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Nachzählung der US-Wahl gefordert Ist ein nachträglicher Wahlsieg von Clinton möglich?

In drei Bundesstaaten werden die Stimmen zur US-Präsidentschaftswahl möglicherweise noch einmal ausgezählt. Muss Donald Trump nun um seinen Sieg zittern?

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Die Vorwürfe gegen die Präsidentschaftskandidaten
Trumps bedenkliche Äußerungen Quelle: dpa
Clintons Gesundheitszustand Quelle: AP
Trumps bedenkliche Äußerungen Quelle: AP
Clintons Stiftung im Zwielicht Quelle: AP
Clintons Rolle in Libyen Quelle: REUTERS
Clintons E-Mail-Affäre Quelle: REUTERS
Trumps Versuche Steuern zu vermeiden Quelle: dpa

Was ist passiert?

Hillary Clinton hat zwar insgesamt mehr Stimmen geholt als Donald Trump, aber in den entscheidenden Bundesstaaten lag die Demokratin hinter dem Republikaner. Das US-amerikanische Wahlsystem kürt eben denjenigen zum Sieger, der die meisten Bundesstaaten für sich holt. Jeder Staat schickt eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern nach Washington – abhängig von der Bevölkerungszahl.

Die Wahl in drei Bundesstaaten Wisconsin (10 Wahlmänner), Michigan (16) und Pennsylvania (20) war besonders eng. Trump lag in Michigan nur 0,3 Prozent vor Clinton, in Wisconsin 1,2 Prozent und in Pennsylvania 0,7 Prozent. Experten für Cyberkriminalität hatten den Verdacht geäußert, die Wahl könne manipuliert beziehungsweise gehackt worden sein. Sie stützen sich auf statistische Evidenz. In Bezirken mit elektronischen Wahlautomaten hatte Clinton nämlich gegenüber Bezirken mit Wahlzetteln aus Papier sieben Prozentpunkte weniger als Trump geholt, sprich: eine auffallend hohe Differenz. Für die Experten sei das Beweis genug, um eine Nachzählung in Gang zu bringen. Möglich ist das. In Wisconsin müsste ein solcher Antrag noch heute eingereicht werden, in Pennsylvania am Montag und in Michigan bis nächsten Mittwoch.

Wird nun nachgezählt?

Die Grüne Präsidentschaftskandidatin Jill Stein, die bei der Wahl ein Prozent aller Stimmen bekommen hat, könnte zur unerwarteten Siegesgöttin von Clinton avancieren. Sie hat bereits knapp drei Millionen Dollar eingesammelt, um einen „Recount“ in den drei Bundesstaaten zu erwirken. Das ist allerdings noch nicht genug, um eine erfolgreiche Klage in allen drei Bundesstaaten auf den Weg zu bringen. Sie selbst geht von mindestens 4,5 Millionen Dollar aus. Zählt man die Anwaltskosten noch mit dazu, könnten die Ausgaben bei sechs bis sieben Millionen Dollar liegen. Die Zeit drängt. Ohnehin ist damit noch nicht sichergestellt, dass die Indizienkette für eine Klage wirklich ausreicht.

Darum hat Trump gewonnen

Eine erneute Auszählung wäre möglich, würde aber viel Zeit in Anspruch nehmen. Vor allem die Wahlmaschinen in Pennsylvania gelten als technisch völlig veraltet. Gleichzeitig ist der nord-östliche Bundesstaat einer von wenigen, die voll elektronisch wählen lassen. Die Maschinen werfen aber keine Papierzettel aus, die man schnell überprüfen könnte. Jede Maschine müsste von Computerexperten separat unter die Lupe genommen werden.

Wie wahrscheinlich ist ein nachträglicher Sieg von Clinton?

Ganz neu sind Nachzählungen nicht. Im Jahr 2000 stand die Wahl zwischen dem Demokraten Al Gore und dem Republikaner George W. Bush auf Messers Schneide. Am Ende gewann der Republikaner Florida mit 537 Stimmen. Der Supreme Court hatte letztlich eine Entscheidung herbei geführt, obwohl die Nachzählung noch nicht offiziell beendet gewesen ist. Aber die Präsidentschaftswahl musste damals bis zum 12. Dezember 2000 entschieden werden. Eine erneute Nachzählung, wie von Al Gore verlangt, hätte den Zeitplan durcheinander gebracht.

Trotz der aktuellen Vermutungen der Cyber-Experten halten Beobachter es für sehr unwahrscheinlich, dass sich das Wahlergebnis gleich in drei Bundesstaaten zugunsten von Clinton drehen würde. Die Wahlmaschinen sind zum Beispiel nicht an das Internet angebunden. Das macht es etwa für ausländische Hacker schwierig, die Automaten zu manipulieren. Es hat im Laufe des Wahlkampfes immer wieder den Verdacht gegeben, dass russische Hacker versuchen würden, die Wahl zum Vorteil von Trump zu beeinflussen.

Was sind Swing States und warum sind sie so wichtig?

Doch sollte sich herausstellen, dass Clinton in allen drei Bundesstaaten die Mehrheit der Stimmen gewonnen hätte, würde sie de facto zur neuen Präsidentin der USA gewählt werden müssen. Sie würde sofort damit beginnen, ihr Übergangsteam zusammen zu trommeln, um ihre Kabinettsmitglieder zu bestimmen. Dafür hätte sie Zeit bis zur offiziellen Amtsübergabe am 20. Januar. Solange ist ja auch Trump noch nicht offiziell Präsident.

Welche Folgen hätte das für die Gesellschaft?

„Not my president“, ist der Protestruf von Tausenden von Anti-Trump-Wählern, die nach der Wahl auf die Straße gingen. Die Proteste verliefen weitestgehend gewaltfrei. Doch sollte eine Nachzählung Clinton zur Präsidentin erklären, wären Proteste von der Gegenseite zu erwarten, die angesichts der dramatischen Wende möglicherweise schnell in gewalttätige Exzesse münden könnten.

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