Hocker hält die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit für einen überfälligen Schritt. „Der Markt hat das doch längst erwartet“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Nach einer der verlustreichsten Wochen in der Geschichte des DAX sagte Hocker, Investitionen würden immer risikoreicher, weil die Trend schneller wechselten. Trotz der steigenden Unsicherheit seien ausgewählte deutsche Aktien noch immer eine gute Investition. Einsteiger hätten nun günstige Kaufmöglichkeiten.

Aufgrund der Bedeutung des US-Dollar als Leitwährung könnte die Abwertung die Weltwirtschaft, die bereits unter der Euro-Krise leidet, weiter ins Trudeln bringen. Trotzdem macht sich Frankreichs Wirtschaftsminister François Baroin keine Sorgen um die US-Wirtschaft. „Frankreich hat ein uneingeschränktes Vertrauen in die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft“, sagte er am Samstag. Baroin lobte die US-Regierung für ihr „entschlossenes Vorgehen“, um die Schulden in den Griff zu bekommen. Die Herabstufung der US-Bonität dürfe man nicht überbewerten.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) wollte sich nicht äußern. „Ratings einzelner Agenturen werde ich nicht kommentieren“, sagte er der „Bild am Sonntag“ laut Vorabbericht.

Auch andere Länder bemühten sich um Ruhe. Ein namentlich nicht genannter japanischer Regierungsvertreter sagte der Nachrichtenagentur Dow Jones, Tokio habe weiter Vertrauen in US-Staatsanleihen, die durch die Herabstufung nicht an Attraktivität verlören. In Südkorea fand ein Krisentreffen im Finanzministerium statt. Vize-Finanzminister Yim Jong Yong erklärte, auch wenn kurzfristige Auswirkungen möglich wären, müsse sein Land nicht „außerordentlich besorgt“ sein. Das Bundesfinanzministerium wollte die Herabstufung zunächst nicht kommentieren.

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