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Öl-Staaten Warum arabische Staatsfonds so stark sind

Die Staatsfonds der arabischen Ölmonarchien haben sich in der Weltfinanzkrise gut behauptet – dadurch verändern sich die Machtverhältnisse am Golf.

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VW-Fabrikation in Wolfsburg Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

In der Not gelten alte Ängste nicht mehr. Wie hätten viele von uns vor ein paar Jahren darüber gejammert, dass Ölscheichs demnächst ein Sechstel von Volkswagen schlucken werden, dem deutschesten aller deutschen Konzerne in der deutschesten aller deutschen Branchen! Jetzt sind die milliardenschweren Herrscher der kleinen arabischen Erdölstaaten als Retter fast überall hochwillkommen.

Darum ist es eine gute Nachricht, dass die Staatsfonds vom Golf in der Weltfinanzkrise vergleichsweise gute Geschäfte gemacht haben und jetzt erneut auf Einkaufstour gehen. Es gibt aber auch eine schlechte Nachricht: Die arabischen Staatsfonds investieren zunehmend in der eigenen Region – oder in anderen Schwellenländern von Brasilien bis Aserbaidschan.

Gute Erfahrungen bei Daimler

In Deutschland hat Daimler seit mehr als drei Jahrzehnten beste Erfahrungen mit dem pflegeleichten Großaktionär Kuwait gemacht, auch wenn in Stuttgart Anekdoten über kuwaitische Prinzen kursieren, die bei der Bestellung von Luxuswagen Extrawürste verlangten.

Aber das ist sicher nicht der Grund dafür, dass das deutsche Außenwirtschaftsgesetz seit ein paar Monaten dem Staat Mitspracherechte gibt, wenn ein Investor aus einem Staat außerhalb der Europäischen Union mehr als 25 Prozent an einem für Gesamtwirtschaft oder Sicherheitsinteressen wichtigen Unternehmen erwirbt. Bei manchen reichen Arabern hat diese Regelung für Irritationen gesorgt. Er habe deswegen lange Gespräche mit Würdenträgern in seinem Heimatland führen müssen, erzählt der Wirtschaftsattaché einer nahöstlichen Botschaft in Berlin – „aber am Ende habe ich sie doch überzeugt, dass dieses Gesetz vielleicht eines Tages gegen die Russen angewandt wird, aber niemals gegen uns!“

Krisenresistent durch Zurückhaltung

Wahrscheinlich gibt es dazu sowieso nicht viele Gelegenheiten, weil sich die meisten arabischen Staatsfonds eher für andere Weltregionen interessieren. Dies belegt eine umfangreiche Untersuchung des Londoner Wirtschaftsberatungsunternehmens Monitor Group für die Nahost-Sektion des World Economic Forum. Darin sprechen die britischen Analysten den arabischen Fonds ein Lob aus: Zumindest bis Ende 2008 haben zwar „einzelne Fonds auf dem Papier hohe Verluste erlitten, doch insgesamt haben es die Fonds geschafft, der schlimmen finanziellen Kernschmelze im Westen zu entgehen“.

Das lag vor allem an der Zurückhaltung der arabischen Fonds bei Investitionen in den Industrieländern – vor der Krise und heute erst recht: Die meisten Staatsfonds erhielten den Auftrag, mit Teilen des eigenen Kapitals Grundstücksgesellschaften und Banken im eigenen Land zu stabilisieren. Weil in den Golfstaaten die Zentralbanken und die Regierungen keine Finanzierungsmöglichkeiten haben wie die entsprechenden Institutionen in den Industrieländern, „wurden die arabischen Staatsfonds verpflichtet, den Finanzsektor in ihrem jeweiligen Land zu retten“, analysiert der Monitor-Bericht.

Wohin mit dem Geld (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Einigen arabischen Staatsfonds fielen solche Aktionen relativ leicht, während andere eher selber eine finanzielle Milliardenspritze gebraucht hätten. Die Unterschiede sind nicht zufällig: Die Fonds aus den besonders reichen Monarchien mit immer noch gewaltigen Öl- und Gasreserven waren in der Krise vorsichtig und haben dementsprechend kaum verloren oder sogar das Vermögen ihrer Herrscher weiter vermehrt.

Der zukünftige Volkswagen-Großaktionär Qatar Investment Authority (QIA) aus Katar ist dafür ein Beispiel, aber auch die Kuwait Investment Authority (KIA) trotz ihrer hohen Verluste mit Aktien amerikanischer Banken. Am anderen Ende der Skala stehen die diversen Fonds der Herrscherfamilie von Dubai, deren Investitionsgeschäfte eher schlechter liefen als die eines durchschnittlichen deutschen Privatanlegers.

Verluste wurden aufgewogen

Die relativ erfolgreichen Staatsfonds sind zugleich die ältesten und erfahrensten. KIA gibt es seit 1973, den Riesenfonds ADIA aus Abu Dhabi seit 1976 – und beide zehrten von ihren oft kaum weniger lange bestehenden Investitionen.

Die KIA-Verluste bei Daimler in Stuttgart wurden durch das noch viel größere Engagement beim Ölkonzern mehr als aufgewogen. Die Berater des Emirs von Abu Dhabi reicherten das zuvor schon stark diversifizierte ADIA-Portfolio seit 2007 durch gewinnbringende Immobilienkäufe in europäischen und asiatischen Metropolen an, da ließ sich sogar der Verlust von fast 6,8 Milliarden Dollar durch das Engagement beim Finanzriesen Citigroup verschmerzen.

Arabische Staatsfonds schlagen sich gut

Überhaupt schlagen sich die arabischen Staatsfonds in der Krise besser als die weltweit am ehesten vergleichbaren Fonds aus Singapur und China. Nach Berechnung der Monitor-Analysten haben die Fonds vom Golf in der ersten Phase der Weltfinanzkrise bis zum Frühjahr 2008 bei Investitionen in Aktien westlicher Banken 54 Prozent des eingesetzten Kapitals verloren – die Ostasiaten verloren bei entsprechenden Geschäften 77 Prozent. Und außerdem waren die meisten arabischen Fonds klug genug, sich von Bankaktien eher fernzuhalten.

Mit Ausnahme der Fonds aus Dubai. Bis Ende 2008 hatten die drei großen öffentlichen Fonds Investment Corporation, Istithmar und DIFC Investments zusammen fast 13 Milliarden Dollar Schulden angehäuft. Nur ein kleiner Teil der gesamten öffentlichen und privaten Verschuldung von 80 Milliarden Dollar – aber seitdem hat sich das Gesicht der Vereinigten Emirate geändert: Die nüchternen und ölreichen Naayans von Abu Dhabi und ihre Untertanen haben der konkurrierenden Herrscherfamilie Maktoum von Dubai einen Großteil der Macht abgenommen.

Auf der Suche nach europäischen Investoren

Dubai ist bis auf Weiteres eine Art Protektorat seiner Gläubiger in Abu Dhabi. Bisher gut bezahlte europäische Fachleute verlassen derzeit in großer Zahl Dubai – Richtung Heimat, nach Abu Dhabi oder ins bisherigen Mauerblümchen-Emirat Ras al Khaima hart an der Grenze zu Dubai. Der vergleichsweise kleine Staatsfonds der dortigen Emire aus dem Kassimi-Clan hat mit Investitionen in gewöhnlich unbeachteten Ländern auch in der Weltkrise schöne Gewinne gemacht, zum Beispiel im kriegserschütterten Georgien.

Derzeit reisen Emissäre von Emir Saqr al-Kassimi durch Deutschland und andere europäische Länder. Sie suchen nicht nach Investitionsmöglichkeiten für ihren Staatsfonds, ganz im Gegenteil: Sie werben um europäische Investoren, die merken, dass sich die Wirtschaftsgeografie am Arabischen Golf derzeit dramatisch ändert.

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