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Ökonomie Die Pflichtlektüre für alle Gegner der Globalisierung

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Win-win-Situation

Wenn sich Portugal auf seine komparativen Vorteile beim Wein konzentriert und die Tuchproduktion aufgibt, können die 90 Arbeiter aus der Tuchproduktion ins Weinsegment wechseln. Sind sie dort ebenso produktiv wie die schon eingesetzten Arbeiter, die pro Kopf 12,5 Fässer produzieren (1000 Fässer geteilt durch 80 Arbeiter), so können sie 1 125 Fässer Wein zusätzlich produzieren. Insgesamt stellt Portugal dadurch 2125 Fässer Wein her, 125 mehr, als beide Länder zuvor zusammen erzeugt haben. In England dagegen werden die aus der Weinproduktion ausscheidenden 120 Arbeiter in der Tuchproduktion eingesetzt. Bei gleicher Produktivität wie die dort schon arbeitenden Beschäftigten, die 10 Rollen je Kopf erzeugen (1000 Rollen geteilt durch 100 Arbeiter) können sie 1200 Rollen Tuch zusätzlich herstellen. England produziert somit 2200 Rollen Tuch, 200 mehr als beide Länder zuvor zusammen. Ricardos Fazit: Der Handel mit dem anderen Land sichert die Versorgung mit dem selbst nicht produzierten Gut. So können auch Länder an der Arbeitsteilung teilnehmen, die in der Produktion aller Güter Kostennachteile haben. Das „Verfolgen des individuellen Vorteils“, resümiert Ricardo im Anschluss an Smith, „ist bewundernswert mit dem allgemeinen Wohle des Ganzen verbunden“. Nicht nur Tauschgeschäfte in Nationalökonomien, sondern auch der internationale Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem die einen gewinnen, was die anderen verlieren. Eine klassische Win-win-Situation.

Kein Tod durch China

Übertragen auf die heutige Situation, bedeutet dies: Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass China den USA bei allen Produkten überlegen wäre, würden die USA weiter Waren nach China liefern. Denn China wird sich aus Eigeninteresse auf die Herstellung der Produkte konzentrieren, bei denen es die größten Kostenvorteile hat. So holt es das Maximum aus seinen Ressourcen heraus. Güter mit geringeren Kostenvorteilen importiert es aus den USA.

„Die Erkenntnisse Ricardos, dass auch Länder mit Kostennachteilen am weltweiten Handel teilnehmen können, gilt heute wie damals“, sagt Philipp Harms, Professor für Außenwirtschaft an der Universität Mainz. Die von dem Trump-Berater Peter Navarro („Death by China“) geschürte Angst vor einer totalen Verdrängung amerikanischer Produkte durch Erzeugnisse made in China sei unbegründet.

Mehr Wohlstand durch Handel: Wie die Länder von der Spezialisierung auf ihre komparativen Vorteile profitieren. Für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Allerdings sind die Handelsbeziehungen heutzutage ungleich komplexer als in Ricardos Modell (und zu Ricardos Zeiten): „Auch Unternehmen und Kapital überqueren die Landesgrenzen“, sagt Gabriel Felbermayr, Außenwirtschaftsexperte des ifo Instituts. Produzieren westliche Unternehmen zum Beispiel in China, profitiert China dabei vom Technologietransfer. Die Folge: „Die technologische Angleichung schmälert die Bedeutung von Kostenunterschieden als Gründe für den Handel“, so Felbermayr. Dagegen komme der Produktdifferenzierung, etwa durch den Aufbau eines Markenimages, eine wachsende Bedeutung zu.

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Samuelson (1915–2009) warnte deshalb, Freihandel könne durchaus auch Verlierer produzieren. „Wenn China seine Produktivität erhöht durch eigenen Erfindungsreichtum oder durch Nachahmung bei einem Produkt, bei dem die USA bislang einen komparativen Handelsvorteil hatten, kann das sehr wohl zu einem Rückgang des Pro-Kopf-Einkommens in Amerika führen“, so Samuelson. Es sei daher „einfach falsch“, zu behaupten, jeder profitiere vom Freihandel.

Unterschätzte Anpassung

Tatsächlich spielen bei Ricardo Anpassungsprozesse keine Rolle. Die einfachen Maschinen und Anlagen stellten damals keine hohen Anforderungen an die Qualifikation der Arbeiter. Das erleichterte den Wechsel zwischen den Branchen. Heute hingegen erfordern komplizierte Techniken Spezialqualifikationen. „Ökonomen haben diese Anpassungsprozesse lange Zeit unterschätzt“, sagt Andreas Freytag, Handelsökonom an der Universität Jena. Ein Argument gegen den Freihandel lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Denn der Arbeitsplatzabbau geht in vielen Industriezweigen nur zu einem kleinen Teil auf den Freihandel zurück. „Technologische Neuerungen, veränderte Vorlieben der Konsumenten und politische Entscheidungen haben einen viel größeren Einfluss“, sagt Felbermayr.

Um den Gegnern des Freihandels den Wind aus den Segeln zu nehmen, sollte die Regierung allerdings den Anpassungsprozess abfedern. „Die Politiker müssen die Bedingungen für lebenslanges Lernen verbessern, Mobilitätsbarrieren abbauen und die von Arbeitsplatzverlusten betroffenen Regionen für Investoren attraktiver machen“, findet Freytag. Dass es zu Ricardos Freihandel keine überzeugende Alternative gibt, wusste auch Samuelson. „Durch Protektionismus versiegt die Lebensader der Wirtschaft“, warnte er, und: „Wenn wir wirklich eine neue Theorie für den internationalen Handel bräuchten, würde ich sie selber schreiben. Aber wir brauchen sie nicht.“

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