Olympische Spiele Die Allianz fördert Pekings Propagandashow

Deutsche Unternehmen sind auch in China ihren europäischen Werten verpflichtet. Quelle: Imago

Deutsche Unternehmen müssen sich zunehmend für ihr China-Geschäft rechtfertigen. Nicht immer zu Recht. Doch die Allianz sponsert im großen Stil Olympia. Damit überschreitet der Versicherer eine Grenze. Ein Kommentar.

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Bald ist Anta Sports Products am Ziel. Die Sportbekleidungsmarke aus China wird als Sponsor der Olympischen Spiele in Peking das Servicepersonal ausrüsten, in ihrer Heimat immer beliebter und beim Umsatz in China womöglich bald an den Konkurrenten Nike und Adidas vorbeiziehen. Der Erfolg hat auch patriotische Gründe. Als die „Better Cotton Initiative“ (BCI) 2020 in einer Studie ein steigendes Risiko von Zwangsarbeit auf Baumwollfarmen in der westchinesischen Region Xinjiang festgestellt hatte, legten internationale Marken die Beschaffung von Baumwolle aus der Region auf Eis. Anta hielt daran fest – und profitierte von einer "nationalen Welle".

Das Beispiel zeigt, wie eng der wirtschaftliche Erfolg von Unternehmen in China mit politischen Überzeugungen verknüpft ist. Seit Jahren sieht der Westen zu, wie die Regierung in Peking mit immer neuen Themen die internationale Wertegemeinschaft herausfordert: die Diskriminierung der muslimischen Minderheit der Uiguren in Xinjiang, die unverhohlene Abschaffung der Demokratie in Hongkong, die militärische Bedrohung gegenüber Tibet und Taiwan, oder die mögliche Missachtung von Datenschutzprinzipien während der Olympischen Spiele.

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Wie sollen sich die Manager deutscher Unternehmen da hindurch manövrieren, ohne entweder Umsatz oder die eigene Ethik abzuschreiben? Die Antwort darauf ist nicht einfach, aber möglich. Zunächst einmal sind die Unternehmen den Gesetzen der Länder unterworfen, in denen sie arbeiten. Deutsche Manager sind nicht dafür verantwortlich, die europäischen Maßstäbe von Recht und Gesetz im Ausland durchzusetzen. Für Diplomatie ist die Politik zuständig. Die Wirtschaft verfolgt andere Ziele. Wenn wir als Gesellschaften aus der freien Welt - aus welchen Gründen auch immer - den Anspruch haben, dass andere Systeme sich wandeln sollen, dann müssen wir als Gesellschaft definieren, was wir von Unternehmen erwarten.

Deutsche Unternehmen sind etwa auch in China ihren europäischen Werten verpflichtet. Das gilt vor allem innerhalb ihres Einflussbereichs. Sie müssen in ihren ausländischen Fabriken und Vertriebsgesellschaften die gleichen Maßstäbe ansetzen wie sie auch in Deutschland gelten: Sie dürfen ihre Mitarbeiter nicht ausspionieren, müssen den Gesundheitsschutz wahren und Frauen und Männer gleichbehandeln. Was in Europa gilt, gilt auch woanders.

Die Unternehmen müssen vor allem dann offen Position beziehen, wenn sie durch Missachtung grundsätzlicher Prinzipien wie etwa den Menschenrechten profitieren und noch erfolgreicher werden. Darf Volkswagen ein Werk in Xinjiang bauen, wenn in der Region die muslimische Minderheit der Uiguren unterdrückt wird? Ja, wenn VW selbst nicht in irgendeiner Art und Weise davon profitiert, dass Menschen dort diskriminiert werden. Darf Adidas Baumwolle aus der Region beziehen? Nein, wenn der Verdacht naheliegt, dass die Baumwolle mit Hilfe von Zwangsarbeit produziert wurde.

Bei den Olympischen Spielen in Peking handeln einige Unternehmen wie die Allianz daher unredlich. Sie sponsern ein Großereignis, das als Jugendfest der Völkerverständigung vermarktet, aber als Propagandainstrument der Pekinger Regierung nach innen und außen missbraucht wird. Wer bei der Inszenierung mitmacht, will vom Glanz Chinas als Organisator profitieren – und verrät damit den europäischen Geist der freien Welt.

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