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Netflix-Doku: Becoming Yes, We Cash In

Michelle Obama startet Netflix-Serie Becoming. Quelle: AP

Kaum ein ehemaliger US-Präsident profitierte finanziell mehr von seiner Karriere als Barack Obama. Auch nach dem Auszug aus dem Weißen Haus verdienen die Obamas munter weiter – nicht erst seit der neuen Netflix-Doku.

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Dass „Becoming“ ein Hit werden würde, war bereits nach wenigen Stunden klar. Kaum hatte der Streamingdienst Netflix die Dokumentation von und mit Amerikas ehemaliger First Lady Michelle Obama am 6. Mai veröffentlicht, da stieg sie bereits weit oben auf der Liste der meistgesehenen Filme der USA ein. Das Interesse an der Ex-Präsidentenfamilie ist auch bald vier Jahre nach ihrem Auszug aus dem Weißen Haus groß. So groß, dass die Obamas in kürzester Zeit sehr reich geworden sind.

Als Barack Obama 2009 das Amt des US-Präsidenten antrat, gehörte er zu den ärmeren Männern, die in Washington jemals regiert hatten. Millionär wurde er erst kurz vorher, nachdem seine politische Karriere und die anschließende Kandidatur für das Oval Office einige seiner Bücher zu Bestsellern hatten werden lassen.

Doch trotz eines siebenstelligen Vermögens schnitt er im Vergleich zu den meisten amerikanischen Staatsoberhäuptern schwach ab. Sein direkter Vorgänger etwa, George W. Bush, war als Mitglied einer ohnehin reichen Familie und durch Jobs im Ölsektor schon 20 Millionen Dollar schwer, bevor er ins Weiße Haus eingezogen war. Obama hingegen kam aus der Mittelschicht. Seinen Studienkredit konnte er erst im Jahr 2004 vollständig zurückzahlen. Da war er 44 Jahre alt. Und stand kurz davor, in den Senat gewählt zu werden.

Spätestens seit seinem Wahlsieg im Jahr 2008 muss sich Obama um seine finanzielle Zukunft keine Sorgen mehr machen. Sein Vermögen wuchs bereits während seiner Zeit im Weißen Haus deutlich – vor allem durch weitere Buchverkäufe, die sein Jahresgehalt von 400.000 Dollar um einige Millionen aufbesserten. Richtig durch die Decke gingen seine Einnahmen jedoch, nachdem er und seine Frau Michelle als frischgebackenes Ex-Präsidentenpaar in die Vermarktung ihrer Karrieren einstiegen.

Allein durch Buch- und Produktionsverträge dürfte ihr Vermögen Schätzungen zufolge auf über 135 Millionen Dollar gestiegen sein. Hinzu kommen noch Honorare für Reden und Auftritte, die ebenfalls pro Termin im sechsstelligen Bereich liegen. Und natürlich bekommt Obama als Ex-Präsident eine Pension von rund 200.000 Dollar im Jahr.

Dass sich die Präsidentschaft vergolden lässt, ist kein neues Phänomen. Allein Bill Clinton steigerte sein Vermögen nach dem Ende seiner Amtszeit einer Berechnung der American University aus dem Jahr 2017 zufolge um fantastische 6150 Prozent – überwiegend durch seine Memoiren und bezahlte Reden. Sein Vermögen wird heute auf rund 80 Millionen Dollar geschätzt. Seine Frau Hillary Clinton steuert zusätzlich 45 Millionen Dollar bei.

Trotzdem spielen die Obamas finanziell in einer eigenen Liga. Laut American University haben sie ein Einnahmenpotenzial von mehr als 240 Millionen Dollar. Allein ihr Buchvertrag mit Penguin Random House, einer Tochter von Bertelsmann, soll einen Vorschuss von 65 Millionen Dollar für die beiden Autobiografien des Paares nach sich gezogen haben. Zum Vergleich: Clinton erhielt 15 Millionen Dollar für seine Erinnerungen, Bush 10 Millionen Dollar.

Ausgeklügeltes Geschäftsmodell

Die Obama-Zahl wurde offiziell nie bestätigt, aber auch nicht bestritten. Dass der Verlag auf den Kosten sitzen bleibt, ist nicht zu befürchten. Allein Michelle Obamas Autobiografie „Becoming“, auf der nun auch der Dokumentarfilm basiert, verkaufte sich allein in der ersten Woche fast 1,5 Millionen Mal. Tickets für ihre Lesungen kosteten teils mehr als 4000 Dollar. Auch verkaufte die Ex-First-Lady Merchandising-Artikel wie Tassen (20 Dollar) und Kerzen (35 Dollar). Zehn Prozent der Einnahmen gingen an die Hilfsorganisation Global Girls Alliance. Das nächste potenzielle Millionenprojekt steht indes kurz bevor. Das Buch ihres Gatten soll angeblich in diesem Jahr erscheinen – mitten im Präsidentschaftswahlkampf. Schaden dürfte dies dem Absatz nicht.

Auch die aktuelle Dokumentation ist Teil des Obama-Geschäftsmodells. 2018 schloss das Paar einen Produktionsvertrag mit Netflix. Volumen: 50 Millionen Dollar. „Becoming“ ist der zweite Film ihrer Firma Higher Ground Productions, der auf dem Streamingdienst läuft. Bereits im vergangenen Jahr erschien der Dokumentarfilm „American Factory“ über eine Fabrik in Ohio. Er gewann einen Oscar.

Angesichts solcher Einnahmen können es sich die Obamas erlauben, großzügig zu sein. Schon während der Präsidentschaft spendete die Familie einen Millionenbetrag an wohltätige Zwecke. Auch das Preisgeld für den Friedensnobelpreis, den Obama 2009 erhielt, spendete er.

Mit der Großzügigkeit einer seiner Vorgänger kann sich allerdings auch Obamas Philanthropie nicht messen. Jimmy Carter, 39. Präsident der Vereinigten Staaten und mittlerweile 95 Jahre alt, gilt gemeinhin als der idealtypische Ex-Präsident. Anders als die meisten seiner Vorgänger und alle seine Nachfolger vermarktete der Demokrat seine Amtszeit jedoch nicht zu exorbitanten Preisen. Stattdessen betätigt er sich vor allem für wohltätige Zwecke.

Carter galt als gescheitert, nachdem er 1980 die Wahl gegen Ronald Reagan verloren hatte. Nach dem Ende seiner Amtszeit war er verschuldet und musste sogar die legendäre Erdnussfarm seiner Familie verkaufen, die er vor seiner politischen Karriere betrieben hatte (während seiner Amtszeit führte sie ein Treuhänder). Carter entschied, seinen Lebensunterhalt künftig als Autor zu verdienen. Gemeinsam mit seiner Frau Rosalynn zog er zurück in das Haus in Plains, Georgia, das er 1961 eigenhändig gebaut hatte. Das Paar lebt immer noch dort. Der Wert des Hauses wird auf 167.000 Dollar geschätzt. Die gepanzerten Limousinen der Secret-Service-Beamten, die ihn bis heute bewachen, sind teurer.

Mehrere Dutzend Bücher hat Carter seit seinem Auszug aus dem Weißen Haus geschrieben. Große Vorschüsse kassiert er nicht. Auch bezahlte Reden oder gut dotierte Aufsichtsratsposten hat er immer abgelehnt. Er habe nicht finanziell von seiner politischen Karriere profitieren wollen, so Carter einmal zu Washington Post. Stattdessen unterstützt er seit Jahrzehnten die NGO Habitat for Humanity, die Häuser für sozial Schwache errichtet und setzt sich für Menschenrechtsfragen ein. 2002 erhielt auch er den Friedensnobelpreis. Das Preisgeld spendete er ebenfalls.

Arm ist Carter natürlich dennoch nicht. Auch er erhält eine Pension, seine Buchverträge, wenngleich nicht annährend so hoch dotiert wie die der anderen Ex-Präsidenten, kommen hinzu. Insgesamt wird sein Vermögen aktuell auf sieben Millionen Dollar geschätzt. Sicher nicht wenig Geld, doch gemessen an den Einkommensmöglichkeiten anderer Ex-Bewohner des Weißen Hauses nahezu ein Klacks.

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