Öl und Gas aus Zentralasien Tankstellen der Zukunft

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Touristenzone Quelle: Willershausen, Florian

Am Freitagabend macht Kapitän Alijew im Hafen von Turkmenbaschi fest. Fast 26 Stunden war ich an Bord. An der Zollstation wartet mein Touristenführer, mit dessen Hilfe mir nach einer ausufernden Bürokratie-Schlacht tatsächlich die Einreise gelingt. Der Guide wird mich fortan auf Schritt und Tritt begleiten. Offiziell bin ich Analyst, Schwerpunkt Öl und Gas. Eine Lüge, klar. Das schlechte Gewissen plagt mich. Doch Visabegehren von Journalisten lehnt Turkmenistan ab. Woher die Paranoia rührt, verstehe ich nicht.

Rund um die Bucht reihen sich Gasspeicher, im Wüstensand dampft eine Raffinerie. In der Stadt grüßt zuerst der Verfall. Plattenbau-Charme sowjetischer Architektur steckt in den Häusern, die Spielplätze überwuchert verdorrtes Gras, nur wenige Cafés säumen die Straßen. Und am Hafen rosten Fischerboote – gleich neben einer Luxusyacht, dem ersten Zeichen von Reichtum.

Ich will sehen, wie die Turkmenen ihre Gasmillionen verbauen. Im Westen der Stadt werde ich fündig. Eingekeilt zwischen Wüste und Meer, wächst dort die Tourismuszone Avaza. Die Baukosten von fünf Milliarden Dollar teilt sich der Staat mit Investoren, die nach dem Gasschatz greifen wollen. Noch ist Avaza aber eine Brache, durchzogen mit geteerten Straßen, die Holzbänke und Laternen im klassischen Stil flankieren. Nur 5 von 50 Hotels und Sanatorien sind fertig, dafür plätschern überall mächtige Fontänen – Statussymbole, die ein Wüstenstaat zuerst baut, wenn plötzlich Geld da ist.

Ein skurriles Land

Avaza ist ein Prestigebau, mit dem Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow aus dem Schatten seines Vorgängers treten will. Seit vier Jahren ist der 53-Jährige im Amt, zuvor war er Leibarzt des Ex-Präsidenten Saparmyrat Nijasow. Der nannte sich „Vater aller Turkmenen“ (Turkmenbaschi) und herrschte totalitär wie Nordkoreas Kim Jong-il. Er schrieb ein Buch – und verbannte alle anderen aus den Bibliotheken. Er verbot das Rauchen, als er selbst damit aufhören musste. Und er ließ sich ein gülden Denkmal bauen, das sich nach der Sonne dreht.

Es ist schon skurril, dieses Land. Immerhin hat der frühere Zahnarzt, ein Mann mit groben Gesichtszügen und buschigen Brauen, die Statue seines gottesgleich verklärten Vorgängers abreißen lassen. Sie war der Mystifizierung seiner Person im Wege. Stattdessen hängt das Konterfei seiner selbst an Häusern, in Länden des russischen Mobilfunkkonzerns MTS und in Fliegern der staatlichen Airline.

Natürlich ist der Personenkult auch den Deutschen suspekt. Den RWE-Managern, die am nagelneuen Airport Turkmenbaschi warten, geht das nicht anders. Doch es hilft nichts, die Deutschen müssen die Führung des Landes bei Laune halten. Darum richten die Essener Bibliotheken ein, trainieren Führungskräfte und erschließen in Vorleistung ein kleines Gasfeld. Ob sich das rechnet, wissen die RWE-Männer nicht. Aber die Botschaft dahinter ist klar: Seht her, wir spucken in die Hände und bohren einfach mal rein! Insgeheim mit der Hoffnung, dass der Zahnarzt Nabucco Gas gewährt. Noch ist der Kampf um den Schatz im Kaspischen Meer nicht verloren. 

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