Nach Explosionsunglück in Tianjin 23 Verantwortliche festgenommen

Die Ermittler enthüllen Vetternwirtschaft und Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften hinter der Katastrophe im Hafen von Tianjin. Haben hohe Aufsichtsbeamte ihre Pflichten vernachlässigt?

Explosion in Tianjin Quelle: dpa

Zwei Wochen nach dem verheerenden Explosionsunglück im chinesischen Tianjin sind 23 Verantwortliche festgenommen worden. Die Zahl der bestätigten Toten stieg auf 139, während in den Trümmern immer noch 34 Menschen vermisst werden.

Wie die Nachrichtenagentur China News Service am Donnerstag meldete, wurden elf hohe Beamte des Transportministeriums, der Stadtregierung, der Aufsichtsorgane und des Hafenbetreibers in Gewahrsam genommen. Ihnen wurde „Vernachlässigung der Pflichten“ vorgeworfen.

Ferner kamen zwölf Manager in Haft. Es sind Führungskräfte des Unternehmens Ruihai Logistik, dem das explodierte Gefahrgutlager gehörte, und der Beratungsfirma Zhongbin Haisheng. Deren Sicherheitsgutachten ermöglichte die Umwandlung des nur 600 Meter von Wohnsiedlungen gelegenen Lagerhauses im Hafen in ein Gefahrgutlager.

Die Angst vor der Giftwolke
Auch vier Tage nach den verheerenden Explosionen im Hafen der nordostchinesischen Millionenstadt Tianjin wütet das Feuer weiter. Aus Furcht vor giftigen Gasen ordneten die Behörden am gestrigen Samstag die Räumung eines Gebiets in einem Umkreis von drei Kilometern an. Quelle: AP
Die erste Reaktion der Feuerwehrleute in Tianjin auf den verheerenden Brand war womöglich dramatisch falsch. Sie versuchten das Feuer offenbar mit Wasser zu löschen - und könnten damit weitere Explosionen des dort lagernden Natriumcyanids ausgelöst haben. Quelle: REUTERS
Die Zahl der Opfer stieg nach Angaben der Behörden vom Sonntag auf 112. Am Wochenende wurde der Katastrophenort von neuen Explosionen erschüttert. Staatliche Medien berichteten, dass in einem Speicher 700 Tonnen des hochgiftigen Natriumcyanid gelagert wurden - 70 Mal mehr als vorgesehen. Quelle: AP
Unter den Opfern sind nach derzeitigen Stand mindestens 21 Feuerwehrleute. Damit ist das Unglück für chinesische Feuerwehrleute bereits jetzt das schlimmste in mehr als sechs Jahrzehnten. Wütende Familienangehörige von vermissten Feuerwehrleuten stürmten die Pressekonferenz der Regierung am Samstag und forderten mehr Informationen. Quelle: REUTERS
Medien berichteten, die Reinigung der Gegend von chemischen Stoffen werde vorbereitet. Über der Unglücksstelle flogen Hubschrauber. In der Luft lag ein metallischer chemischer Gestank, über die Regen-Vorhersage gab es Unbehagen, obwohl es warm und windig war. Quelle: dpa
Papst Franziskus betete vor Tausenden auf dem Petersplatz in Rom für die Opfer und Angehörigen. Quelle: AP
Die Behörden müssen noch die vollständige Liste der auf dem Gelände gelagerten Chemikalien ermitteln. Staatsmedien berichteten, es habe dort eine große Menge an Natriumzyanid gegeben, das leicht entzündbar ist, wenn es in Kontakt mit Wasser oder sogar nur feuchter Luft kommt. Quelle: AP

Die massiven Explosionen von Chemikalien am 12. August hatten in einem weiten Umkreis schwere Zerstörungen angerichtet. Noch immer liegen 527 Verletzte in Krankenhäusern. Darunter sind 34 Schwerverletzte. In dem Gefahrgutlager waren rund 700 Tonnen giftiges Natriumzyanid und Hunderte Tonnen andere gefährliche Chemikalien gelagert.

Im Wasser wurden an sechs Stellen nahe des Explosionsortes übermäßige Werte von Zyanid gemessen, darunter einer, der 32 mal den Grenzwert überschritten hatte, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. In welchem Zeitraum gemessen wurde, blieb unklar. Außerhalb des Sperrgürtels um den Unglücksort seien keine schädlichen Luftwerte gemessen worden, versicherten die Behörden demnach weiter.

Die Untersuchungen zur Unglücksursache haben Vetternwirtschaft und Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften enthüllt. Die beiden Chefs des Unternehmens Ruihai, Yu Xuewei und Dong Shexuan, hätten ihre guten Beziehungen ausgenutzt, um an Genehmigungen für den Betrieb des Lagers zu kommen, berichtete die Staatsagentur Xinhua. Auch hätten sie zeitweise ohne Lizenz die Chemikalien transportiert. Dong Shexuan ist der Sohn des früheren Polizeichefs des Hafens.

Unter den festgesetzten Verantwortlichen sind der Vize-Inspekteur des Transportministeriums in Peking, der Leiter der städtischen Transportkommission, der Chef des Hafenbetreibers Tianjin Port sowie Aufsichtsbeamte der Binhai Entwicklungszone, in der das Gefahrgutlager liegt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%