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Nach der US-Wahl Warum China auf Biden hofft – und enttäuscht werden könnte

China hofft auf mehr Rationalität am Verhandlungstisch die dazu führt, dass eine weitere rasante Erosion der Beziehungen oder sogar eine unkontrollierbare Eskalation unwahrscheinlicher werden. Quelle: REUTERS

Peking setzt darauf, dass der neu gewählte US-Präsident weniger erbarmungslos als Trump vorgeht. Biden dürfte zwar diplomatischer auftreten, aber auch neue Partner im Kampf gegen China auf seine Seite ziehen.

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Als CNN und die amerikanische Nachrichtenagentur AP am Samstag als erste Joe Biden als Gewinner der Präsidentschaftswahl ausriefen, ließ die Reaktion aus China nicht lange auf sich warten. Zwar ging die Führung nicht so weit wie Angela Merkel oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die alles stehen und liegen ließen und Biden umgehend zu seinem Wahlerfolg gratulierten.

Peking lässt Vorsicht walten und wird formelle Glückwünsche erst übermitteln, wenn Donald Trump seine Niederlage tatsächlich eingestanden hat. Erst dann können die Chinesen sicher sein, dass sie in den kommenden vier Jahren doch nicht wieder mit dem alten Präsidenten sondern einem neuen Gesicht im Weißen Haus zu tun haben werden.

Trotz der offiziellen Zurückhaltung lässt sich in Chinas Staatsmedien erkennen, dass die Wahl Bidens dort mit vorsichtigem Optimismus aufgenommen wird. Zwar sieht man kaum eine Chance, die Uhr zurückzudrehen und das Auseinanderdriften der beiden Supermächte umzukehren.



Zumindest aber könnte mehr Rationalität am Verhandlungstisch dazu führen, dass eine weitere rasante Erosion der Beziehungen oder sogar eine unkontrollierbare Eskalation unwahrscheinlicher werden. Das Wahlergebnis könnte die Möglichkeit für die Wiederaufnahme der Kommunikation auf hoher Ebene bieten, heißt es etwa in der parteinahen Zeitung „Global Times“. Dies sei ein wichtiger Schritt, um gegenseitiges Vertrauen wieder aufzubauen.

Die Zeitung schlägt vor, dass beide Länder bei der Eindämmung des Coronavirus und der Entwicklung von Impfstoffen zusammenarbeiten könnten, und stellt fest, dass Biden in auswärtigen Angelegenheiten „gemäßigter und reifer“ sei als Trump. „Southern Daily“, eine ebenfalls staatliche Zeitung aus der südlichen Provinz Guangdong, analysiert, dass Biden anders als Trump höchstwahrscheinlich nicht China, sondern wieder Russland als die größte ausländische Bedrohung für die Vereinigten Staaten behandeln würde. Man müsse sich aber keine Illusionen machen: „Die Dinge werden nie wieder so sein, wie sie einmal waren.“

Dennoch, so heißt es bei chinesischen Beobachtern, macht sich Peking zarte Hoffnungen, dass der Anfang des Jahres mit Washington geschlossene Handelsdeal zumindest mit leichten Zugeständnissen für die Chinesen nachverhandelt werden kann. Auch hoffe Peking darauf, dass Biden als Zeichen des guten Willens die Schlinge vom Hals des chinesischen Techgiganten Huawei nehmen wird, den Trump mit existenzbedrohenden Sanktionen belegt hat.


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Möglich ist es zwar, dass Biden China in den direkten Beziehungen weniger ruppig behandeln wird als Trump. Ob ein staatsmännischer und diplomatisch geschickt agierender Biden tatsächlich ein Gewinn für China wäre, steht auf einem anderen Blatt. Biden wird vielleicht einen etwas versöhnlicheren Ton gegenüber Peking anstimmen. Gleichzeitig wird er aber auf internationaler Ebene deutlich weniger Fehler als Trump begehen, die Peking in den vergangenen vier Jahren in die Hände gespielt haben.

So hat Bidens Team bereits angedeutet, den Ausstieg der USA aus der Weltgesundheitsorganisation WHO stoppen zu wollen. Auch beim Klimaschutz will man den Chinesen nicht allein die Führungsrolle überlassen. Der wichtigste Unterschied zur Trump-Regierung ist jedoch, dass Biden versuchen wird, das transatlantische Bündnis zu stärken und auch Chinas Nachbarländer wieder stärker an die USA zu binden.

Er werde „mit unseren Partnern auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, um eine einheitliche Front aufzubauen“, zitiert die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“ Michael Carpenter, ein wichtiger außenpolitischer Berater von Biden. Der neue gewählte Präsident werde Europa als „Freunde und Verbündete“ auf seine Seite bringen, wenn es um China gehe. Zumindest Deutschland und Frankreich haben mit ihren schnellen Glückwünschen an Biden gezeigt, dass sie bereit sind, nach einem Abgang von Trump die transatlantische Zusammenarbeit wieder zu stärken. Peking wird das nicht gefallen.

Mehr zum Thema: Ein Blick auf Bidens Wirtschaftsprogramm zeigt, dass er vieles ändern will – doch nicht nur Trump könnte ihn ausbremsen.

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