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Öl und Gas aus Zentralasien Tankstellen der Zukunft

Deutschland hofft auf Öl und Gas aus dem Kaspischen Meer. Doch ist die Region vertrauenswürdig? Ein Reisebericht von WirtschaftsWoche-Korrespondent Florian Willershausen.

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Kapitän Quelle: Willershausen, Florian

Natürlich will er Bakschisch, der Beamte im Frachthafen von Baku. Die Einladung nach Turkmenistan sei keine Garantie, dass sie mich in der Gasstadt Turkmenbaschi einreisen lassen. Die Gefahr ist mir bewusst, aber dass mich der Grenzer in Aserbaidschan nicht ausreisen lassen will, überrascht mich. Doch mein Bestechungsmittel zieht: Ein Wappen der hessischen Polizei lässt im Osten jeden Grenzposten weich werden und macht die Ausreise zum Spaziergang.

Mittlerweile ist Abend in Baku, um kurz nach sieben legt die MS Hassan Alijew ab. Langsam verlieren sich die Lichter der Stadt in der Dunkelheit. Der alte Kahn, der den Namen eines Sowjet-Chemikers trägt, schiebt sich an Bohrtürmen vorbei und nimmt Kurs auf Turkmenbaschi. Die See ist ruhig, und dass im Schiffsbauch 1280 Tonnen Rohöl lagern, werde ich erst später erfahren.

Plötzlich stirbt der Motor ab, mitten auf hoher See. Antriebsschaden, verrät Kapitän Marat Alijew, ein kleiner Mann im Jogginganzug. Keine Ahnung, wann es weitergeht, brummt der Kauz und spült sich zwei Würfel Zucker mit einem kräftigen Schluck Schwarztee in den Rachen. Wann wir ungefähr ankommen, möchte ich wissen, man will ja planen. „Morgen Abend vielleicht“, knurrt der Kapitän, „spätestens Sonntag.“ Sonntag ist in drei Tagen.

Die Rolle Zentralasiens wächst

Endstation Absurdistan? Eines steht jedenfalls fest: Zeit kann man nicht planen in Zentralasien – und nach Maßstäben des Westens lässt sich die gewaltige Landmasse zwischen dem Schwarzen Meer und der chinesischen Grenze sowieso nicht vermessen. Das wäre nicht weiter wichtig, bezöge sich dies nur auf den Schiffsverkehr, für Journalisten die einzige Chance, inkognito ins abgeriegelte Turkmenistan einzureisen. Die Region ist aber auch für Geschäftsleute schwierig: Überall lauert Korruption, Geschäfte werden nach Bauchgefühl gemacht, Verträge oft nicht eingehalten, Termine sowieso nicht.

Trotzdem wird Zentralasien immer wichtiger für Deutschland: Die Ölquellen in der Region sind größer als die von Saudi-Arabien, rund ums Kaspische Meer liegt die Hälfte der globalen Gasreserven, glauben Experten. Von hier soll Gas für die Nabucco-Pipeline kommen, ein Projekt, hinter dem auch der RWE-Konzern steht. Die Essener buhlen in der Region seit Jahren um Lieferverträge – ohne Erfolg.

Herrscher über die Tankstellen der Zukunft sind durchweg Autokraten, die zum Personenkult neigen und Legitimität aus der Verteilung von Rohstoffmillionen beziehen. Die verbauen sie zuweilen in Statuen und Statussymbolen, zur Konstruktion postsowjetischer Identitäten. Freilich sind die Dynastien zutiefst undemokratisch, von Vetternwirtschaft durchsetzt. Was die Frage erlaubt, ob Zentralasien als Partner der EU sicherer ist als Russland?

Baiterek-Turm Astana Quelle: Willershausen, Florian

Der Westen drückt hier mal ein Auge zu. Brüssel will sich mithilfe von Zentralasien aus der Abhängigkeit von Russland lösen, das ein Viertel des EU-Bedarfs an Öl und Gas stellt. Ergo muss sich Europa mit den Gepflogenheiten der flippigen Region arrangieren. Das gilt auch für mich, der ich auf einem 25 Jahre alten Frachter jugoslawischer Produktion festsitze, ohne zu wissen, ob man mich im Kontrollstaat Turkmenistan einreisen lässt. Dabei hat die Reise so gut begonnen.

Es ist November in Astana, in wenigen Tagen wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die kasachische Hauptstadt besuchen. Im Vorfeld versucht die Regierung, das Image des Landes aufzupolieren. Eine PR-Agentur fliegt einen Pulk Journalisten ein.

Im Westen ist Kasachstan über die Witzfigur Borat bekannt, mit der Englands Komiker Sacha Baron Cohen das Land veräppelt, ohne in der Steppe gedreht zu haben. Die Kasachstaner mögen Borat nicht. Er parodiert die Rückständigkeit des Steppenlands, das Deutschlands viertwichtigster Öllieferant ist. Präsident Nursultan Nasarbajew vergleicht sein Land mit den Tigerstaaten Südostasiens und verspricht, dass Kasachstan bis 2030 zu den 50 modernsten Ländern der Welt zählen wird.

Sultan aus dem Morgenland

Es mangelt ihm nicht an Selbstbewusstsein, diesem Nasarbajew. Der 70-Jährige regiert Kasachstan wie ein Sultan aus dem Morgenland, neulich ließ er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit küren. In der Krise machte er von sich Reden, als er eine Weltwährung verlangte. Beim OSZE-Gipfel in Astana trat er auf, als hätte man ihn gerade zum UNO-Generalsekretär ernannt. Einen anderen als Nasarbajew hat Kasachstan nicht. „Papa“ ist der einzige Politiker des Landes, alle anderen sind Befehlsempfänger. Das gilt auch für den Premierminister, der uns empfängt.

Karim Massimow ist ein Mann mit tiefen Geheimratsecken und Schnurrbart. Er lächelt nicht gern, schon gar nicht in Kameras des Staatsfernsehens. Kerzengerade sitzt er auf seinem Stuhl, als prüfe einer mit der Wasserwaage, ob die Wirbelsäule senkrecht steht. Er spricht über Investitionen, Demokratie und die Krise, ehe es spannend wird: „Ehrlich gesagt, verstehen wir den Sinn von Nabucco nicht.“

In erster Linie ist Kasachstan ein Ölland. Das Gas reicht gerade so für den Eigenbedarf. Astana verdient aber über Transitgebühren kräftig mit, wenn die Nachbarn Gas exportieren – vorausgesetzt, sie schicken es durch russische Röhren nach Europa. Nabucco aber soll Zentralasien direkt an den Westen koppeln, womit diese Einnahmen wegfallen. Deshalb feuert Kasachstan wie Russland aus allen Rohren auf Nabucco. Wenn Europa Gas aus Turkmenistan beziehen wolle, müsse ja eine Pipeline quer durchs Kaspische Meer gelegt werden, sagt Massimow. Ohne Zustimmung der Anrainer gehe das nicht.

Aschgabad Quelle: Willershausen, Florian

Bei RWE in Essen verweist man auf internationale Seerechtsexperten. Die hätten die Verträge gründlich studiert und festgestellt, dass der Bau einer transkaspischen Pipeline keine Zustimmung der Anrainer erfordert. Ob die Juristen der Region das genauso sehen, bleibt offen. Ohnehin ist der Widerspruch aus Astana nicht die größte Hürde für Nabucco. Viel schwerer wiegt, dass das Konsortium noch keinen Liefervertrag in der Schublade hat.

Je zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas könnten Aserbaidschan und Turkmenistan jährlich in die Leitung pumpen. Dem Irak will Nabucco zusätzlich bis zu 20 Milliarden abkaufen. „Verträge mit zwei Lieferanten würden wohl ausreichen, um Nabucco zu füllen“, heißt es bei RWE.

In Sichtweite ist aber allenfalls ein Vertrag mit Aserbaidschan. Präsident Ilham Alijew, als spielsüchtiger Lebemann verschrien, will im März die Lizenz für das Gasfeld Schah Deniz II vergeben. Vorige Woche war EU-Kommissionschef Manuel Barroso in der Stadt, um kräftig Werbung zu machen. Neben RWE ist aber auch Gazprom im Rennen. Deren Vize Alexander Medwedew droht unverblümt, Nabucco im Poker unbedingt überbieten zu wollen.

Verschlossenes Turkmenistan

Baku indes hat die Ruhe weg. Wenn das Gasfeld nicht wie geplant 2016 in Betrieb geht – sei’s drum, die Ölquellen an der Küste sprudeln und spülen genug Geld in die Kassen. So oder so investiert Aserbaidschan Milliarden: In Baku kraxeln immer neue Hotels in die Höhe, aus der staubigen Nizami-Straße ist eine Flaniermeile mit Markengeschäften geworden. 

Im Unterschied zu seinem Kollegen in Kasachstan sitzt der Präsident in Aserbaidschan nicht gar so fest im Sattel: Über Ilham Alijew schimpfen sie auf der Straße, da vom Ölreichtum wenig bei der Bevölkerung ankommt. Abseits vom Zentrum zeigt die Hauptstadt ihre archaische Fratze: Auf offener Straße schlachtet jemand einen Hammel, der am Haken über einer Pforte baumelt. Das Blut mischt sich im Gully mit Motoröl aus der benachbarten Autowerkstatt, wo ein Lexus mit Diplomatenkennzeichen zum Ölwechsel parkt.

Hinter den Kulissen ist Aserbaidschan überhaupt ein bisschen archaisch. Verträge gelten hier nicht zwingend, erzählt ein deutscher Geschäftsmann, der von Enteignungsfällen in der Provinz gehört hat. Als ich ihn zu Nabucco befrage, meint er: „Nach aserbaidschanischer Lesart sollen die Europäer ihre Leitung mal bauen, das Gas wird sich schon finden.“ Klar, für RWE ist das schwer akzeptabel. Dummerweise denken die Turkmenen ähnlich.

Zurück auf dem Schiff. Seit Mitternacht ist der Antrieb repariert, der Frachtkahn pflügt durch die Wellen. In der Messe gibt es Hähnchenschenkel mit Buchweizen und Mayonnaise. Nur zwei der acht Passagiere essen zu Mittag, beide kommen aus Turkmenistan. Die Frau war in Baku zu Besuch, ihr Bekannter ist Fernfahrer. Wir kommen ins Gespräch. Ihre Schwester habe seit der Hochzeit mit einem Aseri kein Visum mehr für ihre Heimat bekommen, klagt die Frau. „Früher lebten Russen, Ukrainer und Aseris in unserem Land, sogar jemand aus der DDR.“ Jetzt sei Turkmenistan verschlossen. Der Mann frotzelt etwas auf Turkmenisch, die Frau kontert auf Russisch: „Was denn? Wir sind im Ausland. Hier kann ich das doch sagen!“ Ich entscheide, ihre Namen nicht zu drucken.

Touristenzone Quelle: Willershausen, Florian

Am Freitagabend macht Kapitän Alijew im Hafen von Turkmenbaschi fest. Fast 26 Stunden war ich an Bord. An der Zollstation wartet mein Touristenführer, mit dessen Hilfe mir nach einer ausufernden Bürokratie-Schlacht tatsächlich die Einreise gelingt. Der Guide wird mich fortan auf Schritt und Tritt begleiten. Offiziell bin ich Analyst, Schwerpunkt Öl und Gas. Eine Lüge, klar. Das schlechte Gewissen plagt mich. Doch Visabegehren von Journalisten lehnt Turkmenistan ab. Woher die Paranoia rührt, verstehe ich nicht.

Rund um die Bucht reihen sich Gasspeicher, im Wüstensand dampft eine Raffinerie. In der Stadt grüßt zuerst der Verfall. Plattenbau-Charme sowjetischer Architektur steckt in den Häusern, die Spielplätze überwuchert verdorrtes Gras, nur wenige Cafés säumen die Straßen. Und am Hafen rosten Fischerboote – gleich neben einer Luxusyacht, dem ersten Zeichen von Reichtum.

Ich will sehen, wie die Turkmenen ihre Gasmillionen verbauen. Im Westen der Stadt werde ich fündig. Eingekeilt zwischen Wüste und Meer, wächst dort die Tourismuszone Avaza. Die Baukosten von fünf Milliarden Dollar teilt sich der Staat mit Investoren, die nach dem Gasschatz greifen wollen. Noch ist Avaza aber eine Brache, durchzogen mit geteerten Straßen, die Holzbänke und Laternen im klassischen Stil flankieren. Nur 5 von 50 Hotels und Sanatorien sind fertig, dafür plätschern überall mächtige Fontänen – Statussymbole, die ein Wüstenstaat zuerst baut, wenn plötzlich Geld da ist.

Ein skurriles Land

Avaza ist ein Prestigebau, mit dem Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow aus dem Schatten seines Vorgängers treten will. Seit vier Jahren ist der 53-Jährige im Amt, zuvor war er Leibarzt des Ex-Präsidenten Saparmyrat Nijasow. Der nannte sich „Vater aller Turkmenen“ (Turkmenbaschi) und herrschte totalitär wie Nordkoreas Kim Jong-il. Er schrieb ein Buch – und verbannte alle anderen aus den Bibliotheken. Er verbot das Rauchen, als er selbst damit aufhören musste. Und er ließ sich ein gülden Denkmal bauen, das sich nach der Sonne dreht.

Es ist schon skurril, dieses Land. Immerhin hat der frühere Zahnarzt, ein Mann mit groben Gesichtszügen und buschigen Brauen, die Statue seines gottesgleich verklärten Vorgängers abreißen lassen. Sie war der Mystifizierung seiner Person im Wege. Stattdessen hängt das Konterfei seiner selbst an Häusern, in Länden des russischen Mobilfunkkonzerns MTS und in Fliegern der staatlichen Airline.

Natürlich ist der Personenkult auch den Deutschen suspekt. Den RWE-Managern, die am nagelneuen Airport Turkmenbaschi warten, geht das nicht anders. Doch es hilft nichts, die Deutschen müssen die Führung des Landes bei Laune halten. Darum richten die Essener Bibliotheken ein, trainieren Führungskräfte und erschließen in Vorleistung ein kleines Gasfeld. Ob sich das rechnet, wissen die RWE-Männer nicht. Aber die Botschaft dahinter ist klar: Seht her, wir spucken in die Hände und bohren einfach mal rein! Insgeheim mit der Hoffnung, dass der Zahnarzt Nabucco Gas gewährt. Noch ist der Kampf um den Schatz im Kaspischen Meer nicht verloren. 

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