WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Nordkorea (Teil V) Freiheit bleibt ein Fremdwort

Im letzten Teil seiner Serie über Nordkorea berichtet unser Chefreporter über die politische Elite des Landes – und ihr seltsames Verständnis von Wirtschaft.

Ein Blick hinter die Kulissen von Nordkorea
Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Hochhäuser in Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Bilder von Kim Il-sung (links) und Kim Jong-il (rechts) Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Speisesaal des Ausländer-Hotels Koryo Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Eine Frau mit Sonnenschirm Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Junge Frauen Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche
Leute auf Betonbänken auf dem Vorplatz des Bahnhofs von Pjöngjang Quelle: Frank Zauritz für WirtschaftsWoche

In Nordkorea, das ist jetzt sicher keine Überraschung, läuft die Anbahnung von Geschäften ein bisschen anders ab als zuhause in Deutschland oder selbst in China. Trotzdem hat diese Situation fast etwas tragikomisches: Der Treffpunkt ist ein muffiges Konferenzzimmer im Ausländer-Hotel „Koryo“, wir sitzen in mintfarbenen Polstersesseln. Auf der einen Seite die zwölfköpfige deutsche Delegation um den Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk (CSU) – und gegenüber ein nordkoreanischer Abgeordneter mit drei Landsleuten im Rücken, von denen sich keiner vorstellt.

Am Anfang noch selbstbewusst und entschieden, kommt der Nordkoreaner sofort auf den Punkt: In seinem Land hätten drei chinesische Unternehmen lokale Anlagen zur Herstellung von Solarzellen eingerichtet. „Jetzt sind wir der Meinung, dass wir gern auch eine deutsche Investition im Bereich der Photovoltaik hätten.“ Es braucht ein paar Sekunden, bis sich der überraschte Abgeordnete gefangen hat – dann holt er aus zu einer Lektion wie in der Schule: „Sie müssen wissen, dass sich eine Investition für einen Investor aus Deutschland auch lohnen muss“, beginnt Koschyk, daher benötige man gesicherte Rahmenbedingungen. Hierbei stehe Nordkorea in einem Wettbewerb mit China oder Vietnam.

Fünf spannende Fakten über Nordkorea

Je länger die Lehrstunde des Deutschen in Sachen Investitionsklima dauert, desto tiefer versinkt der Nordkoreaner in seinem Sessel. Sein Blick wirkt plötzlich trüb, die Zähne beißt er zusammen. Es kann in diesem Land durchaus sein, dass einer der namenlosen Begleiter vom Geheimdienst ist, dass ihm irgendwer der ganz Mächtigen mit klaren Erwartungen in dieses Gespräch geschickt hat. Schließlich holt der Abgeordnete zu einem letzten Schlag aus und spricht den Deutschen direkt an: „Ich möchte Sie einfach bitten, dass Sie Ihren Einfluss nutzen und eine deutsche Fabrik von Solar-Paneelen in unserem Land ansiedeln.“

Scheinbar keine Beschattung von Ausländern mehr

In diesem Moment zeigt sich, wie weit das Verständnis von Wirtschaft in Nordkorea von jenem in den Marktwirtschaften im Rest der Welt entfernt ist. Manch einer im Land mag die Notwendigkeit von Investitionen erkannt haben, darunter sicher auch jener Abgeordneter. Freiheit, Wettbewerb, Stimuli für Investitionen – all dies sind selbst für die „Liberalen“ im Land weiterhin Fremdwörter.

Eindrücke aus Nordkorea

Trotzdem, gar so düstern diktatorisch wirkt Nordkorea nicht. Es scheint auch keine permanente Beschattung der Ausländer mehr zu geben – oder sie läuft so subtil, dass die das nicht merken. Gut möglich, dass die Männer in brauen Arbeiter-Anzügen ohne Hemd, die in jeder Straße im Stehen telefonieren, einzig zum Beobachten der Fremden abgestellt sind. Eigentlich dürfen die nicht einmal den Bahnhof betreten. Als es zwei mit Kamera trotzdem versuchen, führt eine uniformierte Frau sie durch die Nebentür in den Wartesaal und bittet freundlich, keine Fotos zu machen. Koschyk indes, selbst Hobbyfotograf, wird nach kurzer Zeit immer mutiger und lichtet selbst Soldaten ab – wohl wissend, dass das streng verboten ist und schon zu Verhaftungen geführt hat.

Oder weiß etwa wirklich in diesem Land jeder, was das für Ausländer sind? Bekommt die deutsche Delegation hier etwa eine Sonderbehandlung? Wir wissen aus Gesprächen mit den Kennern dieses Landes, dass es im Norden Straflager mit mehreren Zehntausend politischen Häftlingen gibt. Wir haben erfahren, dass die Nordkoreaner selbst ihren Wohnbezirk nur mit Genehmigung verlassen dürfen – und die wenigstens jemals ihre Stadt oder ihr Dorf verlassen haben.

Nach fünf Tagen in Nordkorea also bleiben vor allem Widersprüche: Einerseits kommt Nordkorea nicht als totaler Überwachungsstaat daher, andererseits steht man irgendwie doch unter Aufsicht. Einerseits wirkt das Land freundlicher, andererseits sind die Menschen hier bloß nichts anderes als Unfreiheit gewohnt. Einerseits treten Elemente der Marktwirtschaft auf den Plan, andererseits ist der Sozialismus im Land noch völlig intakt. Einerseits gibt es Eliten mit dem Wunsch der Öffnung des Landes, andererseits haben die Hardliner aus Militär und Sicherheitsdiensten im Moment eher das Sagen als jene „Liberalen“. Wohin sich Nordkorea eines Tages entwickeln wird – wir wissen es nicht. Aber es tut Not, sich mit diesem Land und seiner Ambivalenz genauer zu beschäftigen.

Hier finden Sie alle Teile der Reportage:

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%