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Nordafrika Der Umsturz hat Europa kalt erwischt

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Zwischen Gaddafi und Berlusconi Quelle: Gatty Images

Neben der Öffnung für den Handel und gezielten Geldspritzen werden es zunächst eher kleine Dinge sein, mit denen Europa eine große Wirkung erzielen kann. Etwa mit der Auswahl von Beratern für demokratische Wahlen und mit sehr grundlegender politischer Bildung. Hier haben von allen Europäern die Deutschen vielleicht die beste Ausgangsposition. Nicht nur, weil deutsche Unternehmen – von einzelnen Korruptionsaffären abgesehen – weniger verfilzt mit den alten Machthabern waren als Italiener und Spanier. Sondern auch, weil die Stiftungen der deutschen politischen Parteien zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten gerade in den nordafrikanischen Metropolen aktiv sind. Mitarbeiter der Ade-nauer-, Ebert- und Naumann-Stiftung haben zu Wissenschaftlern, Journalisten und Beamten Beziehungen aufgebaut. „Wir spielen jetzt ein wenig Volkshochschule“, sagt der Nahost-Experte Michael Lange von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, der unter anderem in Tunesien und Kairo gearbeitet hat. Die 3,2 Millionen Euro, die Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel den Stiftungen für ihre Arbeit in Nordafrika dieses Jahr zusätzlich zahlt, ließen sich wirksam verwenden – und der vergleichsweise kleine Betrag mache durchaus einen Unterschied: „Der deutsche Delegierte, ein einheimischer Assistent und ein Chauffeur – größer ist ein Stiftungsbüro in solchen Ländern nicht.“

Ehrgeizige Unternehmer finanzieren, nicht die Politik

Mit kleinen Beträgen große Veränderungen ermöglichen – das wäre vielleicht ein Rezept für den Wandel in Nordafrika. Ein anderes wünscht sich die Wirtschaftslobbyistin Rang: Mikrokredit-Initiativen nach dem Vorbild vieler asiatischer Länder für Ägypten, Tunesien und demnächst hoffentlich auch für Libyen. Denn überall gebe es „Millionen ehrgeiziger junger Leute, die besser leben wollen und keine Möglichkeit dazu haben“. Nicht die Regierungen seien zu finanzieren, „sondern der fleißige Kellner, der sein eigenes Lokal eröffnen möchte, so die Vertreterin des Nah- und Mittelost-Vereins.

Das wäre womöglich ein neues Tätigkeitsfeld für die bisher eher peinliche als effiziente Mittelmeer-Union. Und noch eine weitere europäische Institution bietet sich an: die Londoner European Bank for Reconstruction and Development, allgemein Osteuropabank genannt, die seit den frühen Neunzigerjahren mit staatlichem Geld aus den Marktwirtschaften die wirtschaftliche Transformation der früher kommunistischen Länder von Polen bis Kasachstan unterstützt hat. Es bedürfe nur einer Satzungsänderung, dann könnte die Bank ihre „Erfahrung gut in den arabischen Ländern einsetzen“, wirbt Bankchef Thomas Mirow.

Das sollte auch aus Eigennutz geschehen. Der fängt damit an, dass Einheimische und andere Afrikaner gute Arbeitsplätze schon am Südufer des Mittelmeers finden. Und hört mit der gesicherten Erdölversorgung noch nicht auf. Von wirtschaftlich dynamischen Partnern auf der anderen Seite des Mittelmeers kann Europa in der Weltwirtschaft nur profitieren.

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