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Naher Osten Frieden in Syrien ist in weiter Ferne

Die UN-Chemiewaffeninspekteure haben in Syrien „klare und überzeugende“ Beweise für einen Angriff mit dem Nervengas Sarin gefunden. Eine Lösung der Krise ist dennoch nicht in Sicht.

Zerstörte Gebäude in Homs, Syrien. mit dem Bürgerkrieg richtet Syrien sich und seine Nachbarländer langsam zu Grunde Quelle: dpa

Viele Politiker ertragen grauenhafte Bilder eines in fernen Ländern geführten Krieges mit Gleichmut, solange das Leid nur in kleiner Dosierung offenbar wird. So war es auch mit dem Krieg in Syrien – bis es zu dem Giftgasangriff am 21. August kam, den vermutlich Truppen des Diktators Baschar al-Assad gegen Zivilisten richteten. Die UN-Chemiewaffeninspekteure jedenfalls haben „klare und überzeugende“ Beweise für einen Angriff mit dem Nervengas Sarin gefunden. Das Giftgas sei in der Nähe von Damaskus mit Boden-Boden-Raketen verschossen und „auch gegen Zivilisten, darunter viele Kinder“, eingesetzt worden. Das geht aus einem 38-seitigen Bericht des schwedischen Professors Åke Sellström hervor, den die Vereinten Nationen am Montag in New York vorstellten. Für die US-Regierung und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch belegt der Bericht, dass hinter dem tödlichen Gasangriff nur Regierungstruppen stecken können. Nach zweieinhalb Jahren Blutvergießen und rund 110 000 Todesopfern können sich Amerika und Russland nun endlich an die Entschärfung der Krise wagen.

Die ist politisch wichtig, aber auch ökonomisch. Zwar ist Syrien, dessen Ölexporte bereits vor dem Bürgerkrieg niedriger lagen als die Dänemarks, ein wirtschaftlicher Winzling. Aber eine US-Intervention, und sei es nur ein begrenzter Luftangriff, dürfte die Lage im Pulverfass Nahost weiter verschlimmern – da sind sich zumindest die europäischen Experten einig. Nicht der syrische Bürgerkrieg an sich ist die Gefahr, welche die Märkte antizipieren, sondern dessen Übergreifen auf die Golfregion mit ihren Öl- und Gasquellen. Als Assad nun die Zerstörung seiner Chemiewaffen anbot und Präsident Barack Obama den Militärschlag absagte, gaben Öl- und Goldpreis folgerichtig nach.

Die Rebellen an einen Tisch zu holen wird schwer

Allerdings dürfte es eine politische Entspannung mit kurzer Halbwertzeit sein. Mit der Idee einer kontrollierten Abgabe der chemischen Waffen gewinnt Assad wichtige Zeit im Krieg, sein Volk aber keinen Frieden. Jene "diplomatische Lösung", von der im Westen derzeit die Rede ist, sehen die bisher bekannt gewordenen Kompromissvorschläge gar nicht vor. Amerika und Russland haben Regime und Rebellen bislang nicht an den Verhandlungstisch zwingen können oder wollen. Was auch sehr schwierig wäre, weil die syrische Opposition in mindestens ein halbes Dutzend kleiner Gruppen mit teils radikal-islamistischen Zielen zersplittert ist.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

"Von außen lässt sich der Konflikt nur lösen, wenn es handlungsfähige Akteure im Innern gibt", sagt Josef Janning von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Die sieht er in der Opposition nicht, weshalb Syrien "auf absehbare Zeit nicht stabilisierbar" sei. Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sieht in Syrien das Modell eines Vielvölkerstaats als gescheitert, obwohl es dort kaum ethnische Probleme gegeben habe: "Wenn Syrien explodiert und fragmentiert, können sich auch die Grenzen im Nahen Osten verschieben." Dem "fruchtbaren Halbmond" – der gesamten Region vom Mittelmeer bis zur iranischen Westgrenze – droht das politische und ökonomische Chaos mit sozialer Auflösung und Flüchtlingsdramen weit über das leidende Syrien hinaus.

Kriegsparteien hängen am Tropf

Ein Problem ist der Totalausfall einer normalen Ökonomie im Schatten des Krieges. Die Kriegsparteien hängen finanziell am Tropf auswärtiger Finanziers: Russland und der Iran liefern Geld, Waffen und Versorgungsgüter an Assads Regime und die eng mit der iranischen Führung verbundene, kampfstarke Hisbollah-Miliz im Libanon. Die Herrscher von Katar und Saudi-Arabien hingegen protegieren das Oppositionsbündnis, dem paradoxerweise auch radikale Islamisten angehören, deren Gesinnungsgenossen in saudischen Gefängnissen gefoltert werden.

Die syrische Opposition als solche sei gar nicht existent, sagt Elizabeth O’Bagy vom Washingtoner Institute for the Study of War: Sie schätzt, dass 80 000 bis 100 000 Rebellen unter Waffen stehen – und davon etwa ein Zehntel radikal-islamistischen Kommandoführern folgt, die sich in beiden Lagern finden. Gerade darum tut sich der Westen so schwer, aktiv in den Bürgerkrieg einzugreifen und die Rebellen zu unterstützen: Einige von ihnen würden wohl nach einem Sieg über Assad mit Vergnügen ihre Waffen gegen Amerikaner, Europäer oder Israelis richten.

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