Nordkorea (Teil I) Kohlrabi von der Landebahn

Wer fliegt schon freiwillig in ein Land wie Nordkorea? Unser Chefreporter hat es gewagt. Und berichtet von einem der repressivsten Regime der Welt, das seltsam hin- und hergerissen ist zwischen Öffnung und Abschottung.

Ein Blick hinter die Kulissen von Nordkorea
Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Hochhäuser in Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Bilder von Kim Il-sung (links) und Kim Jong-il (rechts) Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Speisesaal des Ausländer-Hotels Koryo Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Eine Frau mit Sonnenschirm Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Junge Frauen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Leute auf Betonbänken auf dem Vorplatz des Bahnhofs von Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Kiosk Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ri Jong Hyok Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Tag 2Nah am VolkIm Plenum kommen die Abgeordneten der Obersten Volksversammlung nur zweimal im Jahr zusammen – ansonsten müssen sie auf dem Feld und in den Fabriken arbeiten. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das Parlament vor allem dazu da, der Politik des sakrosankten Diktators Kim Jong-un den Anstrich der Legitimität zu geben. Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Dolmetscher (links) und Florian Willershausen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Reisfeld Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ein Mann führt eine Kuh an einem Karren Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Menschen säen Reis Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Nordkoreaner auf einem Auto Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Fahrradfahrer Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Gedeckter Tisch Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Ein LKW, ein Gerät und Arbeiter Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Menschen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Arbeiter Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche

Als ich endlich das Visum für Nordkorea im Pass habe, elektrisiert eine bizarre Meldung die Welt: Kim Jong-un, Diktator in dritter Generation, habe seinen Verteidigungsminister mit einer Flak hinrichten lassen – weil der während einer öffentlichen Huldigung des Führers eingenickt sei.

Nun ja, höre ich von Freunden und Familie, dein Faible für Diktaturen und Schurkenstaaten in allen Ehren. Aber bist du wahnsinnig? Wer fliegt schon freiwillig in ein so düsteres Land wie Nordkorea? Ein von der Welt abgenabelter Fleck Erde, ohne Internet und medizinische Versorgung! Ein repressives Regime mit einem Durchgeknallten, den sie obendrein noch „Führer“ nennen!

Fünf spannende Fakten über Nordkorea

Ich fahre. Und ich freue mich auf Nordkorea, eben weil das Land so bizarr wirkt. Aber ich lasse meinen Mac zuhause. Denn den, so höre ich, würden sie untersuchen. Auch mein iPhone nehme ich schweren Herzens nicht mit auf die Reise. Denn Handys, hieß es, würden sie uns am Flughafen abnehmen. So fliege ich nach Peking, wo sich eine Delegation um den CSU-Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk zum gemeinsamen Weiterflug nach Pjöngjang trifft.

"Keine Fotos!"

Nordkorea also. Die Tupolew-204 ist noch nicht gelandet, als das Land schon meine Klischees bestätigt. „No pictures“, ermahnt mich die Stewardess der staatlichen Fluggesellschaft „Air Koryo“, als ich Pjöngjang mit dem iPad aus dem Anflug fotografiere. Dabei fallen mir zwei Dinge ins Auge: Die Stadt zählt unheimlich viele Hochhäuser, aber keine hässlichen Betonburgen der Armen wie in Bangladesch, sondern solche wie in China, deren sauber verkleidete Fassaden in der Sonne glänzen. Einen derart gepflegten Eindruck hätte ich nicht erwartet von einem Land, dessen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei nur 720 Dollar liegt. Aber mal abwarten, wie es am Boden aussieht.

Eindrücke aus Nordkorea

Je näher die Maschine der Erde kommt, desto mehr fällt mir auf: Es sind unheimlich viele Menschen unterwegs. Dutzende, Hunderte, Tausende säumen allein die Felder rings um die Landebahn. Nie habe ich je so viele Leute auf einem Flughafengelände gesehen. Und alle tragen Tarnfarben. Es sind Militärangehörige, die mit langen Scheren den Rasen zwischen Runway und Flughafengebäude stutzen.

Kerosindunst über Kohlrabi

Links neben der Landebahn bewässern sie Äcker, auf denen Kohlrüben wachsen. Später lerne ich: Seit einer großen Hungersnot, die Mitte der neunziger Jahre bis zu einer Million Menschen dahingerafft hat, nutzen die Nordkoreaner jeden Zentimeter des Landes für den Lebensmittelanbau – selbst, wenn sich zweimal täglich der Kerosin-Dunst der startenden Flugzeuge über den Kohlrabi niedergeht.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Im Gleichschritt treten zehn Soldaten an, um unser Gepäck aus dem Flugzeug zu laden. Als ich ein Foto machen will, pfeift ein Polizist aus der Ferne mit der Trillerpfeife. Doch er greift nicht ein. Das Fotografier-Verbot, so werde ich bald feststellen, legen sie offenbar nicht mehr so strikt aus wie noch vor ein paar Jahren. Oder wir genießen als offizielle Delegation einfach Narrenfreiheit. Das gilt auch für die Handys: Ein Zöllner lässt sich zwar Reisepass und Mobiltelefon geben, um etwas in einem gebundenen Buch zu notieren. Danach händigt er die Geräte aber sofort wieder aus. Mist, denke ich, hätte ich mein iPhone doch mitnehmen können.

In Pjöngjang selbst sind erstaunlich viele Menschen auf den Straßen. Was hatte ich erwartet? Dass das alles Stubenhocker sind, weil draußen Diktatur ist? Dass alle traurig drein schauen, weil es keine Coca-Cola gibt? Irgendwie denken wir so im Westen: Es fällt uns notorisch schwer, uns den Alltag in autoritären bis totalitären Regimen positiv vorzustellen. Dabei lächeln die Menschen auch in Nordkorea. Sie gehen mit den Kindern in den Zoo und besuchen Vergnügungsparks, elegante junge Frauen tragen schmucke Sonnenschirme vor sich her. Es wird ein paar Tage dauern, bis wir durch Zufall die hässliche Fratze dieses repressiven Regimes zu sehen bekommen.

Hier finden Sie alle Teile der Reportage:

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%