WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Nordafrika Der Umsturz hat Europa kalt erwischt

Seite 2/4

Den Anfang hat das Ägyptische Quelle: dpa

Man kann den Unterschied auch materiell quantifizieren. Zakaria verweist auf mehrere wissenschaftliche Studien, denen zufolge demokratische Revolutionen gelingen, wenn das Bruttoinlandsprodukt des jeweiligen Landes ein bestimmtes Minimum erreicht. Nach heutiger Kaufkraft läge die Grenze bei 6500 Dollar pro Kopf: Libyen, Tunesien und auch Algerien liegen deutlich über der Grenze, Ägypten im kritischen Grenzbereich, und nur Marokko bleibt in Nordafrika deutlich unter der Marke. Woraus abzuleiten wäre, dass Europa sich auf eine fruchtbare Partnerschaft mit neuen Regierungen in Tunesien und Algerien einrichten kann, irgendwann auch mit Libyen. Im strategisch so wichtigen Ägypten, nach offiziellen Angaben knapp unter der 6500-Dollar-Marke, könnte ausländische Hilfe darüber entscheiden, was am Ende der großen Transformation steht. Das Königreich Marokko, viel ärmer als seine Nachbarn weiter östlich, bleibt ein Sonderfall.

Eu hat Nicht-Mitgliedern wenig zu bieten

Umso seltsamer eine dieser Tage in Brüssel wieder kursierende Erinnerung: Das außenpolitisch immer stramm pro-westliche Königreich Marokko hat sich vor langer Zeit, im Sommer 1987, ganz formal um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union beworben. Die europäischen Außenminister lehnten das mit der Begründung ab, Marokko liege nun einmal nicht in Europa. Was das Königreich die Hoffnung nicht aufgeben ließ: „Nach der Annahme der türkischen EU-Kandidatur ist die Mitgliedschaft für Marokko kein Tabu mehr“, ließ König Mohammed VI. seinen Sprecher ausrichten, als die EU 2005 Verhandlungen mit Ankara aufnahm. „In zehn Jahren werden wir ein voller Partner in der EU sein“, prognostizierte 2006 der damalige marokkanische Premierminister Driss Jettou.

Die unrealistische Sehnsucht sagt viel aus über die beschränkten Möglichkeiten der EU, Außenpolitik zu betreiben. Denn Ländern, denen sie keine Mitgliedschaft offerieren kann, hat sie wenig zu bieten.

Um die Lücke zu füllen, hatte Brüssel schon 1995 die Mittelmeeranrainer in Barcelona zu einer am Ende folgenlosen Konferenz über gegenseitige Kooperation versammelt. 2004 ließ sich die EU dann eine sogenannte Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP) einfallen. Darin versprach die Union Geld und die vage Aussicht auf Handelserleichterungen, um sich die umliegenden Länder gewogen zu halten. Man wolle einen „Kreis von Freunden“ schaffen, sagte der damals zuständige Kommissar Günter Verheugen. Und weil dabei wenig herauskam, proklamierte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2008 die sogenannte Mittelmeer-Union der EU-Staaten mit ihren südlichen Nachbarn. Das Ergebnis war ernüchternd: Nord- und Osteuropäer hatten kein Interesse an formalen Bindungen zu den Arabern am Mittelmeer. Dagegen wollten Spanier, Franzosen und Italiener zwar ihre Exporte nach Nordafrika intensivieren, aber die Einfuhr algerischer Tomaten und tunesischer Erdbeeren nach Europa weiter blockieren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%