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Nicolas Hénin Ex-IS-Geisel warnt vor Bomben auf den IS

Großbritannien fliegt schon Angriffe auf den IS, am Freitag entscheidet auch Deutschland über einen Einsatz. Jetzt spricht sich ausgerechnet ein Mann gegen die Bomben aus, der monatelang Geisel der Terrormiliz war.

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Der Journalist kurz nach seiner Freilassung im April 2014. Mit seinen ehemaligen Geiselnehmern und Bewachern chattet er zum Teil heute noch. Quelle: dpa - picture-alliance

Zehn Monate lang war er in den Händen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), alle seine Mitgefangenen wurden geköpft – und jetzt hält der französische Journalist Nicolas Hénin einen flammenden Appell, den IS nicht zu bombardieren.

In einem Video sagte er, den IS zu bombardieren würde die Terroristen nur stärken. „Sie fürchten unsere Einheit mehr als unsere Luftangriffe“, sagte Hénin in dem Video-Interview, das bei Youtube von der Organisation „The SyriaCampaign“ gepostet wurde.

„Die Sieger dieses Kriegs werden nicht die Parteien sein, die die neuesten, teuersten, hochentwickeltsten Waffensysteme haben, sondern die Partei, der es gelingt, die Menschen auf ihre Seite zu bringen“, sagte Hénin. Das Video, das auch der britische „Guardian“ auf seiner Homepage veröffentlichte, sollte offensichtlich die Abstimmung des britischen Parlaments über Luftangriffe auf den IS beeinflussen.

Von Mitte Juni 2013 bis April 2014 war Hénin Geisel des IS in Syrien. Der Reporter des Magazins „Le Point“ war gemeinsam mit dem freien Fotografen Pierre Torrès nahe der syrischen Stadt Raqqa entführt worden. Sieben Monate seiner Geiselhaft verbrachte der Journalist zusammen mit dem US-amerikanischen Reporter James Foley, den IS-Henker „Dschihadi John“ schließlich enthauptete – ebenso wie seine Mitgefangenen Steven Sotloff, David Haines und Alan Henning.

Hénin entging diesem Schicksal nur, weil die französische Regierung den Geiselnehmern offenbar ein Lösegeld in Millionenhöhe zahlte. Großbritannien und die USA lehnen das grundsätzlich ab.

„Mit den Bomben treiben wir die Menschen in die Arme des IS“, warnt der Journalist nun. „Was wir tun müssen – und das ist der wirkliche Schlüssel – wir müssen die Menschen vor Ort miteinbeziehen.“ Sobald sie Menschen Hoffnung auf eine politische Lösung hätten, würde der Islamische Staat zusammenbrechen. Ihm wäre das Fundament entzogen.

Mit der bisherigen Syrien-Politik im Speziellen und der gesamten Nahost-Politik des Westens geht Hénin hart ins Gericht. „Warum machen wir dort alles falsch? Warum verstehen die Leute die Region so falsch. Wir machen unsere Feinde groß, wir machen das Leid groß und die Katastrophe für die Menschen dort“, sagte er. Die internationale Gemeinschaft habe die demokratischen Kräfte in Syrien allein gelassen, als diese nach Freiheit riefen.

„Auf jeden Syrer, der seit dem Beginn des Konflikts vom IS getötet wurde, kommen zwischen sieben und zehn, die vom syrischen Regime getötet wurden“, so Hénin. Diese parallelen Desaster für die Syrer bedingten einander. „Man kann nicht das eine ohne das andere bekämpfen“, sagt Hénin.


Der Bundestag entscheidet am Freitag

Seit seiner Freilassung im Frühjahr 2014 hat Hénin immer wieder von seiner Geiselhaft berichtet – und damit Einblicke in die Welt der Terrorgruppe geliefert. „Als Geisel bist du nur eine Marionette“, berichtete Hénin etwa. „Um Gnade zu betteln ist das Schlimmste, was du machen kannst. Es ist dumm. Versuch es niemals.“ Die Terroristen seien laut Hénin immun gegen das Flehen ihrer Geiseln.

Dennoch schilderte der Journalist auch die menschliche Seite seiner Bewacher. Mit der muslimischen Kultur hätten viele der aus Europa eingereisten Kämpfer wenig zu tun. „Sie sprechen unsere Sprache [...]. Sie sind Produkte unserer [europäischen] Kultur, unserer Welt.“ Hénin zufolge würden sich die Dschihadisten auch westliche Serien wie die „Teletubbies“ oder „Game of Thrones“ ansehen. Mit einigen von ihnen chattet er heute noch.

Zusammen mit seinem Mitgefangenen, dem Fotografen Pierre Torres, schrieb er während seiner Geiselhaft ein Kinderbuch für seine fünfjährige Tochter. Der Titel des Buches lautet „Wird Vater Igel jemals nach Hause kommen?“ Er selbst habe sich gewünscht, ein Igel zu sein, sagt Hénin. Um die Geiselhaft des IS zu überleben, habe auch er sich „zu einem Ball zusammengerollt.“

Geholfen hat Hénins Appell gegen die Bombardierung des IS allerdings erst einmal nicht – zumindest was die Entscheidung des britischen Parlaments am späten Mittwochabend angeht. Großbritannien fliegt seit dem Morgen Angriffe auf den IS in Syrien.

Der deutsche Bundestag entscheidet morgen über den Einsatz der Bundeswehr gegen den IS: Das Kabinett hatte bereits am Dienstag den Einsatz deutscher Soldaten gegen den IS mit bis zu 1200 Soldaten als Reaktion auf die Terroranschläge in Paris beschlossen.

Die Bundeswehr soll Luftangriffe von Staaten wie Frankreich gegen den IS in Syrien und im Irak unterstützen. Zu den Aufgaben gehören die Aufklärung mit „Tornado“-Flugzeugen und Satelliten, die Luftbetankung von Kampfjets sowie der Schutz eines französischen Flugzeugträgers mit einer Fregatte.

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