Nelson Mandela Der Vater des neuen Südafrika ist tot

27 Jahre seines Lebens war Nelson Mandela Gefangener des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Doch später, als Präsident verschwendete er keinen Gedanken an Rache. Nachruf auf einen reifen Revolutionär.  

Mandela – moralischer Kompass der Welt
Seinen Landsleuten war der Friedensnobelpreisträger und erste schwarze Präsident Südafrikas ein moralischer Kompass. Die Welt verehrte Nelson Mandela als politische Freiheitsikone, obwohl er für viele westliche Politiker lange ein Terrorist war. Am Abend des 5. Dezember 2013 ist Nelson Mandela in Johannesburg gestorben. Er wurde 95 Jahre alt (* 18. Juli 1918). Quelle: AP
Trotz Regen tanzten die Menschen und sangen Lieder der Anti-Apartheid-Bewegung. Wie bei der Fußball-WM brachten die Südafrikaner Vuvuzela-Trompeten mit. US-Präsident Barack Obama reiste zusammen mit Ex-Präsident George W. Bush an. Obama gehört ebenso wie Kubas Präsident Raul Castro zu den Rednern bei der voraussichtlich siebenstündigen Gedenkveranstaltung. Quelle: AP
Mandela im Jahr 2003 unter dem Fenster seiner Gefängniszelle auf Robben Island. Fast drei Jahrzehnte verbrachte er im Gefängnis, davon 18 Jahre auf der berüchtigten Gefangeneninsel Robben Island. Das verhinderte jedoch nicht, dass er zur zentralen Figur im Kampf gegen die Apartheid wurde. Quelle: REUTERS
Mit dem Regime der weißen Minderheit geriet der am 18. Juli 1918 geborene Mandela früh in Konflikt. Schon 1952 wurde der Anwalt wegen Verstoßes gegen das Gesetz gegen den Kommunismus angeklagt. Er gehörte zu den Ersten, die den 1961 vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC) eingeschlagenen Weg des bewaffneten Kampfes befürworteten. Auf Reisen durch Afrika und Europa warb er für die ANC-Kämpfer, die sich als Speer der Nation betrachteten. Quelle: dpa
Nach seiner Rückkehr wurde Mandela 1962 wegen unerlaubter Ausreise zu fünf Jahren Haft verurteilt. Während er die Strafe verbüßte, wurden ihm und anderen Anti-Apartheid-Kämpfern wegen Hochverrats der Prozess gemacht. "Ich habe mein Leben dem Kampf des Afrikanischen Volkes geweiht. Ich habe gegen die Vorherrschaft der Weißen und gegen die Vorherrschaft der Schwarzen gekämpft", schleuderte er seinen Richtern entgegen, deren Urteil 1964 lebenslänglich lautete. Auf diesem Bild vom 12. Juni 1964 sieht man rechts Winnie Mandela, die vergeblich vor dem Gerichtsgebäude in Pretoria auf ihren Mann wartet. Quelle: AP
Die Haft dauerte bis zum 11. Februar 1990. "Als ich durch das Tor schritt, fühlte ich selbst mit 71 Jahren mein Leben neu beginnen. Meine 10.000 Tage in Gefangenschaft waren endlich vorbei", schrieb Mandela über den Tag seiner Freilassung. Bis dahin war er einer der prominentesten Gefangenen der Welt, für dessen Haftentlassung die Menschen auf die Straße gingen. Er ging sogar in die Pop-Geschichte ein: 1984 stürmten Jerry Dammers und seine Band "The Special AKA" mit dem Protestsong "Free Nelson Mandela" die Hitparaden vieler Länder. Quelle: dpa
Nach der Freilassung im Februar 1990 setzte Mandela sein ganzes Charisma dafür ein, die Herrschaft der weißen Minderheit ohne Bürgerkrieg zu beenden. "Es ist Zeit, die Wunden zu heilen. Der Augenblick ist gekommen, die Abgründe zu überbrücken, die uns trennen", rief Mandela 1994 bei seiner Wahl zum Präsidenten Südafrikas (hier im Bild zu sehen) zur Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß auf. Seine Anhänger verehrten ihn und priesen seine Menschlichkeit, Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Würde. Seinen politischen Gegnern bot er kaum Angriffsfläche. Quelle: AP
Das Markenzeichen von Mandelas Amtszeit war die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die Verbrechen beider Seiten im Kampf gegen die Rassentrennung aufklärte und so zur Aussöhnung beitrug. In den vier Jahren zwischen Mandelas Freilassung und den ersten freien, allgemeinen und gleichen Wahlen kamen Tausende Südafrikaner bei gewaltsamen Auseinandersetzungen um. 2003 verhinderte Mandela Schlimmeres, als er nach der Ermordung des populären Kommunistenführer Chris Hani (links ist sein Porträt auf einem Teppich zu sehen) durch einen Weißen zu Ruhe und Besonnenheit aufrief. Quelle: REUTERS
Aus seiner Haftzeit behielt Mandela die Gewohnheit bei, zwischen vier und fünf Uhr in der Früh aufzustehen, Frühsport zu machen und zu lesen. Die Disziplin, die er sich als junger Amateurboxer antrainierte, habe ihm geholfen, die Gefangenschaft und später die politischen Kämpfe zu bestehen, berichtete Mandela, der wie ein aktiver Sportler wenig trank und Nichtraucher war. Quelle: AP
Doch die lange Haft und sein Kampf gegen die Apartheid hatten auch ihren Tribut gefordert. So scheiterte seine Ehe mit der radikalen Aktivistin Nomzamo Nobandla Winnifred Madikizela - die als Winnie Mandela weltweite Berühmtheit erlangte. Hier ist das Paar 1990 bei der Freilassung Mandelas zu sehen. Quelle: AP
An seinem 80. Geburtstag 1998 wurde Graca Machel, die Witwe des mosambikanischen Präsidenten Samora Machel, seine dritte Frau. Quelle: REUTERS
Als er 1999 vom Amt des Präsidenten zurücktrat, bedeutete das keineswegs den Rückzug aufs Altenteil. Fortan widmete Mandela seine Kraft dem Kampf gegen Aids. Er sammelte Millionen Dollar für die Behandlung der Immunschwächekrankheit, an der 2002 auch sein einziger überlebender Sohn sterben sollte. Hier reckt Mandela 1999 gemeinsam mit dem neuen Präsidenten Thabo Mbeki die Hände in die Höhe. Quelle: REUTERS
2004 zog sich Mandela mit den Worten "Ruft nicht mich, ich werde euch rufen" offiziell aus der Öffentlichkeit zurück. Seinen letzten umjubelten Auftritt hatte er 2010 zum Endspiel der Fußball-WM in seiner Heimat. Für Mandela war es ein zweischneidiges Ereignis, war doch kurz vor dem Sportspektakel seine Urenkelin bei einem Autounfall getötet worden. Quelle: dpa
"Die Öffentlichkeit muss darüber entscheiden, wie sie meiner gedenkt", sagte Mandela kurz vor seinem Rücktritt in einem Fernsehinterview. "Aber ich möchte als ein normaler Südafrikaner in Erinnerung bleiben, der mit anderen demütig seine Pflicht getan hat." Quelle: AP
Nach und nach füllt sich das Johannesburger Fußball-Stadion zur Gedenkfeier für den verstorbenen südafrikanischen Nationalhelden Nelson Mandela, der auf einem großen Bildschirm über den Menschen angezeigt wird. Quelle: REUTERS

Unter Kindern fühlte er sich stets besonders wohl. Wie wohl, zeigten die Pressekonferenzen, die Nelson Mandela, damals noch als Präsident von Südafrika, in seinen Amtsjahren oft auf den Stufen vor seinem Kapstädter Amtssitzes abhielt, gleich neben einem stark frequentierten Fußweg. Für gewöhnlich endete das offizielle Prozedere mit dem jeweiligen Staatsgast immer dann, wenn Mandela am Zaun eine Gruppe von Schülern entdeckte und schnurstracks zum Händeschütteln hinüberlief – seinen Besucher aber auch dessen entsetztes Sicherheitspersonal im Schlepptau. Mit Vorliebe ließ er die begeisterten Schüler bei solchen Anlässen wissen, wie sehr er sich freue, sie treffen zu dürfen. Auch die Frage nach den Berufswünschen, die Mandela stets mit einem wohlwollenden Kopfnicken quittierte, stand ganz obenan.

Vermutlich speist sich Mandelas tiefe Liebe zu Kindern aus seinen einsamen Jahren auf der Sträflingsinsel Robben Island, wo ihm lange Zeit alle Kontaktbesuche verwehrt waren, selbst die Berührung von Kindern. Christo Brand, der damals als Wächter auf der Insel arbeitete, erzählte später wie er Mandela nur ein einziges Mal weinen sah – aus Verzweiflung darüber, dass er seinen von Ehefrau Winnie mitgebrachten kleinen Enkel nicht halten durfte. Mit einem Trick gelang es Brand schließlich doch, dass Mandela das Baby zumindest kurz in den Arm nehmen konnte. „Er küsste den Kleinen, schmiegte ihn fest an sich – und musste doch gleich wieder von ihm lassen. Tränen liefen ihm übers Gesicht“ erzählt Brand.


Kein Wunder, dass die Journalistin Charlene Smith, die eines von Dutzenden Büchern über Mandela schrieb, zur Erklärung der tiefen Zuneigung seines Landes für Mandela einen Kindervergleich bemüht: „Südafrika war eine Nation misshandelter Kinder“ schreibt sie. „Er kam aus dem Nichts - und liebte uns alle.“

Nun ist Südafrikas großer Versöhner am Donnerstagabend im Alter von 95 Jahren gestorben – der Mann, der 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis saß und dennoch keinen Gedanken an Rache verschwendete. „Wer Hass verspürt, der kann nie frei sein“ sagte Mandela kurz nach der Freilassung aus der Haft im Februar 1990 - und kleidete sein Lebensmotto damit in Worte.

Was nach dem legendären 11. Februar geschah, als Mandela Hand in Hand mit seiner damaligen Ehefrau Winnie aus den Gefängnismauern schritt, ist heute längst Geschichte: Der einst prominenteste Gefangene der Welt führte seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in den ersten freien Wahlen des Landes im April 1994 zu einem überwältigenden Wahlsieg und wurde erster schwarzer Präsident des früheren Rassenstaates. Sein stetes Bemühen um eine Aussöhnung mit den Weißen und sein unverbrüchliches Festhalten an einer Verhandlungslösung gelten heute als die größte Leistung des Mannes, der mit 75 Jahren erst spät triumphierte. Weltweit schlug ihm dafür höchste Bewunderung entgegen.

Aber noch etwas zeichnet Mandela besonders aus: Anders als viele andere afrikanische Gründerväter trat er nach nur einer Amtszeit 1999 zurück – und setzte damit ein Beispiel, das in Afrika heute noch immer zu den großen Ausnahmen zählt.

Allerdings wurde Mandela nach seiner Freilassung auch schnell mit der Realität Südafrikas konfrontiert: Hatten nicht wenige in ihm einen politischen Messias gesehen, so zeigte sich in den darauffolgenden Jahren trotz einiger spektakulärer Erfolge, dass selbst er die Probleme des rassisch zerrissenen Landes nicht mit Handauflegen heilen konnte. Anders als in den vielen Sonntagsreden haben sich die Menschen unterschiedlicher Hautfarbe am Kap seit dem Ende der Apartheid nicht verbrüdert. Statt Miteinander leben Schwarz wie Weiß noch immer eher nebeneinander, jetzt allerdings in Frieden, was weit mehr ist als man noch vor einem Vierteljahrhundert erwarten durfte, als dem Land im Westen regelmäßig ein blutiger Rassenkrieg prophezeit wurde.

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