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Ökonomie Die Pflichtlektüre für alle Gegner der Globalisierung

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Karriere als fraktionsloser Politiker

Mit 21 Jahren heiratete Ricardo die Arzttochter Priscilla Ann Wilkinson, eine Quäkerin. Für seine Eltern, strenggläubige Juden, war das eine Todsünde. Als sein Vater ihn deshalb enterbte, war Ricardo auf sich allein gestellt. Er nahm bei Bekannten einen Kredit auf und machte sich als Börsenmakler selbstständig.

Zur Ökonomie fand er 1799, als er sich mit seiner maladen Frau im südenglischen Kurort Bath aufhielt. Aus Langeweile besuchte er die örtliche Bibliothek, wo ihm das Buch „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith in die Hände fiel. Die Analysen des schottischen Ökonomen fesselten Ricardo. Seine ersten Gedanken über ökonomische Zusammenhänge brachte er gleichwohl erst 1810 in Form von Briefen zu Papier. Das Thema: die Inflation. In Großbritannien herrschte damals der Goldstandard, das heißt, die umlaufenden Geldscheine waren durch Gold gedeckt. Der Preis für Gold, ausgedrückt in Papiergeld, nahm dramatisch zu. Die meisten Briten führten dies auf die Kontinentalsperre zurück, die Napoleon gegen Großbritannien verhängt hatte. Ricardo jedoch argumentierte, der steigende Goldpreis sei dadurch begründet, dass die Bank von England zu viel Papiergeld drucke und das Äquivalenzverhältnis störe.

Der Herausgeber der Zeitung „Morning Chronicle“, dem Ricardo die Briefe zeigte, überredete ihn zu einem Abdruck seiner Überlegungen. Das Leserecho war überwältigend und bewirkte, dass Ricardos Thesen im britischen Parlament debattiert wurden. 1819 kaufte sich Ricardo einen Sitz im Unterhaus, den er bis zu seinem Tod 1823 behielt. Als fraktionsloser Politiker setzte er sich für geheime Wahlen, die Gleichbehandlung der Religionen und die Tilgung der Staatsschulden durch eine einmalige Sonderabgabe auf Vermögen ein.

Wein und Tuch

Sein hoher Bekanntheitsgrad verschaffte Ricardo Kontakte zu großen Denkern seiner Zeit, vor allem zum Sozialphilosophen James Mill. Mill drängte Ricardo, seine Gedanken über ökonomische Zusammenhänge in einem größeren Werk festzuhalten. „Sie sind schon jetzt der größte Denker der politischen Ökonomie, und ich bin überzeugt, dass Sie auch der beste Autor werden“, schrieb Mill seinem Freund und spornte ihn so zu intellektuellen Höchstleistungen an.

Das Ergebnis waren die 1817 erschienenen „Principles“, ein nach heutigen Maßstäben absoluter Bestseller. Das Buch war nach wenigen Wochen ausverkauft, machte den ökonomischen Diskurs im gebildeten Bürgertum populär und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Dass Ricardo seine abstrakten Gedanken in einer ebenso abstrakten Formelsprache transportierte, die ihn fürchten ließ, das Werk hätten allenfalls 25 Menschen verstanden, tat dem Erfolg des Buches keinen Abbruch.

Im Zentrum der „Principles“ steht Ricardos Freihandelstheorie, die er am Beispiel des Handels mit Wein und Tuch zwischen Portugal und England verdeutlicht: Angenommen, zwischen beiden Ländern gibt es keine Arbeitsteilung und keinen Handel. Dann stellen beide Länder beide Produkte her. England benötigt für die Produktion von 1000 Rollen Tuch 100 Arbeiter und für die Herstellung von 1000 Fässern Wein 120 Arbeiter (siehe Grafik). Portugal dagegen kommt mit 90 Arbeitern für 1000 Rollen Tuch und 80 Arbeitern für 1000 Fässer Wein aus. Insgesamt produzieren beide Länder zusammen 2000 Rollen Tuch und 2000 Fässer Wein.

Obwohl die Portugiesen bei Wein und Tuch jeweils einen absoluten Kostenvorteil (weniger benötigte Arbeitskräfte) haben, lohnt es sich für sie, sich auf die Produktion von Wein zu spezialisieren und den Briten die Herstellung von Tuch zu überlassen, das sie dann von dort importieren. Der Grund: Die Arbeitskräfte können in der portugiesischen Weinproduktion produktiver (kostengünstiger) eingesetzt werden als in der Tuchproduktion. Umgekehrt benötigt England für die Tuchproduktion weniger Arbeiter (100) als für die Weinproduktion (120).

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