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Öl und Gas aus Zentralasien Tankstellen der Zukunft

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Aschgabad Quelle: Willershausen, Florian

Bei RWE in Essen verweist man auf internationale Seerechtsexperten. Die hätten die Verträge gründlich studiert und festgestellt, dass der Bau einer transkaspischen Pipeline keine Zustimmung der Anrainer erfordert. Ob die Juristen der Region das genauso sehen, bleibt offen. Ohnehin ist der Widerspruch aus Astana nicht die größte Hürde für Nabucco. Viel schwerer wiegt, dass das Konsortium noch keinen Liefervertrag in der Schublade hat.

Je zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas könnten Aserbaidschan und Turkmenistan jährlich in die Leitung pumpen. Dem Irak will Nabucco zusätzlich bis zu 20 Milliarden abkaufen. „Verträge mit zwei Lieferanten würden wohl ausreichen, um Nabucco zu füllen“, heißt es bei RWE.

In Sichtweite ist aber allenfalls ein Vertrag mit Aserbaidschan. Präsident Ilham Alijew, als spielsüchtiger Lebemann verschrien, will im März die Lizenz für das Gasfeld Schah Deniz II vergeben. Vorige Woche war EU-Kommissionschef Manuel Barroso in der Stadt, um kräftig Werbung zu machen. Neben RWE ist aber auch Gazprom im Rennen. Deren Vize Alexander Medwedew droht unverblümt, Nabucco im Poker unbedingt überbieten zu wollen.

Verschlossenes Turkmenistan

Baku indes hat die Ruhe weg. Wenn das Gasfeld nicht wie geplant 2016 in Betrieb geht – sei’s drum, die Ölquellen an der Küste sprudeln und spülen genug Geld in die Kassen. So oder so investiert Aserbaidschan Milliarden: In Baku kraxeln immer neue Hotels in die Höhe, aus der staubigen Nizami-Straße ist eine Flaniermeile mit Markengeschäften geworden. 

Im Unterschied zu seinem Kollegen in Kasachstan sitzt der Präsident in Aserbaidschan nicht gar so fest im Sattel: Über Ilham Alijew schimpfen sie auf der Straße, da vom Ölreichtum wenig bei der Bevölkerung ankommt. Abseits vom Zentrum zeigt die Hauptstadt ihre archaische Fratze: Auf offener Straße schlachtet jemand einen Hammel, der am Haken über einer Pforte baumelt. Das Blut mischt sich im Gully mit Motoröl aus der benachbarten Autowerkstatt, wo ein Lexus mit Diplomatenkennzeichen zum Ölwechsel parkt.

Hinter den Kulissen ist Aserbaidschan überhaupt ein bisschen archaisch. Verträge gelten hier nicht zwingend, erzählt ein deutscher Geschäftsmann, der von Enteignungsfällen in der Provinz gehört hat. Als ich ihn zu Nabucco befrage, meint er: „Nach aserbaidschanischer Lesart sollen die Europäer ihre Leitung mal bauen, das Gas wird sich schon finden.“ Klar, für RWE ist das schwer akzeptabel. Dummerweise denken die Turkmenen ähnlich.

Zurück auf dem Schiff. Seit Mitternacht ist der Antrieb repariert, der Frachtkahn pflügt durch die Wellen. In der Messe gibt es Hähnchenschenkel mit Buchweizen und Mayonnaise. Nur zwei der acht Passagiere essen zu Mittag, beide kommen aus Turkmenistan. Die Frau war in Baku zu Besuch, ihr Bekannter ist Fernfahrer. Wir kommen ins Gespräch. Ihre Schwester habe seit der Hochzeit mit einem Aseri kein Visum mehr für ihre Heimat bekommen, klagt die Frau. „Früher lebten Russen, Ukrainer und Aseris in unserem Land, sogar jemand aus der DDR.“ Jetzt sei Turkmenistan verschlossen. Der Mann frotzelt etwas auf Turkmenisch, die Frau kontert auf Russisch: „Was denn? Wir sind im Ausland. Hier kann ich das doch sagen!“ Ich entscheide, ihre Namen nicht zu drucken.

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