+++Newsblog zum Fall Skripal+++ Gift bei Skripal-Anschlag stammt aus einem staatlichem Labor

Ein deutscher Experte erklärt, das Gift bei dem Anschlag auf den russischen Agenten Skripal könne nur aus einem Staatslabor kommen. Alle Ereignisse im Newsblog.

OPCW bestätigt Einsatz von Nowitschok Quelle: Reuters

Der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal war am 4. März zusammen mit seiner Tochter Julia im südenglischen Salisbury bewusstlos gefunden worden. Großbritannien geht davon aus, dass beide mit dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden und verdächtigt daher Russland, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein. Moskau bestreitet dies vehement. Der Streit der beiden Länder hat sich zu einem internationalen Konflikt hochgeschaukelt. Die EU und EU-nahe Staaten haben russische Diplomaten ausgewiesen. Russland wiederum hat US-Diplomaten des Landes verwiesen.

+++4. April, 13.20 Uhr: Deutscher Experte: Gift bei Skripal-Anschlag stammt aus staatlichem Labor+++

Im Fall des Anschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal kann nach Ansicht eines deutschen Chemiewaffen-Experten nur ein staatliches Labor die Quelle für das verwendete Nervengift sein. „Ich bin sicher, dass das Gift aus einem Labor kommt, das Bestandteil eines staatlichen Programms ist und Erfahrungen mit solchen Substanzen hat“, sagte der Chemiker und Toxikologe Ralf Trapp am Mittwoch in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Trapp schließt Labors von Terror-Organisationen oder kriminellen Banden aus. „Es braucht einen Grad von Erfahrung im Umgang mit diesen Stoffen und eine Kenntnis der dahinter stehenden Chemie.“

Infrage kämen einerseits Labors, die sich - wie die staatlichen Einrichtungen in der Sowjetunion und später in Russland - mit der Entwicklung solcher Stoffe befasst hätten. Fähig zur Produktion des Nowitschok-Giftes seien andererseits aber auch Einrichtungen, die zum Zwecke des Schutzes mit solchen Substanzen gearbeitet hätten. „Publiziert ist das zum Beispiel aus der ehemaligen Tschechoslowakei und aus dem Iran.“ Auch die Forschungsanlage im britischen Porton Down zähle dazu.

Es sei nicht der erste Anschlag mit Nowitschok gewesen, erklärte der Experte. Anfang der 90er Jahre wurde seinen Angaben zufolge ein Banker in Russland vergiftet. Dessen Telefonhörer sei mit dem Stoff imprägniert gewesen, sagte Trapp, der als unabhängiger Berater unter anderem für die Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) und die Vereinten Nationen arbeitete.

London geht ebenfalls von einem staatlichen Akteur aus und bezichtigt direkt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Drahtzieher. Nach Angaben des britischen Außenministeriums soll Russland kleine Mengen des Nervengifts produziert und für potenzielle Attentate gehortet haben. Forscher in Porton Down konnten aber nicht herausfinden, wo genau der Kampfstoff hergestellt worden ist. Russland weist vehement alle Vorwürfe zurück und betont, dass viele Länder als Ursprungsort infrage kämen - eben auch Großbritannien.

+++4. April, 12.41 Uhr: Russland beschuldigt Westen, neuen Kalten Krieg zu schüren+++

Hochrangige russische Amtsträger haben den Westen beschuldigt, einen neuen Kalten Krieg zu schüren. Damit wolle er seinen Einfluss auf das Weltgeschehen bewahren, sagte Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch. Die Nato benutze „die nicht vorhandene russische Bedrohung, um systematisch ihr militärisches Potenzial zu steigern“.

Moskau werde auf die Schritte der Nato reagieren und seine eigenen Verteidigungskapazitäten steigern, um „die militärische Sicherheit Russlands und seiner Verbündeten sicherzustellen“, sagte Schoigu auf einer Sicherheitskonferenz. Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Narischkin, verglich den Giftanschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter Julia mit dem Kalten Krieg und sagte, er sei von britischen und amerikanischen Geheimdiensten inszeniert worden.

Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist auf den tiefsten Stand seit dem Ende des Kalten Kriegs gesunken, nachdem Russland 2014 die Halbinsel Krim annektiert hatte und Separatisten in der Ostukraine unterstützte. Das Attentat auf die Skripals hat die Beziehungen weiter belastet und zur Ausweisung von Hunderten Diplomaten durch den Westen und im Gegenzug von Russland geführt.

Narischkin sagte auf der internationalen Sicherheitskonferenz, die vom russischen Verteidigungsministerium organisiert worden war, der Angriff auf die Skripals am 4. März im englischen Salisbury sei eine „groteske Provokation“. Das Vorgehen der USA gleiche demjenigen während des Kalten Krieges.

Die britische Regierung hat Russland beschuldigt, die Skripals mit dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok vergiftet zu haben, was Moskau bestritten hat.

+++4. April, 12.39 Uhr: Briten lehnen gemeinsame Untersuchung ab+++

Großbritannien lehnt den Vorschlag Russlands für eine gemeinsame Untersuchung des Nervengift-Anschlags von Salisbury ab. Es handle sich dabei um eine Ablenkungstaktik, twitterte die britische Delegation bei der Krisensitzung der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) am Mittwoch in Den Haag. Russland wolle lediglich weitere Desinformationen streuen, um sich vor den eigentlichen Fragen wegzuducken, die die russischen Behörden beantworten müssten. Russland hatte die Sondersitzung beantragt. Nach Einschätzung aus Diplomatenkreisen dürfte dabei jedoch nicht die Zwei-Drittel-Mehrheit zustande kommen, um eine neue, gemeinsame Untersuchung zu starten. Die OPCW überwacht die Einhaltung der Chemiewaffen-Konvention von 1997.

Die Organisation hatte nach dem Anschlag in Salisbury Proben genommen, die in zwei unterschiedlichen Labors untersucht werden sollten. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich in der kommenden Woche vorliegen. Die Experten des britischen Bio- und Chemiewaffenlabors in Porton Down kamen unterdessen zum Schluss, dass es sich bei dem verwendeten Nervengift um eine Substanz aus der in der Sowjetunion entwickelten Nowitschok-Gruppe handelt. Sie konnten nach eigenen Angaben aber nicht herausfinden, ob das Gift in Russland hergestellt wurde. Großbritannien macht die Regierung in Moskau für den Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter verantwortlich, was diese zurückweist.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Dienstag erklärt, er hoffe, dass mit dem Treffen der OPCW ein Strich unter den Fall gezogen werden könne. Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes, Sergej Narischkin, machte am Mittwoch erneut amerikanische und britische Nachrichtendienste für das Attentat verantwortlich. Skripal ist nach dem Anschlag weiter in kritischer Verfassung, während sich der Zustand seiner Tochter Julia gebessert hat. Der Anschlag hat die Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland auf den tiefsten Stand seit dem Ende des Kalten Krieges stürzen lassen. Großbritannien, Deutschland und andere westliche Staaten wiesen nach dem Attentat etwa 130 russische Diplomaten aus. Russland verwies seinerseits westliche Diplomaten des Landes.

+++4. April, 12.11 Uhr: Bundesregierung: Keine neue Einschätzung zum Fall Skripal+++

Trotz fehlender Beweise hält die Bundesregierung an dem Verdacht fest, dass Russland vermutlich hinter dem Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal steckt. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer sagte am Mittwoch in Berlin, Deutschland teile die Einschätzung Großbritanniens, dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Verantwortung Russlands gebe. „Daran hat sich nichts geändert.“ Tags zuvor hatten britische Forscher eingeräumt, die „präzise Quelle“ für die eingesetzte Substanz sei unklar.

Großbritanniens macht Russland für den Anschlag mit Nowitschok verantwortlich. Das Nervengift war in der früheren Sowjetunion hergestellt worden. Moskau weist die Vorwürfe allerdings vehement zurück. Wegen dieses Konflikts gab es am Mittwoch in Den Haag eine Sondersitzung des Exekutivrats der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW).

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin betonte, auch nach den jüngsten Aussagen der britischen Forscher gebe es keinen neuen Sachstand. Sie änderten nichts an der Analyse, dass die Erklärungen Londons für eine russische Verantwortung plausibel seien.

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