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Oprah2020? Talkshow-Moderatorin als präsidiale Hoffnung

Millionen kennen ihr Gesicht und das nötige Kleingeld hat sie auch. Aber reicht Moderatorin Oprah Winfrey das, um eine Kandidatur als US-Präsidentin zu starten? Gute Karten hätte sie. Und trotzdem könnte alles nur Gerede sein - nicht zuletzt wegen ihrer Einschaltquoten.

Los AngelesHinter der Bühne der Filmpreisverleihung „Golden Globes“ hatte die US-Moderatorin Oprah Winfrey noch zurückhaltend geklungen. Nein, eine Präsidentschaftskandidatur plane sie nicht, obwohl ihre Rede auf der Gala in Los Angeles zu Frauen-, Menschenrechten und Pressefreiheit für großes Aufsehen gesorgt hatte.

Doch bis zum Nachmittag US-Zeit änderte sich die Nachrichtenlage am Montag. Der Nachrichtensender CNN berichtete mit Berufung auf zwei enge Freunde Winfrey, dass sie sehr wohl ernsthaft prüfe, in das Rennen um das Amt des Präsidenten einzusteigen.

Die nächste Wahl findet 2020 statt – in sozialen Netzwerken bündelte sich die Hoffnung vieler Amerikaner unter dem Schlagwort #Oprah2020. Und nicht nur die TV-Komikerin Sarah Silverman brachte eine Kandidatur gemeinsam mit Michelle Obama, der Ehefrau von Ex-Präsident Barack Obama, ins Gespräch. Mit den Obamas ist Winfrey befreundet, sie haben sogar schon gemeinsam Urlaub gemacht.

Noch vor zwei oder drei Jahren hätte die Vorstellung ziemlich absurd geklungen: Oprah Winfrey, eine milliardenschwere Talkmasterin und Entertainerin, Millionen Amerikanern vor allem dank ihrer TV-Show bekannt, steigt mit null politischer Vorerfahrung ins Rennen ums Weiße Haus ein – und gewinnt. Gut ein Jahr nach Donald Trumps Wahlsieg weiß man: Selbst im Wettstreit um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten ist vieles möglich, was eigentlich gar nicht möglich schien.

So überschlugen sich nach Winfreys flammender Rede bei der Golden-Globe-Gala am Sonntag die Kommentare: Könnte Winfrey, dank ihrer jahrzehntelangen TV-Karriere so etwas wie die Seele der Nation, Trump bei den Wahlen im Jahr 2020 die Stirn bieten? Könnte sie den Scherbenhaufen aus Hillary Clintons zerschmetterten Träumen zusammenstückeln und nicht nur die erste weibliche US-Präsidentin werden, sondern dazu auch die erste afroamerikanische?

„Wir freuen uns auf jede Herausforderung, sei es Oprah Winfrey oder irgendjemand sonst“, sagte ein Sprecher Trumps am Montag am Bord der Präsidentenmaschine Air Force One.

Das Zeug zur Wahlkampf-Rednerin hätte die Demokratin allemal. Stars in Beverly Hills wirkten wie in Trance, als sie eine Zukunft ohne sexuelle Übergriffe durch Männer, ohne ungewollte Avancen, Gegrapsche und anzügliche Kommentare heraufbeschwor. Von einem „neuen Tag am Horizont“ sprach sie, von einer „Zeit, in der niemand jemals wieder „ich auch“ sagen muss“. Die Rede drehte sich um die Bewegung #MeToo, aber auch um Bürgerrechte, um Diskriminierung und Rassismus. Ihre Minuten am Pult wurden zu einer Predigt vor Millionen.

Ganz fremd ist Winfrey der Politikbetrieb auch nicht. 2007 stand sie in Iowa und New Hampshire mit Barack Obama auf der Bühne, als der zum Sprung vom Senatorensitz ins Weiße Haus ansetzte. In South Carolina strömten 30 000 Menschen in ein Footballstadium, als die Talkmasterin aus dem ländlichen Mississippi erklärte, warum Obama der richtige Mann für den Job sei. Sein Sieg gegen Clinton in South Carolinas Vorwahlen wurde zu einem Schlüsselmoment seiner Kandidatur. Eine Studie der Universität Maryland kam später zu dem Schluss, dass Obama ihrem Engagement mehr als eine Million Stimmen verdankte.


„New York Times“-Kommentator empfiehlt: Keine Kandidatur

Winfreys hoher Bekanntheitsgrad und ihr Vermögen von geschätzt 2,8 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro) wären keine schlechte Ausgangslage. Aber könnte sie auch die nötigen Geldgeber hinter sich versammeln und ein politisches Programm entwerfen, das eine breitere Masse von Wählern jenseits ihres TV-Publikums anspricht? Und könnten ein Senator Bernie Sanders, ein Ex-Vizepräsident Joe Biden oder Senatorinnen wie Elizabeth Warren und Kirsten Gillibrand ihr dann nicht trotzdem einen Strich durch die Rechnung machen? Diese kennen das Alltagsgeschäft in Washington besser. Anderseits dachte man das bei Trumps Gegnern auch.

Die #MeToo-Bewegung, die mit dem Protestmarsch am Tag nach Trumps Amtseinführung begann und nun in die Initiative „Time's Up“ (Die Zeit ist um) mündete, hat Winfrey einen Schub verpasst. Wo diese Bewegung in rund zwei Jahren stehen wird, wenn der US-Vorwahlkampf in die heiße Phase geht, ist völlig offen. Winfrey müsste dann mehr sein als nur eine Stimme gegen Trump, schreibt die „New York Post“. Sie müsste eine eigene Botschaft finden und „mit den richtigen Leuten in den richtigen Staaten sprechen, um den Kampf mit Trumps Schattenseiten aufzunehmen“.

Das Zeug dazu hätte die 63-Jährige, aber die eigentlich Frage lautet: Will sie es? Will eine Moderatorin, die bewegende TV-Momente mit Michael Jackson, Tom Cruise und Whitney Houston zu den Höhepunkten ihrer Karriere zählen kann, sich mit einer Gesundheitsreform oder dem Nahost-Friedensprozess herumschlagen? Eine Frau, die Popstar Pharrell Williams vor Glück zum Weinen brachte? Andererseits setzt Winfrey sich - natürlich auch öffentlichkeitswirksam - schon lang für soziale Anliegen ein, etwa für die Rechte von Kindern, für Bildungsprogramme in Südafrika und Hilfe für die Opfer des Hurrikans „Katrina“.

„Ich werde nie für ein öffentliches Amt kandidieren. Das ist eine ziemlich ausgemachte Sache“, sagte sie dem „Hollywood Reporter“ im Juni. Auch unmittelbar nach ihrer Golden-Globes-Rede stritt sie der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge ab, über eine Kandidatur nachzudenken. Als Gastgeber Seth Meyers zum Auftakt der Gala über eine Kandidatur Winfreys witzelte, platzte ihr ein Lachen heraus.

Bei all der Spekulation gilt auch, dass Winfrey eine geschickte Unternehmerin ist. Mit der von 1986 bis 2011 ausgestrahlten und in über 100 Länder übertragenen „Oprah Winfrey Show“ hat sie nicht nur eine eigene Marke erschaffen, sondern diese zum TV-Sender OWN ausgebaut. Ob sie kandidieren will oder nicht: Dass ihr Partner Stedman Graham am Galaabend erklärte, „sie würde es absolut machen“, dürfte den Einschaltquoten zumindest nicht schaden.

Die „New York Times“ legt Winfrey nahe, keine Kandidatur anzustreben. Die Begründung des Kommentators: Ein demokratischer Kandidat, der Trump mit dessen mangelnder politischen Erfahrung ins Amt folge, solle ein politischer Haudegen sein. Die Präsidentschaft dürfe nicht zu einer Trophäe für Prominente werden.

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