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Naher Osten Die Ölmonarchie Saudi-Arabien

Während die Proteste in Syrien eskalieren, macht Saudi-Arabien das Volk mit sozialen Wohltaten gefügig. Wie lange geht das noch gut – und wer hat künftig in der Ölmonarchie das Sagen?

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Der saudische König Abdullah Quelle: REUTERS

Der nächste Dominostein in der aufgewühlten arabischen Welt wackelt: In Syrien machen Scharfschützen Jagd auf Demonstranten, es gibt eine Verhaftungswelle, in vielen Orten sind die Strom- und Telefonverbindungen gekappt. Die Armee ist in die südliche Stadt Daraa eingerückt; sie gilt als Hochburg der Regimegegner, die seit Mitte März gegen Präsident Baschar al-Assad und seine Regierung protestieren.

Die arabische Aufstandsbewegung hat in Tunesien und Ägypten die Herrschercliquen hinweggefegt, in Libyen zum Bürgerkrieg mit ausländischer Beteiligung geführt und provoziert nun in Syrien Gegenschläge eines Diktators. Doch was passiert beim politisch und ökonomisch wichtigsten Land der arabischen Welt? In Saudi-Arabien bittet der König zum Tanz.

Um politische Normalität zu demonstrieren, erschien König Abdullah jüngst zum alljährlichen Kulturfestival am Stadtrand von Riad und eröffnete die „Aradha“, den Schwerttanz der waffenfähigen Männer. Fotos vom König und den wichtigsten Prinzen bei der Hüpferei schmücken jedes Frühjahr die saudischen Zeitungen, seit Abdullah 2005 König wurde – anfangs als Zeichen der Traditionsverbundenheit des Monarchen, vorige Woche als Beleg für seine Vitalität. Immerhin hatte es zuletzt immer wieder Gerüchte gegeben, der 86-Jährige liege im Sterben.

Die Alten von der Tankstelle

Abdullahs Demonstration hatte nur einen Schönheitsfehler: Als sich seine Brüder, Söhne und Neffen zum Tanz formierten, blieb er krankheitshalber sitzen. Seine Zeit geht zu Ende, das darf jetzt auch der saudische Zeitungsleser wissen. Dass die Dynastie an der Macht bleibt, daran herrschen bei politischen Beobachtern allerdings wenig Zweifel. Eine aufgeklärte Zivilgesellschaft fehlt in Saudi-Arabien ebenso wie charismatische Oppositionelle. Auf die Unruhen in der Nachbarschaft hat die Monarchie innenpolitisch mit sozialen Wohltaten reagiert. Es soll höhere Gehälter im öffentlichen Dienst, mehr Geld für soziale Einrichtungen und Prämien für Familiengründer geben; umgerechnet 26 Milliarden Euro will der greise Monarch Abdullah verteilen. Das ist viel Geld für seine 26 Millionen Untertanen, von denen nach unabhängigen Schätzungen bis zu einem Viertel arbeitslos ist.

Ertragsquellen der saudi-arabischen Wirtschaft

Hinzu kommt ein 400 Milliarden Euro schweres Langfristprogramm für den Ausbau des Elementarschulsystems. In die Eliteausbildung hat der saudische Staat in den vergangenen Jahren gewaltig investiert – die neue King Abdullah University of Science and Technology bei Dschidda ist dafür das beste Zeichen. An der Basis des Bildungswesens hat sich dagegen wenig getan, es gibt immer noch 20 Prozent Analphabeten im Land. Hier sieht der Herrscherclan eine Keimzelle für Proteste – und will sicherheitshalber gegensteuern.

Nennenswerte Unruhen hat es im Königreich bisher kaum gegeben, was den Westen insgeheim freut, denn Instabilität beim größten Öllieferanten der Welt würde den Ölpreis in schwindelerregende Höhen treiben. Aufrufe im Internet führten nur in der Ostprovinz Saudi-Arabiens zu regimekritischen Demonstrationen, die schnell und hart niedergeschlagen wurden. Das ist die Region der großen Ölfelder, aber auch das Wohngebiet der diskriminierten Minderheit der Schiiten.

Die saudischen Medien tun so, als habe die Konfrontation mit konfessionellen Gegensätzen zu tun. Auf diese Weise will sich die Herrscherfamilie die Sympathie des großen Verbündeten USA sichern: Niemand weiß, wie eng sich die arabischen Schiiten an ihre Glaubensbrüder im Iran anlehnen, und die Vorstellung, Präsident Ahmadinedschad und seine Mullahs bekämen Einfluss auf die Ölfelder der Saudis, ist ein Horrorszenario für den Westen.

Keine politischen Reformen

Und was ist mit Reformen? An eine Demokratisierung denkt Abdullah nicht, wohl aber will er die Wirtschaft diversifizieren – weg von der Erdöl-Monokultur, die fast 40 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, und hin zu einer umfassenden Industrialisierung. Rund um das Erdöl arbeiten in Saudi-Arabien fast nur Ausländer, schlecht bezahlte Hilfskräfte aus Asien und eine kleine Zahl von Spezialisten vor allem aus westlichen Ländern. Für die 500.000 jungen Einheimischen, die Jahr für Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, fehlt es hingegen an Jobs.

Um das Herrschaftssystem vor dem Zerfall zu bewahren, drängt der König zumindest auf ökonomischen Wandel. Unter seinen 16 Brüdern und den vielen Hundert Neffen ist diese Strategie allerdings umstritten. Die konservativeren Prinzen fürchten vom wirtschaftlichen Wandel und dem Ausbau des Bildungssystems eine Aufweichung der mittelalterlich anmutenden Religionsverfassung. Auch die Furcht, die arabischen Unruhen könnten mithilfe des Internets doch noch ins Land schwappen, gibt den Konservativen Auftrieb. Abdullah – im Vergleich zu seinen Brüdern immer einer der Fortschrittlicheren – nimmt darauf Rücksicht. Darum der saudische Militärschlag gegen die Opposition im Nachbarland Bahrain, aber auch die verschärfte Verfolgung der schwachen Opposition im eigenen Land.

Saudi Arabien: König Abdullah Quelle: REUTERS

Die zentrale Frage für den König ist nun die Regelung seiner Nachfolge. Der nächste Herrscher steht eigentlich fest: Kronprinz Sultan, Verteidigungsminister, Halbbruder Abdullahs und nur wenige Monate jünger. Sultan ist allerdings -mindestens so krank wie der König und nimmt seit Monaten keinen öffentlichen Termin mehr wahr. Auf Sultan könnten über Jahre hinweg uralte Herren folgen: Abdullah und Sultan haben noch 16 Brüder, von denen ungefähr die Hälfte als denkbare Monarchen gehandelt werden. „Wir müssen uns darauf einstellen, viele Jahre lang einen häufigen Wechsel an der Staatsspitze mit vergleichsweise schwachen Herrschern zu erleben“, sagt der Saudi-Arabien-Experte Simon Henderson vom Washington Institute for Near East Policy.

Als möglicher Nachfolger von Abdullah und Sultan ist etwa der 77-jährige Innenminister Naif im Gespräch, der als frömmlerischer und erzkonservativer Gegner von wirtschaftlicher Diversifizierung gilt. Offenbar will Abdullah aber die Machtübernahme dieses Halbbruders verhindern. Um sein Erbe zu sichern, quält er sich zu öffentlichen Auftritten und fördert andere Verwandte als Sultan und Naif, die offiziellen Nummern zwei und drei: Auffällig oft an der Seite des Monarchen geht sein ältester Sohn Miteb, vielleicht kein künftiger König, aber als Kommandant der Nationalgarde vielleicht der wirkliche Königsmacher, wenn es im Königshaus hart zur Sache gehen sollte.

Machtkampf der Prinzen

Die farbigste Figur in der Entourage des alten Königs ist der Multimilliardär al-Walid Ibn Talal, ebenfalls ein Neffe. Sein Vater Talal ist der Einzige aus der riesigen Königsfamilie, der dieses Jahr öffentlich demokratische Reformen gefordert hat. Al-Waleeds Kingdom Holding ließ sich vor wenigen Tagen grünes Licht für das spektakulärste Projekt der wirtschaftlichen Diversifizierung geben: den Bau des Kingdom Tower bei Dschidda, mit 1600 Metern das höchste Gebäude der Welt, fast doppelt so hoch wie der Burj Khalifa in Dubai.

Nachfolge-Favorit westlicher Geschäftsleute ist der halbwegs liberale Prinz Salman, seit 49 Jahren Gouverneur der Hauptstadt Riad. Als Abdullah beim Kulturfestival zum Tanz der Prinzen bat, stürzte sich der Halbbruder des Königs sofort ins Getümmel – mit 71 Jahren.

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