Nach der russischen Invasion „Wir werden versuchen, Unternehmen bei der Umsiedlung zu helfen“

Die Ukraine will den Geschäftsverkehr aufrecht halten. Exporte sollen weiter ins Ausland gelangen, doch die Logistik bereitet Kopfzerbrechen.

Unternehmer-Präsident Gennadiy Chyzhykov versucht in der Ukraine trotz aller Widrigkeiten die Wirtschaft zu unterstützen. Exporte für deutsche Autobauer sollen weiter fließen. Ein Gespräch im Ausnahmezustand.

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Sechs Tage verbrachte er im Keller, um sich vor russischen Bomben zu schützen. Dann verließ Gennadiy Chyzhykov die Hauptstadt Kiew. Er schlafe schlecht seit dem Beginn der russischen Invasion, erzählt er. Es sei, als fühle er den Krieg im ganzen Körper.

Chyzhykov ist Präsident der ukrainischen Handelskammer, in einer Regionalkammer hat er Unterschlupf gefunden. Die Zoom-Verbindung in ein Land im Krieg funktioniert einwandfrei, besser als in die deutsche Provinz. Hinter dem 58-Jährigen sind bunte Broschüren in einem Regal aufgereiht, eine typische Bürokulisse. Aber auch außerhalb Kiews ist die Ukraine weit von der Normalität entfernt. „Die Heizung funktioniert nicht richtig“, sagt er, eingepackt in eine dicke graue Fleecejacke.

Für das Gespräch hat der Ökonom Zahlen vorbereitet. Zwölf Flughäfen, fünf Kraftwerke, 350 Brücken, 25.000 Kilometer an Straßen wurden in diesem Krieg bereits beschädigt. Der Schaden betrage geschätzt 54,3 Milliarden Dollar. Der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj nennt am selben Tag einen Schaden von 100 Milliarden Dollar. Stündlich geht die Zahl nach oben.

Chyzhkov versucht von seinem neuen Standort aus, die 25 regionalen Handelskammern der Ukraine zu koordinieren. Er zeichnet eine Karte der Ukraine und hält sie in die Kamera. Im Osten sei die Situation besonders schlimm, sagt er. Aber alle der 25 Regionen seien mittlerweile bombardiert worden. Nur ein Viertel der Unternehmen sei aktiv. Er hofft, dass Unternehmen trotz des Krieges nicht aufgeben: „Wir werden versuchen, Unternehmen bei der Umsiedlung in den Westen zu helfen.“ Er gibt zu, dass das bei Unternehmen mit großen Investitionen nur schwer möglich sein wird.

Chyzykov und sein Team wollen jeden Funken von Normalität bewahren: „Die Ukraine will den Geschäftsverkehr aufrecht halten.“ Exporte sollen weiter ins Ausland gelangen, doch die Logistik bereite Kopfzerbrechen. Er ist immerhin optimistisch, dass die ukrainischen Unternehmen, die deutsche Automobilhersteller beliefern, weiter produzieren können. „Die meisten davon befinden sich im Westen des Landes.“ Ein Viertel der ukrainischen Exporte nach Deutschland sind Automobilteile. Die Ukraine ist ein wichtiger Hersteller von Kabelbäumen. Deutsche Autohersteller befürchten bereits, dass es durch den Krieg in der Ukraine bei Kabelbäumen zu Engpässen wie bei Halbleitern kommen könnte.

Lesen Sie hier, welche Güter Deutschland aus der Ukraine importiert.

Chyzhkov schaut während des Gesprächs immer wieder auf sein Handy. Die Schwester seiner Frau ist mit zwei Kindern nach Polen geflüchtet und in Sicherheit. Aber seine Mutter und sein Bruder befinden sich in einem Sommerhaus auf dem Land. Alle Straßen im Umkreis sind bombardiert. „Niemand ist sicher“, sagt Chyzhykov über sein Land.

Sieben Millionen Ukrainer haben ihren Wohnort verlassen müssen, schätzt Chyzhykov. Er selbst ist zum zweiten Mal auf der Flucht. 2014 nach der russischen Annexion der Krim verließ er seine Heimatstadt in den Seperatistengebieten und hinterließ sein Hab und Gut. Er ist einer der russischsprachigen Ukrainer, die Russlands Präsident Wladimir Putin angeblich befreien will. Er sei stolz auf sein Heimatland, sagt Chyzhykov. „Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden! Bleibt stark“, schließt die jüngste Pressemitteilung der ukrainischen Handelskammer.

Auch die indirekten Folgen des Kriegs beschäftigen Chyzykov in diesen Tagen, etwa die hohen Energiepreise. Die Ukraine kauft kein russisches Öl, das Gas kommt vom europäischen Markt, wo die Preise in die Höhe schießen. Die Regierung, erzählt er, hat den Landwirten die Kosten für Energie vorgestreckt. Erst nach der Ernte im Herbst würden die Beträge fällig.

Nach dem Krieg brauche sein Land einen Marshall-Plan, sagt Chyzykov. Viele westliche Länder hätten die Bereitschaft dazu zum Glück schon erklärt: „Es motiviert uns Ukrainer, dass wir nach dem Krieg Unterstützung bekommen.“

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Eines enttäuscht Chyzykov allerdings sehr: Dass die EU die Aufnahme seines Landes nicht beschleunige. Gerade erst beim EU-Gipfel in Versailles haben es die Staats- und Regierungschefs bei vager Sprache belassen. „Es würde Euch nichts kosten, uns aufzunehmen“, sagt Chyzykov.

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