WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Ökonomin Renate Ohr "Deutschland ist nicht Hauptprofiteur des Euro"

Seite 2/2

Politik versagt

Aber müssen wir den Euro nicht trotzdem halten – nun, da er mal da ist, um den europäischen Integrationsprozess nicht zu destabilisieren? Das Eurobarometer, eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Meinungsumfrage bei EU-Bürgern, zeigt, dass das Vertrauen in die Vorteile der Währungsunion, aber auch generell in die Vorteile der europäischen Integration in jüngster Zeit deutlich sinkt. Wenn sowohl die Schuldnerländer (durch zu harte Sanierungsprogramme) als auch ihre Finanziers (durch die ausufernden Rettungsschirme) überfordert werden, kann dies die europäische Integrationsbereitschaft weiter schwächen und protektionistische Tendenzen schüren. Nicht die Schuldenkrise Griechenlands und die Gefahr eines Austritts aus dem Euro-Raum, sondern das krampfhafte Festhalten an strukturellen Fehlentwicklungen bei der gemeinsamen Währung bedroht den Binnenmarkt – und kann für Europa zur Zerreißprobe werden.

Ein Ausscheiden einzelner Länder aus der Währungsunion – wobei die EU-Mitgliedschaft und die Teilnahme am Binnenmarkt natürlich bestehen bleiben müssen – könnte den verbleibenden Euro-Raum wieder stabilisieren. Die Abwertung der Währung des ausscheidenden Landes würde dessen Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Dies ist notwendig und gewünscht, damit die betroffene Volkswirtschaft ihre außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte abbauen kann. Die derzeit geforderte „interne Abwertung“ durch Lohn- und Preissenkungen zielt ja im Wesentlichen auf dasselbe Ergebnis, ist aber für die Bürger schwerer zu verkraften und politisch kaum durchsetzbar. Unabhängig davon muss zumindest im Falle Griechenlands eine Umschuldung erfolgen. So lässt sich dann trotz abgewerteter Währung das Problem der Schuldenrückzahlung lösen.

Wir haben in Europa mit dem Binnenmarkt etwas Einzigartiges erreicht. Es wäre unverantwortlich, dies durch die Maxime „Euro – koste es, was es wolle“ aufs Spiel zu setzen – nur weil Politiker nicht bereit sind, Fehler zuzugeben und Fehlentscheidungen zu korrigieren.

Renate Ohr ist Professorin für Wirtschaftspolitik an der Universität Göttingen – und Euro-Kritikerin der ersten Stunde.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%