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Ökonom Michael Pettis „China löst seine Probleme nicht“

Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität, sieht das Ende des chinesischen Wirtschaftswunders gekommen.

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Michael Pettis, China-Experte und Ökonom

Herr Pettis, in China deuten viele Indikatoren auf ein langsameres Wachstum hin. Stehen wir am Beginn der viel beschworenen harten Landung der Wirtschaft?

Michael Pettis: Es wird kurzfristig weder eine harte noch eine weiche Landung der chinesischen Wirtschaft geben. In zwei bis drei Jahren wird in China aber eine Dekade mit sehr, sehr niedrigem Wachstum beginnen.

Warum?

Was in China zurzeit passiert, ist historisch ja nicht neu. Nur die Größenordnung ist beispiellos. Ein kräftiges, in erster Linie von Investitonen getriebenes Wachstum, hat es in vielen Ländern gegeben. In Deutschland beispielsweise in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Die sowjetische Wirtschaft ist in den Fünfziger- und Sechzigerjahren schnell gewachsen, die brasilianische in den Sechzigern und Siebzigern. Und natürlich Japan in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Jedesmal hieß es, die Länder würden demnächst Amerika als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen.

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    Mit welchen Wachstumsraten kann China in den nächsten Jahren rechnen?

    Das Wirtschaftswachstum wird sich zwischen drei und fünf Prozent einpendeln, und es wird ein schwieriger Anpassungsprozess werden. Man erinnere sich: Japan hatte 20 Jahre lang ein jährliches Wirtschaftswachstum von einem halben Prozent.

    Was ist das Problem eines hauptsächlich von Investitionen getriebenen Wirtschaftwachstums?

    Chinas Modell funktioniert folgendermaßen: Die Regierung beschränkt per Gesetz die Investitionsmöglichkeiten. Also sammeln sich die Ersparnisse der Bürger im wesentlichen im Bankensektor. Dieses Geld lenkt die öffentliche Hand dann in Investitionsprojekte. Das Argument dabei lautet, der Privatsektor mache keine wirtschaftlich sinnvollen Investitionen. Also lässt man es den Staat machen. Das führt zu einer raschen Ausweitung der Investitonen. Das ist alles kein Problem, solange man wirtschaftlich sinnvolle Investitionsprojekte findet. Im frühen Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes ist das immer einfach. Vor 30 Jahren gab es in China beispielsweise so gut wie keine Infrastruktur.

    Und dann?

    Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Regierung nicht mehr in der Lage ist, sinnvolle Projekte zu identifizieren. Wenn, wie in China, die Kosten und Preise zudem derart verzerrt sind, dass es Kapital praktisch umsonst gibt, führt das natürlich dazu, dass immer mehr investiert wird. Wegen der Verzerrungen hat China keinen Mechanismus, der anzeigt, wann es sinnvoll ist aufzuhören.

    Wo sind die Fehlinvestitionen in China größer? Im Immobiliensektor oder bei der Infrastruktur?

    Ganz klar bei der Infrastruktur. Jede noch so kleine Stadt hat inzwischen einen Flughafen, und China will in den nächsten Jahren nochmal 45 Airports bauen. Gleichzeitig werden diese Städte an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn angeschlossen, so dass am Ende niemand mehr fliegt. Es wird überall zuviel gebaut. Aber die Anreize sind in China eben so gesetzt. Die Früchte des durch Investitionen erzielten Wachstums fallen kurzfristig bei dem verantwortlichen Lokalpolitiker an, etwa in Form einer Beförderung. Die Kosten dagegen werden übers ganze Land und einen langen Zeitraum verteilt. Bei diesem Spiel kann der Lokalpolitiker gar nicht verlieren und zockt immer weiter.

    Bei einem geschlossenen Kapitalmarkt wie China ihn hat, kann die Regierung mit diesem Modell ziemlich lange weitermachen.

    Die Sowjetunion hatte auch einen geschlossenen Kapitalmarkt, und die Wirtschaft ist trotzdem zusammengebrochen. Japan hatte ebenfalls einen im Großen und Ganzen abgeschotteten Kapitalmarkt. Wenn man einmal anfängt, Geld für Investitionen zu leihen, die nur noch Verluste einbringen, steigen die Schulden unkontrolliert.

    "Die Zeche zahlen die privaten Haushalte"

    Dann rekapitalisiert Chinas KP die Banken eben und lagert die faulen Kredite in Asset Management Companies aus, wie sie es bereits Ende der Neunzigerjahre getan hat.

    Die Regierung kann die Schulden hin- und herschieben, aber sie kann sie nicht verschwinden lassen. Zurückgezahlt werden muss immer, auch in China. Zurzeit lässt die Regierung den einfachen Arbeiter, den privaten Haushalt, die Zeche zahlen, nämlich durch niedrige Zinsen. Die Zinsen für Bankeinlagen sind in China deutlich niedriger als die für Kredite. Die Regierung entzieht den Privathaushalten einfach riesige Vermögen. Dann ist es auch kein Zufall mehr, dass der Anteil des privaten Verbrauchs an der Wirtschaftsleistung in den letzten zehn Jahren von 46 auf 34 Prozent gesunken ist. Eine so niedrige Zahl ist in der gesamten Wirtschaftsgeschichte beispiellos.

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      Dann wächst Chinas Wirtschaft eben weiter mit Hilfe des Exports.

      Der Handelsbilanzüberschuss ist doch schon jetzt viel zu hoch. Nein, China muss endlich den privaten Verbrauch zu einem Eckpfeiler seines Wirtschaftswachstums machen. Das wird aber schwierig, wenn die Privathaushalte jetzt wieder für die ganzen Schulden zahlen müssen. China löst seine Probleme nicht, sondern schiebt sie vor sich her - und zwar so lange, bis die Schulden so hoch sind, dass man sich kein Geld mehr leihen kann.

      Ein Eckpunkt des neuen Fünfjahresplans ist aber doch die Förderung des privaten Konsums.

      Die Diskussion hatten wir doch schon 2005. Damals machte der private Konsum noch 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Es hieß dann, die Quote dürfe nicht noch weiter sinken. Der Anteil sackte aber auf 34 Prozent ab. Die Regierung wird den privaten Konsum nicht stärken können, ohne das gesamte Modell umzubauen. Der Konsum in China ist schwach, weil die privaten Einkommen so niedrig sind. Und die Einkommen sind niedrig, weil die Haushalte die Investitionsprojekte subventionieren.

      Immerhin haben die Behörden und Unternehmen die Fabriklöhne zuletzt kräftig erhöht.

      Ja, aber erst im letzten Jahr. Die Löhne müssen weiter steigen. Außerdem muss China die Zinsen anheben, und der Yuan muss weiter aufwerten. Außer bei den Löhnen gibt es bisher keine echten Anpassungen beim Wachstumsmodell.

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        "Die Firmen haben keine politische Stimme"

        Woran liegt das?

        Das Problem ist politisch. Lässt China seine Währung aufwerten, protestiert die Exportindustrie. Hebt die Zentralbank die Zinsen an, gehen die kapitalintensiven Staatsbetriebe und Lokalregierungen auf die Barrikaden. Steigen die Löhne, leiden als erstes die kleinen und mittleren, arbeitsintensiven und meist privat geführten Unternehmen. Die Folgen sind jetzt schon zu sehen. Im Osten Chinas schlittern massenweise Mittelständler in die Pleite. Die Behörden können die Lohnerhöhungen trotzdem durchziehen, weil die kleinen Firmen keine politische Stimme haben.

        Hebt China also die Zinsen und Löhne an und lässt den Yuan aufwerten, gibt es Probleme. Tut die Regierung es nicht, gibt es auch Probleme. Wo liegt die Lösung?

        Es gibt keine Lösung. Chinas Wirtschaft wächst seit 15 Jahren einfach viel zu stark. Es geht jetzt darum, das Wachstum auf Normalmaß herunterzubringen. Chinas Schulden sind schon jetzt sehr hoch. Das muss alles zurückgezahlt werden.

        "Die Preise steigen in China überall"

        Chinas Banken gehören doch zu den gesündesten der Welt. Der Anteil der faulen Kredite liegt gerade Mal bei ein oder zwei Prozent.

        Technisch betrachtet kann die Quote der faulen Kredite durchaus niedrig sein, weil der Staat dafür gerade steht. Aber das heißt nicht, dass es „gute“ Schulden sind. Die Regierung reicht die Rechnung einfach an die Privathaushalte weiter. Um die echte Quote der faulen Kredite zu ermitteln, müsste die Zentralbank die Zinsen erhöhen.

        Wo müsste Chinas Leitzins eigentlich liegen?

        Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre hatte China ein jährliches nominales Wirtschaftswachstum von 14 Prozent. Der Leitzins lag im Durchschnitt bei sechs Prozent. In Entwicklungsländern sollte der Zinssatz aber in etwa so hoch sein wie die Wachstumsrate. Würde die Zentralbank die Zinsen aber anheben, gingen Staatsbetriebe und Lokalregierungen pleite.

        China will den Yuan schrittweise konvertierbar machen. Könnte das den Anpassungsprozess erleichtern?

        Nein. Die Internationalisierung der Währung würde alles nur noch schlimmer machen. Darum macht die Regierung es ja auch nicht wirklich. Solange die Regierung die Kontrolle über die Bankeinlagen hat, kann sie einen unmittelbaren Zusammenbruch des Finanzsystems verhindern. Wer in China Geld hat, legt doch schon jetzt in allem möglichen an, nur nicht in Cash. In diesem Jahr müssen in China beispielsweise doppelt so viel Panda-Goldmünzen geprägt werden wie letztes Jahr. Jade, Rotwein, Edelpilze oder Kalligraphien – die Preise steigen in China überall. Viele reiche Chinesen schaffen außerdem seit letztem Sommer ihr Geld ins Ausland.

        Hat Chinas Inflation den Höhepunkt überschritten?

        Ja. Ich gehe davon aus, dass das Schlimmste bei der Inflation vorbei ist. Der Anstieg der Verbraucherpreise war zuletzt stark von den Nahrungsmittelpreisen getrieben. Die beginnen nun zu sinken. Sollte ich allerdings unrecht haben und die Preise steigen weiter, ist das Spiel in China nicht erst 2013 oder 2014 zu Ende, sondern schon in diesem oder im nächsten Jahr.

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