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Neue Angriffe 13 Zivilisten sterben bei Angriffe auf syrisches Rebellengebiet

Die nächste Eskalation: Das syrische Rebellengebiet Ost-Ghuta ist von Regierungstruppen eingeschlossen. Immer mehr Zivilisten sterben.

Ost-Ghuta erlebt bereits seit mehreren Tagen eine der schlimmsten Angriffswellen des fast siebenjährigen Bürgerkriegs. Quelle: dpa

Damaskus/BeirutBei neuen Angriffen auf das syrische Rebellengebiet Ost-Ghuta nahe Damaskus sind Aktivisten zufolge mindestens 13 Zivilisten ums Leben gekommen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete am Donnerstag zudem mindestens 100 Verletzte. Das Gebiet um die Stadt Duma sei am Morgen von rund 200 Granaten getroffen worden. „Dutzende Granaten fallen jede Minute herunter“, sagte der Aktivist Masen al-Schami. Helfer könnten deswegen Verletzte nicht erreichen.

Ost-Ghuta erlebt bereits seit mehreren Tagen eine der schlimmsten Angriffswellen des fast siebenjährigen Bürgerkriegs. Seit Sonntag kamen den Menschenrechtlern zufolge mehr als 320 Zivilisten ums Leben, mehr als 1700 wurden verletzt. Die Eskalation löste weltweit große Besorgnis aus. Am Donnerstag wollte sich auch der UN-Sicherheitsrat mit der Lage in dem Gebiet beschäftigen.

Die Lage erinnert an die Schlacht um Aleppo Ende 2016. Auch in Ost-Ghuta konnten die Rebellen trotz sporadischer Bombardements sehr lange die Stellung halten. Nun aber haben die Regierungstruppen mit Unterstützung Moskaus einen Großangriff gestartet. Auf zivile Opfer wird dabei – wie schon in Aleppo – keine Rücksicht genommen. Zugleich haben sich auch diesmal wieder tausende Kämpfer inmitten der Wohngebiete verschanzt. Viele von ihnen dürften entschlossen sein, bis zum Tod erbitterten Widerstand zu leisten.

Ghuta ist eine informelle Bezeichnung für die Vororte von Damaskus entlang des Flusses Barada, einschließlich der östlich anschließenden Städte Duma, Kfar Batna und Sakba. Die dort lebenden Menschen zählten 2011 zu den ersten, die offen gegen Präsident Baschar al-Assad protestierten. Ein Jahr später, als aus den friedlichen Protesten ein bewaffneter Aufstand geworden war, übernahmen Rebellengruppen in Ost-Ghuta die Kontrolle.

Wegen der räumlichen Nähe zur Hauptstadt war das Gebiet für die Rebellen strategisch wichtig. Entsprechend konzentrierten sie dort schon früh Munitionsvorräte und kampfbereite Einheiten. Regierungstreue Truppen waren zunächst an anderen Orten im Land gebunden. Doch Ost-Ghuta war Assad stets ein Dorn im Auge. Regelmäßig ließ er daher auch die dortigen Siedlungen angreifen, im Jahr 2013 sogar mit dem Nervengas Sarin.

Seit 2013 wird das Gebiet von Regierungssoldaten belagert, seit Mitte 2017 ist es von allen Seiten eingeschlossen. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben derzeit etwa 393.000 Menschen in Ost-Ghuta. Etliche von ihnen waren erst im Laufe des Bürgerkriegs aus anderen Teilen Syriens dorthin geflüchtet. Hilfskonvois schaffen es inzwischen nur selten, die Barrieren zu überwinden. Nahrung ist daher knapp und teuer. Die meisten Bewohner sind seit Jahren unterernährt. Raketen haben viele Krankenhäuser, Schulen und Wohngebäude zerstört.

Dass sich die Enklave bis heute halten konnte, hat mehrere Gründe. Zum einen sind kampferprobte Rebellen von etlichen Gruppierungen vor Ort. Die Stadt Duma ist das Zentrum der „Armee des Islams“. Die ultra-konservativen Milizen Ahrar al-Scham und Fajlak al-Rahman sowie die mit Al-Kaida verbündete Hai'at Tahrir al-Scham sind ebenfalls präsent. Die Truppen Assads wiederum waren in den ersten Jahren des Bürgerkriegs auf viele Fronten verteilt. Die meisten Soldaten waren lange in den weiter nördlich gelegenen Großstädten Homs und Aleppo sowie im Grenzgebiet zum Libanon im Einsatz.

Trotz der dichten Besiedlung ist Ost-Ghuta zudem eine Region mit umfassender Landwirtschaft. Vor dem Krieg wurde Damaskus vor allem von hier aus mit Reis, Gemüse und Obst versorgt. Insofern waren die Rebellen in Ost-Ghuta weniger von Nachschubrouten abhängig als in anderen Enklaven. Bis zur vollständigen Einkesselung im vergangenen Jahr konnten die Kämpfer über die östlich angrenzende Wüste aber sogar noch Vorräte an Waffen und Munition in das Gebiet bringen. Darüber hinaus haben sie ein Labyrinth aus Tunneln angelegt, das Schutz vor Luftangriffen bietet und zum Teil auch eine Unterwanderung der Blockaden ermöglicht.

Durch die massive militärische Unterstützung Russlands und des Irans hat sich das Blatt aber trotzdem zugunsten Assads gewendet. Neben der nordwestlichen Provinz Idlib, in die sich nach dem Fall von Aleppo viele Oppositionskämpfer zurückgezogen hatten, steht seit einigen Wochen auch die Rebellen-Hochburg bei Damaskus unter heftigem Beschuss.

Geleitet wird die Offensive von General Suheil al-Hassan. Dessen Elite-Einheiten trugen wesentlich zu den Siegen der Regierungstruppen gegen die Rebellen in Aleppo und kürzlich gegen die Terrormiliz IS in Dair as-Saur im Osten bei. Für Assad wäre ein Sieg in Ost-Ghuta von großer Bedeutung. Denn damit wäre nach sieben Jahren des Aufstands zumindest das Kernland Syriens wieder fast vollständig unter seiner Kontrolle.

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