Nordkorea (IV) Kriegshetze in der Kirche

Im vierten Teil seiner Reise durch Nordkorea bemerkt unser Chefreporter die hässliche Fratze des Regimes von Kim Jong-un – aber auch löbliche Projekte von Deutschen.

Ein Blick hinter die Kulissen von Nordkorea
Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Hochhäuser in Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Bilder von Kim Il-sung (links) und Kim Jong-il (rechts) Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Speisesaal des Ausländer-Hotels Koryo Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Eine Frau mit Sonnenschirm Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Junge Frauen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Leute auf Betonbänken auf dem Vorplatz des Bahnhofs von Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Kiosk Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ri Jong Hyok Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Tag 2Nah am VolkIm Plenum kommen die Abgeordneten der Obersten Volksversammlung nur zweimal im Jahr zusammen – ansonsten müssen sie auf dem Feld und in den Fabriken arbeiten. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das Parlament vor allem dazu da, der Politik des sakrosankten Diktators Kim Jong-un den Anstrich der Legitimität zu geben. Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Dolmetscher (links) und Florian Willershausen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Reisfeld Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ein Mann führt eine Kuh an einem Karren Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Menschen säen Reis Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Nordkoreaner auf einem Auto Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Fahrradfahrer Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Gedeckter Tisch Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ein LKW, ein Gerät und Arbeiter Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Menschen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Arbeiter Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche

All den bösen Buben hat er wieder die Hand gereicht! Ihnen seinen ehrlichen Rat geboten ob der verfahrenen politischen Lage, stolz hat er auf deutsche Hilfe in der Forstwirtschaft verwiesen, mit wirtschaftlicher Kooperation gelockt. Nett sind sie in Nordkorea gewesen zu Hartmut Koschyk, dem CSU-Abgeordneten auf Spezialmission im Reich des Bösen. Und er zu ihnen – bis zu jenem Moment, da ihm das totalitäre Regime doch wieder seine hässliche Fratze zeigt. Und das vor den Augen des Herrn!

Der Eklat geschieht beim Kirchgang. Es ist Sonntagfrüh, der vorletzte Tag hat für die deutsche Delegation ohne Kater begonnen. Ein Mönch aus Bayern gestaltet die katholische Andacht zusammen mit einem lokalen Priester. Freilich wussten wir, dass die Kirche hier der Partei der Arbeit hörig ist – aber mit dieser Hasstirade hatte niemand gerechnet. Zum „heiligen Krieg“ gegen Südkorea ruft der koreanische Prediger auf, im Zweifel müsse man mit Atomwaffen gegen Satan in Gestalt der US-Imperialisten und ihrer Handlanger in Seoul vorgehen. Der Dolmetscher übersetzt trocken, ein Delegierter weint leise, Abbruch! Aber der deutsche Pater hört sie nicht und predigt seinen Part weiter.

Fünf spannende Fakten über Nordkorea

Es ist der Tiefpunkt der Reise für Katholik Koschyk: „Ich hätte nie geglaubt, dass sie unsere religiösen Gefühle für ihre primitive Ideologie ausnutzen würden“, sagt er. Dabei kennt er Nordkorea seit seinem ersten Besuch im Jahr 2002 genau so: Immer tritt einem jemand in den Magen, wenn das Bauchgefühl ein Signal der Öffnung wahrnimmt – denn die gibt durchaus auch, selbst in diesen Tagen akuter Kriegsgefahr und ideologischer Hetze.

Vermutlich hat irgendein Hardliner hinter den Kulissen der deutschen Delegation zeigen wollen, dass die Kirche in Nordkorea ein ideologisches Instrument ist. Und so auch demonstriert, wie mächtig die Kriegstreiber in der Partei der Arbeit offenbar noch sind. Nordkorea bleibt seltsam gespalten zwischen Öffnung und Isolation. Und an diesem Morgen entsteht der Eindruck, dass das Land eher unter der Knute der Hardliner steht und nicht jener Liberalen, die wir am Tag zuvor bei einem Besuch in zwei Industriebetrieben getroffen hatten.

Aber auch an diesem Sonntag gibt es Lichtblicke. Der erste zeigt sich, als wir kurz nach dem Skandal bei den Katholiken die evangelische Kirche besuchen. Dort verliert niemand ein Wort des Hasses, im Gegenteil erzählen sie von einem konstruktiven Austausch mit den Lutheranern im Süden Koreas. Ein zweiter Lichtblick ist, dass sie in Nordkorea ein Projekt zur Behindertenhilfe nicht nur dulden, sondern aktiv fördern. Der deutsche Kaufmann Robert Grund betreibt in Pjöngjang eine Schule für Taubstumme, in der er zusammen mit seinem Bruder Marco gut zwei Dutzend Nordkoreaner unterrichtet – und so in ein halbwegs normales Leben zurückführt. „Jetzt wollen wir eine zweite Schule in Hungnam einrichten“, schreibt Grund auf eine Schreibtafel, denn er ist selbst Taubstumm und legt bei der Behindertenarbeit ein enormes Engagement zutage.

Das Engagement ist umso erstaunlicher, als dass es kaum jemand länger in Nordkorea aushält. Es fehlt an Bars, es gibt für Ausländer kein Kino, kein Theater , kein Shoppingcenter. Das Leben im Land mag für die Nordkoreaner besser werden, doch Ausländer müssen sich zu Tode langweilen. Und so leben lediglich 15 Deutsche permanent in Nordkorea, darunter vier Diplomaten.

Einer, der häufig nach Pjöngjang kommt, ist Bernhard Seliger. Er leitet die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in Südkoreas Hauptstadt Seoul und dehnt seine Arbeit immer mehr auf den Norden aus. Aktuell hilft er bei der Qualifizierung von Fachkräften in der Forstwirtschaft, die in einem Lehrwald des Umweltministeriums südlich von Pjöngjang tätig sind. Sie beschäftigen sich dort mit nachhaltiger Aufforstung, denn Nordkorea hat ein Problem: Die Einwohner haben über Jahre zu viele Bäume gefällt, sodass es jetzt zu Bodenerosion und Überschwemmungen kommt. Seliger bringt die Fachleute aus dem Norden gezielt mit jenen aus dem Süden zusammen – und weiß zu berichten: Wenn es um Expertenthemen geht, kommen sie wunderbar miteinander aus.

Genau so stellt sich CSU-Mann Koschyk seine Mission vor: Koreaner aus Nord und Süd auf der Mirko-Ebene zusammenbringen, damit sie ihre Vorurteile gegenüber den anderen abbauen. Die Kooperation mit dem Ausland forcieren, damit sie an ihrem Feindbild arbeiten. „Die Nordkoreaner sehen sich gern als Opfer eines imperialistischen Westens“, weiß der Abgeordnete aus Bayreuth, „aber sie müssen irgendwann erkennen, dass ihnen der Westen nichts Böses will.“ Davon, das weiß er nicht er seit dem Vorfall in der Kirche, ist Nordkorea im Moment noch weit entfernt.

Hier finden Sie alle Teile der Reportage:

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