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Nach Militärputsch Zehntausende protestieren in Myanmar - UN fordert Ende des „Wahnsinns“

In Myanmar protestieren erneut Zentrausende Menschen. Die Bundesregierung verurteilt das gewaltsame Vorgehen des Militärs. Sie fordert alle Verhafteten freizulassen.

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In Myanmar sind einen Tag nach den bislang schwersten Zusammenstößen bei Protesten gegen den Militärputsch mit zwei Toten wieder Zehntausende Menschen auf die Straßen gegangen. In Mandalay, wo es Samstag zu dem tödlichen Schüssen auf Demonstranten gekommen war, versammelten sich am Sonntag Zehntausende Gegner der Generäle, um friedlich zu protestieren.

In der größten Stadt Yangon kamen Tausende Menschen an zwei verschiedenen Knotenpunkten zusammen und skandierten Losungen gegen die Militärherrschaft. Ähnliche Protestveranstaltungen wurden am Sonntag aus vielen Städten aus allen Regionen gemeldet.

Die Polizei nahm den in Myanmar berühmten Schauspieler Lu Min nach Angaben von dessen Ehefrau fest. Ihm werde die Unterstützung der Gegner des Putsches vorgeworfen, teilte sie via Facebook mit. Das soziale Netzwerk selbst griff in den Konflikt ein, indem es die wichtigsten Seiten des Militärs löschte. Grund sei, dass die Seite nicht den Standards gegen die Aufstachelung zur Gewalt entspreche.

Am Samstag hatte die Polizei in Mandalay das Feuer auf streikende Werftarbeiter und andere Demonstranten eröffnet. Dabei starben zwei Menschen, darunter ein Jugendlicher. Zahlreiche andere Demonstranten wurden verletzt.

International gab es heftige Kritik. Die Bundesregierung verurteilte das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte. Das Auswärtige Amt bekräftigte am Sonntag die Forderung, „die Gewalt gegen Demonstranten zu beenden und sich stattdessen für einen Dialog zu öffnen“. Alle Verhafteten seien unverzüglich freizulassen, insbesondere Suu Kyi und Präsident Win Myint.

UN-Sonderbeauftragter fordert Ende des „Wahnsinns“

Der UN-Sonderbeauftragte für Myanmar, Tom Andrews, zeigte sich entsetzt und forderte der „Wahnsinn“ müsse sofort aufhören. In Deutschland erklärte das Auswärtige Amt, die Bundesregierung verurteile das gewaltsame Vorgehen des myanmarischen Militärs.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell kündigte an, die Außenminister der Europäischen Union würden die jüngsten Entwicklungen am Montag diskutieren, um dann „angemessene Entscheidungen“ treffen zu können. Sie könnten nach Angaben von Diplomaten zum Beispiel neue EU-Sanktionen gegen die Militärs umfassen.

Die staatliche Zeitung „Global New Light of Myanmar“ berichtete, streikende Werftarbeiter hätten Schiffe sabotiert und Polizisten mit Stöcken, Messern und Schleudern angegriffen. Diese seien von den Behörden unter Druck gesetzt worden, zur Arbeit zurückzukehren. Hunderte Demonstranten hätten sich dort versammelt, um die streikenden Arbeiter zu unterstützen. Acht Polizisten und mehrere Soldaten seien verletzt worden. Die toten Demonstranten wurden in dem Bericht nicht erwähnt. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich.

Am Sonntag nahmen Hunderte Menschen an der Beerdigung von Mya Thwate Thwate Khaing teil. Die junge Frau war an Freitag an dem Folgen ihrer Verletzung gestorben. Vor einer Woche war sie bei einer Kundgebung durch einen Kopfschuss verletzt worden. Medien im Besitz des Militärs berichteten, die Frau sei nicht mit einer Polizeiwaffe getötet worden. Das gehe aus der Untersuchung der Kugel hervor.

Das Militär hatte am 1. Februar die Regierung gestürzt und die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi festgenommen. An dem Tag hätte das im November neu gewählte Parlament zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen sollen. Suu Kyis Partei Nationale Liga für Demokratie (NDL) hatte die Wahl mit großem Vorsprung gewonnen, das Militär spricht aber von Betrug.

Das 54-Millionen-Einwohner-Land war früher schon viele Jahrzehnte lang eine Militärdiktatur. Suu Kyi bekam für ihren friedlichen Widerstand 1991 den Friedensnobelpreis. Jetzt soll sie wieder unter Hausarrest stehen.

Die Protestierer fordern die Wiedereinsetzung von Suu Kyi. Außerdem wollen sie die Verfassung von 2008 kippen, in der dem Militär eine prägende Rolle in der Politik zugeschrieben wird. Die Armee hat bis 2011 ununterbrochen in Myanmar geherrscht. 

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