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Nachruf auf Ariel Scharon Widersprüchliche Hinterlassenschaft

Selten wurde ein israelischer Politiker heißer geliebt und gleichzeitig intensiver gehasst als Ariel Scharon. Als Haudegen und Pragmatiker, der er war, blieb der ehemalige Ministerpräsident bis zum Ende umstritten.

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Tel Aviv Selten wurde ein israelischer Politiker heißer geliebt und gleichzeitig intensiver gehasst als Ariel Scharon. Niemand blieb gleichgültig, wenn Ariel Scharon mit seinen zu langen Schritten und seinem massigen Körper ans Rednerpult schritt und dann mit seiner leicht heiseren Stimme anhob, um ab und zu ein abgehacktes Lachen in seine meist frei vorgetragenen Reden einfließen zu lassen. Keinen anderen Israeli fürchteten und respektierten die Araber mehr als Scharon, kein anderer weckte im In-und im Ausland mehr Emotionen als er.

Scharon polarisierte. Er provozierte bewusst, und er gefiel sich in dieser Rolle, die er so glänzend zu spielen vermochte. Er hatte kein Problem damit, seine Meinung zu ändern, wenn er der Überzeugung war, dass eine neue Situation dies erforderlich mache. Dass er dabei mitunter auch Weggefährten vor den Kopf stieß, ließ ihn nicht nur kalt; er tat es stets auch mit einem gewissen Lustgewinn, weil er dann das Gefühl hatte, allen anderen einen Schritt voraus zu sein. Und er war stets der Meinung, dass sich nur die Mittelmäßigen stur an Gesetze halten würden.

Seine Anhänger im rechten Parteispektrum lobten ihn dafür, dass er nach der Staatsgründung Israels entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste gegen Terroristen vorging, um den arabischen Nachbarn Respekt einzuflößen. Sie priesen ihn dafür, dass er das Siedlungsprojekt zügig ausbaute.
Für die Linke war Scharon zunächst der „hässliche Israeli“ - und zwar nicht nur wegen seiner Förderung der Siedlungen. Sie machte ihn für den Libanonfeldzug verantwortlich, den er im Jahre 1982 lanciert hatte. Dabei hatte er der Regierung vorgemacht, lediglich einen kleinen Grenzabschnitt besetzen zu wollen. Stattdessen marschierte er eigenmächtig bis Beirut vor.

Trotzdem hatte Scharon auch im Friedenslager Freunde, weil er den Friedensvertrag mit Ägypten vorangetrieben hatte. Dabei sprang Scharon wie selbstverständlich über seinen eigenen Schatten. Den jüdischen Siedlern, die er zuvor mit allen möglichen Anreizen in den Sinai gelockt hatte, befahl er nun plötzlich die Rückkehr nach Israel, um eine wichtige Bedingung des Friedensvertrags zu erfüllen. Viele Jahre später, als er Premierminister war, blies er dann zum einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen. Er tat das wie ein General, nicht wie ein Politiker. Er war zur Überzeugung gelangt, dass sich die Front „Gaza“ nicht mehr halten ließ.

Der Feldherr, der von 2001 bis 2006 Regierungschef war, spielte auch mit der Demokratie, um seine Ziele durchzusetzen. Weil er bei seiner eigenen Partei für den Rückzugs-Entscheid aus Gaza keine Mehrheit gefunden hatte, trat er aus der Likud-Partei aus und gründete mit Gleichgesinnten die Kadima-Partei. Mit diesem Trick beschaffte sich Sharon die demokratische Legitimation für den Rückzug aus dem Gazastreifen. Wie zuvor im Sinai zerstörte er auch im Gazastreifen das Siedlungsprojekt, das er während Jahren aufgebaut hatte. Seine Freunde im rechten Spektrum haben ihm das bis heute nicht verziehen.


Scharons Vita – ein Abbild der Geschichte Israels

Scharons Vita liest sich wie ein Abbild der Geschichte Israels. Auf ungezählten Schlachtfeldern griff er wie ein kühl berechnender Berserker durch, und er prägte die Innenpolitik, indem er Parteien gründete und überraschende Allianzen schmiedete.
Kaum 14 Jahre alt, schloss er sich der Haganah an, der Vorläuferorganisation der israelischen Streitkräfte. 1948, nach der Staatsgründung, kommandierte er eine Infanterieeinheit, später gründete er eine Antiterrorgruppe, die mit umstrittenen Methoden operierte, um die Feinde Israels auszuschalten. 1964 war Scharon bereits Mitglied des Generalstabs.

Den Sprung in die Politik schaffte er 1977. Der Juniorminister erhielt zwar nicht das Verteidigungsministerium, wie er gehofft hatte, sondern bloß das Landwirtschaftsministerium. Doch Scharon wäre nicht Scharon, hätte er nicht sein Mandat überschritten. Statt sich um Kühe, Getreidezucht und Weinberge im Kerngebiet Israels zu kümmern, trieb er die Siedlungstätigkeit in den besetzten Gebieten voran. Er wollte Tatsachen schaffen, damit das Land auf immer in israelischer Hand bleibe. Später wurde er der erste Regierungschef Israels, der sich nicht scheute, den Begriff „palästinensischer Staat“ zu gebrauchen. Im Jahre 2003 sprach er von der „Abkoppelung“ von den Palästinensern, zwei Jahre später erfolgte der bereits erwähnte einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen.

Seine Politik war stets von der Überzeugung geprägt, die ihm in seiner Jugend von den Eltern eingebläut worden war. Man dürfe den Arabern nicht trauern, hörte er die Mutter immer wieder sagen. Und sein Vater meinte, dass die Araber zwar das volle Recht im Land haben. „Aber,“ fuhr er fort, „wir Juden haben allein das Recht über das Land.“ Sein Pragmatismus am Ende seiner Karriere reflektierte dies: Von Verhandlungen mit Palästinensern hielt er nichts.

Der jüdisch-arabische Konflikt hat Scharons Denken und seine Weltanschauung von Klein an geformt. Die jüdischen Dörfer in Palästina, in denen er aufwuchs, waren regelmäßig Angriffen arabischer Nachbarn ausgesetzt. „Sicherheit war eine tägliche Sorge für jede und jeden von uns,“ zitiert ein Biograf Scharon. Wenn er sich später mit ausländischen Politikern und Medien traf, hatte Scharon stets eine Landkarte bei sich, um zu zeigen, wie klein und schutzbedürftig Israel sei.

Haudegen und Pragmatiker, der er war, blieb bis zum Ende umstritten. Am 4. Januar 2006 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn in ein Dauerkoma versetzte. Er starb am 11. Januar 2014, fast genau acht Jahre nach der schweren Erkrankung. Zuletzt hatten die Ärzte von multiplen Organschädigungen berichtet.

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