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Nawalny-Geldgeber Aleksashenko „Putin ist KGB-Mann. Man kann nicht ‚ehemaliger KGB-Mann‘ sein“

Porträt des ehemaligen Zentralbank-Ökonom Sergej Aleksashenko Quelle: Privat

Sergej Aleksashenko beteiligte sich an den Behandlungskosten von Alexej Nawalny. Im Interview erklärt er warum, seit wann er Oppositionelle unterstützt und warum Nawalny aus seiner Sicht anfangs naive Ansichten hatte.

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Sergej Aleksashenko gehörte zu den führenden Köpfen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Übergang zur Marktwirtschaft in Russland organisierten. Von 1993 bis 1995 diente er als stellvertretender Finanzminister des Landes, anschließend bis 1998 als stellvertretender Chef der russischen Zentralbank. 2000 wechselte er in die Privatwirtschaft, arbeitete unter anderem als CEO von Merrill Lynch in Moskau. 2013 verließ er Russland und zog nach Washington – auch aus Sorgen über seine persönliche Sicherheit, wie er in einem Interview mit „Radio Liberty“ angab. In den USA schloss er sich dem Think Tank Brookings Institution an, den er im vergangenen Jahr verließ. Derzeit pendelt er zwischen Washington und Kiew. Er ist einer von drei Russen, die insgesamt 49.000 Euro für die medizinische Behandlung von Alexej Nawalny in der Charité bezahlten.

WirtschaftsWoche: Herr Aleksashenko, nach der Inhaftierung von Alexej Nawalny kam es in ganz Russland zu Demonstrationen. Die Regierung reagierte mit Härte. Wie bewerten Sie die Lage in Ihrer Heimat?
Aleksashenko: Ich habe schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass Wladimir Putin die ganze Macht in Russland absorbiert und dafür sämtliche Kontrollinstanzen beseitigt. Was wir gerade sehen, ist die logische Fortsetzung dieser Entwicklung. Von seinem ersten Tag als Präsident an hat er das Parlament, die Justiz und die Medien angegriffen, hybride Kriege in den Nachbarstaaten angezettelt und so Russland in Selbstisolation und Konfrontation mit der zivilisierten Welt getrieben. Und dazu gehört auch die Zerstörung jeglicher politischer Konkurrenz. Das hat Putin mehr als 20 Jahre an der Macht gesichert und soll sie ihm auch in Zukunft garantieren. Er hat eine informelle Monarchie im Land errichtet, dabei ist er nichts Spezifisches – nur ein Diktator, der alle Schranken seiner Herrschaft entfernen konnte, vergleichbar mit einem afrikanischen oder lateinamerikanischen Strong Man aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Als Putin ins Amt gekommen ist, gab es im Westen durchaus die Hoffnung, dass er für eine Modernisierung Russlands eintreten könnte.
Das war ein großer Fehler!

Wann haben Sie das gemerkt?
Am Tag, als er von Boris Jelzin als Ministerpräsident nominiert wurde. Ich habe damals zufällig den Stabschef des Präsidenten getroffen. Er erzählte mir von dem Plan, Putin als Nachfolger zu installieren. Ich sagte ihm, dass das ein großer Fehler sei. Denn Putin ist ein KGB-Mann. Und man kann nicht ein „ehemaliger KGB-Mann“ sein. Der Geheimdienst verpflichtet lebenslang. Ich habe ihm deshalb nie getraut und war besorgt über seine Intentionen. Und er zeigte ja auch schnell, mit wem wir es zu tun haben. Kaum im Amt ging er gegen den unabhängigen Fernsehsender NTV vor und baute das politische System um, indem er die Regionen entmachtete. Sein Diktatorenpotenzial hat er also früh demonstriert. So kam ich nie in die Versuchung, in ihm eine Hoffnungsfigur zu sehen.

Stattdessen wandten Sie sich den Regimegegnern wie Nawalny zu. Ist er der erste Oppositionsführer, den Sie unterstützen?
Aber nein. Ich kenne Nawalny seit etwa zehn Jahren. Damals stand ich anderen, bekannteren Oppositionellen wie Boris Nemzov oder Mikhail Kasyanov näher. Sie hatten damals die Partei PARNAS gegründet, die ich auch unterstützte. Alexej war damals ein junger Politiker, der noch nach seinen Positionen suchte. Er war etwas naiv, aber sehr charismatisch und voller Energie – ein richtiges Political Animal, das nach Macht strebt. Ich war sehr interessiert, ihn kennenzulernen, also trafen wir uns einmal mit einem seiner Mitstreiter und unterhielten uns mehrere Stunden. Viel mehr erwuchs daraus zunächst jedoch nicht. Alexej entschloss sich, PARNAS nicht beizutreten. Trotzdem hielten wir lose Kontakt und diskutierten viel auf Blogs. Ich sah in ihm damals einen Politiker unter vielen.

Wann änderte sich das?
Mit der Ermordung von Boris Nemzov im Frühjahr 2015. Seitdem ist Nawalny der wichtigste Oppositionelle Russlands – bis heute. Man muss leider sagen, dass er der einzige Politiker ist, der im Land wirklich etwas ändern will.

Wie gut kennen Sie sich?
Ich kann nicht behaupten, dass wir uns sonderlich gut kennen würden. Wir sind keine engen Freunde und natürlich spielt auch der Altersunterschied eine Rolle. Nawalny ist fast 15 Jahre jünger als ich. Außerdem gehöre ich zu der Reformgeneration der 1990er-Jahre, die von Alexej für viele Fehler verantwortlich gemacht wird. Bis zu seiner Inhaftierung haben wir uns vielleicht zwei oder dreimal im Jahr getroffen und die Lage besprochen.

Nawalny ist in der Vergangenheit auch mit nationalistischen Positionen aufgefallen. Hatte das Einfluss auf Ihre Beziehung?
Das ist lange vorbei. Ich hatte ja erwähnt, dass Alexej zu Beginn seines politischen Engagements teils naive Vorstellungen hatte. Wir haben darüber gesprochen – auch über seine nationalistischen Positionen. Ich denke, er hat die Komplexität des Landes und der Probleme damals noch nicht verstanden. Heute spielen diese Töne keine Rolle mehr. Sie sind aus seinen Vorstellungen vor sieben oder acht Jahren verschwunden.

Wie haben Sie von seiner Vergiftung erfahren?
Ich habe es auf Twitter gelesen. Die Nachricht machte ja sofort die Runde.

Niemand aus seiner Organisation hat Sie informiert?
Nein. Ich gehöre ja nicht zur Organisation und im täglichen Austausch stehen wir auch nicht.

Trotzdem beteiligten Sie sich an den Kosten für Nawalnys Behandlung in Deutschland. Wie kam es dazu?
Viele von uns tun Dinge, weil wir sie für richtig halten. Das ist nichts Besonderes. Niemand hat mich um Geld gebeten. Ich habe Alexejs Frau Julija eine Nachricht geschrieben, dass ich bereit bin zu helfen, sollten sie finanzielle Unterstützung für seine Behandlung brauchen. Sie hat sich dann gemeldet und mich mit der Person zusammengebracht, die die Spenden koordinierte.

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War es das erste Mal, dass Sie Nawalny finanziell unterstützt haben?
Nein. Ich spende regelmäßig an seine Organisation. Mal mehr, mal weniger, je nach Lage. Viel ist es aber nicht – vielleicht einige hunderttausend Rubel im Jahr. Das klingt nach mehr als es ist. 100.000 Rubel sind derzeit keine 1500 Dollar.

Jetzt da Nawalny im Gefängnis sitzt: Was wird aus seiner Bewegung?
Ich weiß es nicht. Ich denke, das ist die größte offene Frage. Viel wird vom Kreml abhängen. Die Regierung hat eine Grenze überschritten, indem sie Nawalny und viele seiner Mitarbeiter verhaftet hat oder ihnen Verbrechen vorwirft. Wenn sie tatsächlich Nawalnys kompletten Führungszirkel in Russland einsperrt, dann wird es schwer für die Bewegung, zu überleben. Doch selbst wenn der Kreml die Organisation nicht weiter verfolgt und nur Nawalny lange im Straflager hält, wird es schwierig. Schließlich war er der Kopf und der Motor.

Werden die Demonstrationen gegen Putin weitergehen?
Auch das weiß ich nicht. Es wird Zeit brauchen, bis wir genau verstehen, was gerade passiert.

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