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Ökonomen-Warnung China droht der Schuldenkollaps

Die Verbindlichkeiten Chinas steigen. Laut Regierung betragen sie nur zwischen 20 und 30 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch Experten widersprechen. Sie sagen: China steht schlechter da als Euro-Pleiteland Spanien.

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Ein Bauarbeiter bei der Pause Quelle: REUTERS

Larry Lang hatte umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Bevor der renommierte Finanzprofessor kürzlich seine Vorlesung vor Studenten im nordchinesischen Shenyang begann, untersagte er Video- und Audioaufnahmen im Hörsaal. Auch Journalisten ließ Lang, der an der University of Hongkong lehrt, bei seinem Vortrag nicht zu. Keines seiner Worte sollte nach außen dringen.

Dann legte Lang los. China stecke in einer tiefen Wirtschaftskrise, das Land stehe praktisch vor der Pleite. Jede der 31 Provinzen sei ein Griechenland, erklärte der Finanzexperte den verblüfften Nachwuchsakademikern.

Lang, ein gefragter Berater und Talkshowgast, rechnete vor: Die Schulden der Regierung und Staatsunternehmen beliefen sich auf zusammen 5,68 Billionen Dollar. Das entspricht rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung – deutlich mehr als die von der Regierung ausgegebenen 20 bis 30 Prozent.

Überkapazitäten und wegbrechende Exporte

Damit läge die öffentliche Verschuldung Chinas über der des Krisenlandes Spanien. Auch die Zahlen zur Inflation seien geschönt, sagte Lang. Statt bei unter 5 Prozent liege die Teuerung bei 16 Prozent.

Doch damit nicht genug. Die Industrie kämpfe mit Überkapazitäten, warnte Lang. Diese machten sich besonders jetzt bemerkbar, da die Nachfrage aus dem krisengeschüttelten Europa wegbreche. Der private Konsum, so der Finanzprofessor, sei viel zu schwach, um die Einbußen im Export aufzufangen.

Bloß keine chinesischen Verhältnisse
Schweinefleisch in China Quelle: dpa
Schweinefleisch in Deutschland Quelle: dpa
Spritpreis in China Quelle: dpa
Spritpreis in Deutschland Quelle: dpa
Lebensmittelpreise in China Quelle: rtr
Lebensmittelpreise in Deutschland Quelle: dapd
Mieten in China Quelle: rtr

Chinas offiziell verkündete Wachstumsrate von neun Prozent beruhe in Wahrheit zu rund zwei Dritteln auf der gigantischen Immobilienblase.

Lang ist die jüngste Stimme in einem Chor, der immer dringlicher vor einer ernsten Krise im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten warnt. „China befindet sich auf dem Weg in die Hölle“, erklärte Hedgefondsmanager James Chanos schon vor einem Jahr mit Blick auf die immer neuen, oft staatlich verordneten Investitionen in Luxuswohnungen, Einkaufszentren und Flughäfen.

Victor Shih, Chinaexperte und Ökonom an der Northwestern University Illinois, beobachtet seit einiger Zeit eine wachsende Kapitalflucht. Tatsächlich brachte eine aktuelle Umfrage unter 1000 chinesischen Dollar-Millionären ein bedrückendes Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Reichen bereite derzeit den Umzug ins Ausland vor.

Wirtschaftliche Unsicherheit

Eine Brücke in Peking Quelle: REUTERS

Als Gründe nennen die Befragten politische, vor allem aber wirtschaftliche Unsicherheiten. Unlängst warnte auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor wachsenden Risiken. China müsse seinen Bankensektor reformieren, sonst drohten ernste Probleme.

Da werden Erinnerungen wach an die Jahre 1997 und 1998, als vermeintliche Tigerstaaten wie Südkorea, Thailand und Indonesien über Nacht in dramatische Turbulenzen gerieten (siehe Seite 40). Lokomotive der Weltwirtschaft und Hoffnungsträger der europäischen Krisenländer soll China sein.

In Wirklichkeit steht das Land vor gewaltigen Herausforderungen, und ob die kommunistischen Führer diese meistern, gilt keinesfalls als sicher.

Chinas Banken müssen vor allem ihr Risikomanagement verbessern, fordert der IWF. Zwar halte Chinas Bankensystem „isolierte Schocks“ wie einen Fall der Immobilienpreise aus. Käme aber ein Einbruch des Wirtschaftswachstums dazu, könne dies „ernsthafte Folgen“ für die Banken haben.

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP

Kreative Lokalpolitiker

Auch bei ausländischen Finanzhäusern wächst die Nervosität. Haben sie sich seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts in großem Stil in chinesische Banken eingekauft, stoßen Institute wie Goldman Sachs oder Bank of America diese Beteiligungen wieder ab.

Als China in den Sog der Finanzkrise zu geraten drohte, wies die Regierung die staatlichen Banken an, den Geldhahn aufzudrehen: 2009 und 2010 verdoppelten die Institute die Vergabe von Neukrediten. Ein großer Teil des Geldes – westliche Finanzexperten schätzen bis zu drei Billionen Dollar – landete bei den Städten und Gemeinden.

Die dürfen per Gesetz zwar keine Kredite aufnehmen. Doch Chinas Lokalpolitiker sind kreativ: Sie gründeten Finanzierungsvehikel, die sich das Geld liehen.

Ein großer Teil der Darlehen floss in unrentable Projekte wie unnötige Flughäfen, Autobahnen ins Nirgendwo oder überdimensionierte Messezentren. Etwa 60 Prozent der Kredite an lokale Regierungen, dürften nicht einbringbar sein, so inoffizielle Schätzungen.

Nervosität wächst

Eine Käuferin vor einem Geschäft in Shanghai Quelle: REUTERS

Inzwischen wächst auch in der chinesischen Führung die Nervosität. Erst vor wenigen Tagen warnte der stellvertretende Premier Wang Qishan, China müsse sein Finanzsystem reformieren, mehr Markt zulassen und letztlich Schluss machen mit der von der Partei gesteuerten Kreditvergabe.

Aus Angst vor Schieflagen versucht die Zentralbank schon seit Monaten die Kreditvergabe der Geschäftsbanken zu drosseln. Doch die geben munter weiter Darlehen aus – damit die Behörden es nicht merken, an der offiziellen Bilanz vorbei. Darüber hinaus hat sich ein weites Netz illegaler Geldverleiher gebildet.

Diese vergeben Kredite an Unternehmen, die bei den Banken abblitzen, zu Zinsen von bis zu 30 Prozent. Teile des Geldes kommen auf dunklen Wegen wiederum von den offiziellen Banken. Der graue Kreditmarkt hat nach Expertenschätzungen ein Volumen von gut 600 Milliarden Dollar.

Westliche Ratingagenturen wie Fitch und Standard & Poor’s gehen davon aus, dass die Quote der faulen Kredite in den kommenden Jahren auf 20 bis 30 Prozent steigen wird. Mit einem Zusammenbruch des chinesischen Finanzsystems rechnet indes kaum jemand. Im Notfall wird der Staat zumindest die großen Banken retten.

Furcht vor Folgen der Euro-Krise

Schon einmal, Anfang des vergangenen Jahrzehnts, hat der Staat den Banken Hunderte Milliarden Dollar fauler Kredite abgenommen. Damals wollte die Partei die Institute fit für die Börse machen. Die uneinbringbaren Darlehen wurden in Asset-Management-Gesellschaften ausgelagert, und dort liegen sie heute noch.

Tatsächlich hat die Regierung bereits mit einem gigantischen Bail-out begonnen. So dürfen einige Provinzen seit Kurzem eigene Anleihen begeben – ein Novum in China. Garantiert werden die Bonds faktisch aber von Peking. Auch haben die Banken in den vergangenen Wochen auf Geheiß der Partei die offizielle Kreditvergabe wieder ausgeweitet.

Zu groß ist die Furcht vor den Folgen der Euro-Krise für Chinas Konjunktur.

Mit strukturellen Reformen hat diese Politik nichts zu tun. So müsste Peking etwa sein Zinsregime liberalisieren. Zurzeit bekommt der Kleinsparer kaum etwas für seine Einlagen. Im Vergleich dazu verlangen die Banken hohe Kreditzinsen. Faktisch finanziert auf diese Weise das einfache Volk den Staatskonzernen die prestigeträchtigen Großprojekte.

Ändert sich das nicht, dürften auch weiterhin die Investitionen und nicht, wie von der Regierung gewünscht, der private Konsum das Wachstum treiben. Von einer gesunden Entwicklung kann keine Rede sein.

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