Neue Hoffnung für den schlafenden Riesen

Indien startet durch

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Mangelnde Dynamik, anhaltende Misswirtschaft, unlösbare soziale Probleme machten Indien zum scheinbar hoffnungslosen Fall. Nun gibt es aber Anzeichen für einen dramatischen Aufstieg des Landes.

Diese Volkswirtschaften hinken hinterher
Brasilien Quelle: dpa
Slowenien Quelle: dpa
Südafrika Quelle: dpa
Griechenland Quelle: dpa
Rumänien Quelle: dpa
Jordanien Quelle: dpa
Bulgarien Quelle: dpa

Was könnte 2014 zur weltweit besten Nachricht für unser wirtschaftliches Wohlergehen werden? Zur Jahresmitte gibt es einen starken Kandidaten: den Ausgang der indischen Parlamentswahlen, bei der Hunderte Millionen Wähler die Herrschaft der Kongresspartei beendet haben, die seit der Unabhängigkeit 1947 das Land mit kurzen Unterbrechungen dominiert hat. Die Inder werden ihre Entscheidung höchstwahrscheinlich nicht bereuen. Sonia Gandhi, die Witwe des früheren Ministerpräsidenten Rajiv Gandhi, bestimmte als Vorsitzende der Kongresspartei seit 1998 die Politik ihrer Partei, Ministerpräsident Manmohan Singh war zuletzt kaum mehr als eine Repräsentationsfigur. Unter Sonia Gandhi folgte der Kongress populistischen Vorstellungen, Transferzahlungen wurden erhöht und Indiens Wirtschaftswachstum nahm ab, zuletzt auf weniger als 4 Prozent im vergangenen Jahr. So liegt Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf immer noch bei jährlich etwa 4000 Dollar. China hat mehr als das doppelte.

Der jetzt neu gewählte Ministerpräsident Narendra Modi führte seinen erfolgreichen Wahlkampf mit dem Versprechen, schnell für viel mehr Arbeitsplätze und viel höhere Einkommen zu sorgen – in ganz Indien nach dem Muster des Bundesstaats Gujarat, wo er seit 2001 als wirtschaftsfreundlicher Regierungschef für starkes Wachstum gesorgt hat. Nach Gujarat nördlich von Mumbai kamen dank Modis Politik viele Investoren, aus Indien wie aus dem Ausland.

Die wachsende Bedeutung der Brics-Staaten

Jetzt ist etwas für Indien ganz Ungewöhnliches geschehen. Modis Partei BJP hat eine absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus gewonnen und braucht keine Partner für irgendwelche Koalitionen. Modi muss also anders als fast alle seine Vorgänger in Delhi keine Kompromisse mit anderen landesweiten politischen Kräften oder den in Indien vergleichsweise starken Regionalparteien schließen: Er kann sein Programm unverändert durchs Parlament bringen.

Für seine wirtschaftlichen Ziele hat Modi zwei wichtige politische Helfer. Das ist erst einmal der neue Finanzminister Arun Jaitley, ein erfahrener Politiker und altgedienter Minister in früheren Kabinetten der BJP. Jaitley gilt als strategischer Kopf mit viel Sympathien für die Interessen der Unternehmen. Und dann findet Modi in Singh bereits einen Präsidenten der Zentralbank vor, mit dem er harmonieren wird: Raghuram Rajan, ein weltweit angesehener Ökonom, der seit vergangenem September an der Spitze der Reserve Bank of India steht. Rajan hat schon deutlich gemacht, dass er vor allem die derzeit nahezu zweistellige indische Inflationsrate reduzieren und einige der überkommenen kontraproduktiven Restriktionen aufheben will, unter denen der indische Bankensektor leidet.

Es wird dauern, bis die nötigen Maßnahmen zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums eingeführt sind und Wirkung zeigen. Doch wenn wir heute schon wissen wollen, ob die neue Regierung das Richtige für stärkeres langfristiges Wachstum tut, müssen wir auf Fortschritte auf den folgenden zehn Feldern achten:

1. Bildung: Indien hat zwar hervorragende Universitäten und Forschungseinrichtungen, aber davon hat die große Mehrheit der Bevölkerung nichts, weil Grund- und Mittelschulen so unzureichend sind. Nur 60 Prozent der erwachsenen Inder können einfache Texte lesen und schreiben, die meisten Lehrer sind selbst schlecht ausgebildet. Viele sind so unmotiviert, dass sie – und nicht die Schüler – die Schule schwänzen.

Die beliebtesten Investitionsstandorte der Welt
Platz 9Frankreich liegt im Ranking ganz hinten. Von 808 befragten Managern internationaler Unternehmen nannten nur 6 Prozent Frankreich als einen der besten Investitionsstandorte der Welt. Immerhin: 2012 waren es sogar nur 3 Prozent. Quelle: dpa
Platz 86 Prozent der befragten Manager nennen Großbritannien als einen der attraktivsten Standorte für Investitionen. Auch im Vorjahr lag das Land bei 6 Prozent. Großbritannien wird vor allem von US-Investoren bevorzugt. Quelle: dpa
Platz 7Polens Pemierminister Donald Tusk kommt mit seinem Land nur auf 10 Prozent der Stimmen (2012: 6 Prozent) Quelle: dpa
Platz 614 Prozent der befragten Manager bezeichnen Deutschland als einen besten Investitionsstandorte der Welt. Im Vorjahr waren es 13 Prozent. Besonders geschätzt wird Deutschland für seine gute Infrastruktur, die Qualifikation der Arbeitskräfte und das soziale Klima. Bemerkenswert ist das anhaltend große Interesse chinesischer Unternehmen an Investitionen in Deutschland: Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 46 Projekte chinesischer Investoren gezählt (2011: 45); das waren so viele wie in keinem anderen Land Europas. Quelle: Reuters
Platz 5Etwas abwärts ging es für Indien: 19 Prozent befanden Indien für investitionswürdig. 2012 waren es noch 21 Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 4Russland wurde von 20 Prozent als begehrter Investitionsstandort genannt. Kaum verändert hat sich die Beliebtheit im Vergleich zum Vorjahr, da waren es 19 Prozent. Quelle: dpa
Platz 325 Prozent der befragten Manager nannten die USA als attraktiv für Investitionen. 2012 waren es noch 19 Prozent. Quelle: dpa

2. Infrastruktur: Indien braucht bessere Straßen und Häfen, damit Waren besser durch das riesige Land und in den Rest der Welt befördert werden können. Die Privatisierung von Fluglinien und Flughäfen vor ein paar Jahren hat gezeigt, was private Unternehmen hier bewirken können.

3. Solide Finanzpolitik: Hohe Haushaltsdefizite absorbieren bislang die Ersparnisse der Inder, die darum nicht in Investitionen der Unternehmen fließen können; außerdem steigern die Defizite der Staatsverschuldung, was zukünftige Steuererhöhungen erzwingt.

4. Privatisierung: Die staatseigenen indischen Unternehmen in der Industrie und anderen Sektoren arbeiten unwirtschaftlich und oft mir Verlusten, welche die nationale Sparleistung aufzehren. Der Verkauf dieser Unternehmen würde darum unmittelbar das Wirtschaftswachstum fördern.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%