WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom "Baut mehr Radwege!"

Ökonomie-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom über die Vertrauenskrise in der Ökonomie und alternative Ansätze im globalen Klimaschutz.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Nobelpreisträgerin Elinor Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Frau Ostrom, Sie haben in Ihren Veröffentlichungen Vertrauen als besonders wichtiges Gut für eine funktionierende Gesellschaft hervorgehoben. Wie steht es gegenwärtig um das Vertrauen im Finanzbereich?

Elinor Ostrom: Als Fundament ist Vertrauen sehr wichtig, jeder muss darauf vertrauen können, dass legitime Regeln eingehalten werden, dass ihre Befolgung irgendwie kontrolliert und Verstöße auch angemessen sanktioniert werden, dass es für alle fair zugeht. Aber im Finanzbereich gibt es keine einzelne Institution, die uns garantiert, dass jeder seine Versprechen auch einhält. Wege zu finden, die sicherstellen, dass andere vertrauenswürdig sind, das ist einer der Schlüsselfaktoren für Zusammenarbeit.

Kann man den ökonomischen Modellen noch trauen – keines davon hat die aktuelle Krise vorausgesagt?

Viele der Modelle, die sich mit globalen Veränderungen befassen, beruhen sehr stark auf einer statischen Analyse und nicht auf einer dynamischen. Mit solchen statischen Analysen können wir große Veränderungen und Störungen nicht erfassen. Aber das Problem betrifft nicht allein die Ökonomie.

Es gab die weitverbreitete Auffassung, wir brauchen nur die Kräfte des freien Marktes wirken lassen und möglichst wenig Regulierung, und dann würde in der Wirtschaft schon alles wie von selbst laufen.

Wenn wir nur an die Kräfte des freien Markts glauben, dann haben wir nicht verstanden, dass man keinen freien Markt haben kann ohne gutes Rechtssystem, ohne Gesetze für Unternehmen mit guten Bilanzprüfungsregeln und vieles mehr. Insofern ist der Begriff freier Markt genauso wenig sinnvoll wie die Idee eines monozentrischen Staates, der sich um alles kümmert. Es gibt nicht die eine klare Option.

Selbstregulierung spielt in Ihren ökonomischen Modellen eine wichtige Rolle. In der Finanzwirtschaft ist diese Idee fatal gescheitert.

Selbstregulierung kann eine große Rolle spielen, aber sie muss in ein breiteres Regelsystem eingebunden werden. Freie Bürger haben die Fähigkeit, sich untereinander auf bestimmte Regeln zu einigen, die von allen als legitim angesehen werden. Jetzt gehen wir davon aus, dass zu große Unternehmen nicht ausreichend überwacht worden sind.

Ich glaube darum, unbürokratische Kontrolle ist unverzichtbar. Manche Kontrollsysteme sind aber sehr bürokratisch und tragen daher möglicherweise noch zusätzlich zu den Problemen bei. Wir müssen deshalb bessere Kontrollsysteme finden, die zudem sicherstellen, dass Sanktionen greifen, wenn jemand ein Versprechen oder eine Verpflichtung nicht erfüllt.

Reicht die Drohung von Sanktionen denn aus, damit sich alle fair verhalten?

Nein. Zum einen ist es denkbar, dass Sanktionen nicht durchgesetzt werden. Zum anderen könnten sie unterschiedlich angewandt werden. Wer ganz dicke mit der Elite ist, kommt vielleicht darum herum. Das würde das Vertrauen der Leute nicht stärken, sondern schwächen.

Erleben wir neben der viel-zitierten Kapitalismus-Krise derzeit auch eine Krise der Wissenschaft der Ökonomie?

Es ist eine Krise für jene, die versucht haben, ein Allheilmittel anzuwenden. Wer denkt, Wissenschaft erschöpfe sich in der Forderung nach einem freien Markt, und diesen nicht einmal gut definiert, steht auf keinem festen Fundament. Beim Austausch privater Güter auf Märkten mit guter Information und fairen Verhandlungen liefert der freie Markt wunderbare Ergebnisse.

Aber der Finanzmarkt ist kein Gemüsemarkt. Wir sollten nicht die naive Vorstellung haben, da gibt es immer eine Angebots- und eine Nachfragekurve, und das wird immer funktionieren. Die Wissenschaft kann mit Komplexität umgehen, aber wenn wir versuchen, komplexe Zusammenhänge mit einfachen Modellen zu erklären, dann können wir mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

Ist die in der Ökonomie immer noch dominierende Annahme, der Mensch verhalte sich rational, haltbar?

Das hängt davon ab, wie wir rationales Verhalten definieren. Als eng auf den persönlichen Vorteil bedachtes Verhalten definiert, hat es sicher weiterhin seinen Platz in der Ökonomie. Wir müssen aber auch davon ausgehen, dass sich Menschen nach bestimmten Normen verhalten, und sie können Präferenzen darüber haben, wie sich bestimmte Dinge für andere auswirken, ihre Freunde, Familie, Kommune, die Umwelt.

Das bedeutet nicht, dass sie sich immer altruistisch verhalten. Das enge Modell in der Ökonomie, in dem das Verhalten vorhersagbar ist, hat in vielen Bereichen nach wie vor großen Wert. Werft es nicht weg. Aber versucht herauszubekommen, wo es funktioniert und wo nicht. Ich bin nicht gegen mathematische Modelle. Ich habe sie etwa aus der Spieltheorie oft selbst genutzt. Sie können wunderschön sein. Man kann etwas auf den Punkt bringen.

Altruistisches Verhalten wäre nach traditioneller Auffassung irrational?

Ja, in diesen Modellen – aber nicht in unseren.

Sie spielen auf den Methodenstreit an, der auch unter deutschen Ökonomen hohe Wellen schlägt. In welche Richtung sollte sich Ihrer Meinung nach die Forschung in der Ökonomie in den nächsten Jahren entwickeln?

Alle Disziplinen der Sozialwissenschaften stecken zu sehr in ihren eigenen Silos fest. Wir müssen interdisziplinäre Grenzen überschreiten, Brücken bauen, andere Fachrichtungen respektieren. Das ist gerade jetzt die größte Herausforderung für Universitäten. Für die Ökonomie ist vor allem ein besseres Verständnis der wichtiger werdenden Verhaltensforschung nötig. Was wir hier im Labor machen, ist ein Teil unserer Arbeit für die Zukunft.

Ein internationales Thema ist das Verhindern der Klimakatastrophe. Kann Ihre Forschung dazu einen Beitrag leisten?

Das Denken zurzeit ist, wenn wir unser Haus auf eine bestimmte Weise heizen, dann produziert das nur externe Auswirkungen für den Globus. Aber tatsächlich existieren, je nachdem wie wir das Haus heizen, positive und negative externe Auswirkungen auf viel mehr Ebenen. Wenn wir also denken, die Lösung kann nur eine globale sein, dann sitzen wir nur da und warten und warten und warten, und es wird schlimmer und schlimmer. Das wäre nicht klug. Wenn wir glauben, es gibt nur Kosten auf bestimmten Ebenen und keine positiven Effekte, dann haben wir ein Problem. Aber es gibt diese positiven Effekte, die durch Aktionen auf lokaler und regionaler Ebene erreicht werden können.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Schauen Sie nach Freiburg in Deutschland. Dort sind sie sehr aktiv mit dem Bau von Radwegen. Durch den reduzierten Verkehr ergaben sich mehrere positive Effekte auf lokaler Ebene. Die Familien fahren mehr Rad und sind gesünder. Sie geben zudem weniger Geld für Benzin aus. In der Stadt gibt es weniger Verschmutzung. In Kalifornien gibt es Darlehen, mit denen Hausbesitzer für eine bessere Isolierung ihrer Häuser sorgen können.

Das sind sinnvolle Investitionen, die sich langfristig auszahlen. Wenn wir nicht auch lokal und national auf solche positiven Wirkungen achten, dann haben wir die Situation nicht vollständig erfasst. Besteuerung von Energieverbrauch, Begrenzungen von Emissionen, Anreize zum Energiesparen, das sind alles Ansätze, die wir bereits auf lokaler und nationaler Ebene verfolgen sollten.

Was würden Sie US-Präsident Barack Obama für den anstehenden Klimaschutzgipfel in Kopenhagen raten?

Er sollte offen sein für eine große Zahl von Möglichkeiten und Wegen, um voranzukommen. Die USA sollten da nicht hinterherlaufen.

Die USA waren historisch der größte Verursacher von CO2-Emissionen. Was bedeutet das für Obamas Verhandlungsposition in Kopenhagen?

Sie ist schwierig. Aber beim Ausstoß der Emissionen holen insbesondere Indien und China kräftig auf, und auch die Europäer hatten ihren Anteil. Jetzt müssen erst mal alle Beteiligten Emissionen kürzen, dann müssen wir in einem zweiten Schritt zu Vereinbarungen gelangen, dass nicht alles von den westlichen Ländern allein bewältigt werden kann. Wenn wir aber nicht ernsthaft mitmachen, werden auch Länder wie China und Indien keinen Grund dafür sehen, sich einzuschränken. Es geht also auch hier um gegenseitiges Vertrauen.

Ist der von Präsident Obama angestrebte Emissionsrechtehandel, der unter dem Schlagwort Cap and Trade läuft, eine gute Idee?

Das ist einer der Vorschläge, die auf dem Tisch liegen sollten und den man durchdenken müsste. Cap and Trade und verschiedene Möglichkeiten der Besteuerung, für beides gibt es Argumente – positive wie negative, dazu zahlreiche Ansätze auf lokaler Ebene.

Die Besteuerung von Energie scheint – obwohl viele sie in den USA für politisch nicht durchsetzbar halten – der schnellere Weg zur Reduktion von Energieverbrauch zu sein. Als vor gut einem Jahr der Preis für Benzin in Amerika auf vier Dollar pro Gallone gestiegen war, kauften die Amerikaner plötzlich kleine Autos und fuhren weniger.

Ich war wirklich sehr glücklich über den hohen Benzinpreis. Energie müsste tatsächlich teurer sein. Aber ich sage nicht, dass Besteuerung der einzige Weg ist, es ist wahrscheinlich nicht einmal der beste. Wenn auf deinem Weg zur Arbeit kein Radweg ist, was kannst du dann tun? Wir müssen dort investieren, wo wir den Leuten helfen können, ihr Verhalten entsprechend zu ändern. Ich dränge übrigens die Universität von Indiana hier, genau das zu tun. Hier fahren noch viel zu viele Studenten mit dem Auto.

Sind Sie optimistisch, dass sich das Verhalten der Menschen tatsächlich ändert?

Ich bin hoffnungsvoll. Das ist anders als optimistisch. Vielleicht kann ich bald aber optimistisch sein. Ich war sehr besorgt, denn vor wenigen Jahren war der Streit unter Wissenschaftlern über die Erderwärmung noch so heftig, dass viele Leute dachten, es werde nichts geschehen. Das hat sich erst in jüngster Zeit geändert. Jetzt ist die Übereinstimmung doch sehr solide.

Glauben Sie, dass es zu einer Einigung in Kopenhagen kommen wird?

Die Chance ist da. Es gibt sogar eine signifikante Wahrscheinlichkeit, dass es eine Vereinbarung gibt. Ich drücke alle Daumen dafür.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%