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Oxfam-Vermögensbericht Die Wohlstands-Kluft zwischen Männern und Frauen

Die Wohlstands-Kluft zwischen Männern und Frauen Quelle: imago images

Nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich geht nach Ansicht von Oxfam weiter stark auseinander. Auch die Kluft zwischen männlichem und weiblichem Wohlstand sei groß. Vor allem weil viele Frauen noch immer Kinder und Haushalt verantworten. Oxfam fordert deshalb, mehr in Kinderbetreuung zu investieren.

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Kurz vor dem Beginn der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos legt die Hilfsorganisation Oxfam ihren Ungleichheitsbericht vor. Auch in diesem Jahr warnt sie darin, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich in der Welt weiterhin dramatisch hoch sei und die Vermögenskonzentration an der Spitze im vergangenen Jahr erneut zugenommen hat. Doch in diesem Jahr sticht ein Aspekt des Reports besonders hervor: Die finanzielle Kluft zwischen Männern und Frauen. Die Vermögen dieser Welt sind laut Oxfam auch unter den Geschlechtern sehr ungleich verteilt. Die NGO beruft sich dabei unter anderem auf die Finanznachrichtenagentur Bloomberg, deren Angaben zufolge das Vermögen der 500 reichsten Menschen der Welt im Vorjahr um ein Viertel gestiegen ist, und demnach Männer 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen besitzen.

Es sind Zahlen, die wenig überraschen dürften. Schließlich belegen immer wieder Studien in verschiedensten Varianten, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, der sogenannte „Gender Gap“, in vielen Branchen noch immer immens sind und auch heute noch mehrheitlich Männer und nicht Frauen gut bezahlte Führungspositionen besetzen. So vermeldete beispielsweise die Allbright-Stiftung im Mai vergangenen Jahres, dass es unter den Dax-Vorständen mehr Männer mit dem Namen Thomas gibt als Frauen insgesamt. Spitzenverdiener im Dax nach Geschlecht waren demnach Peter mit 105.000 und Andrea mit 87.000 Euro im Jahr.

Erst vor wenigen Wochen belegte der „Global Gender Gap Report 2020“ des Weltwirtschaftsforums (WEF), der seit 2006 erscheint, dass es zwar durchaus Fortschritte gebe bei der globalen Entwicklung der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen – aber unter dem Strich noch immer zu wenig passiere. Insgesamt werde es beim aktuellen Tempo noch etwa ein Jahrhundert dauern, bis die Gleichberechtigung weltweit abgeschlossen ist, so das WEF. „Das ist ein Zeitrahmen, den wir in der globalisierten Welt einfach nicht akzeptieren können“, schrieb WEF-Gründer Klaus Schwab im Dezember. Weltweit habe es im Vergleich zum Vorjahr durchaus Fortschritte gegeben, betonte das WEF. Die Organisation untersuchte für den jährlichen Bericht in 153 Staaten – vier mehr als im Vorjahr – vier Bereiche: Wirtschaft – etwa Gehälter und Chancen auf Führungspositionen –, Zugang zu Bildung, politische Mitwirkungsmöglichkeiten sowie Gesundheit, etwa Lebenserwartung. Doch besonders in der Wirtschaft gebe es Aufholbedarf. So stagniere der Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt: Lediglich gut die Hälfte (55 Prozent) der erwachsenen Frauen habe einen Job, bei den Männern seien es mehr als drei Viertel (78 Prozent).

Ein Grund für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sieht die aktuelle Oxfam-Studie in der von Frauen geleisteten Arbeit zu Hause – wie etwa Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Sorge für den Haushalt. „Frauen und Mädchen leisten den Löwenanteil unbezahlter Haus-, Pflege, und Fürsorgearbeit – weltweit pro Tag weit mehr als zwölf Milliarden Stunden.“ Dies entspreche einem Gegenwert von mehr als 11 Billionen US-Dollar pro Jahr, wenn diese mit dem Mindestlohn bezahlt würden. Für Frauen stelle diese unbezahlte Arbeit häufig eine Armutsfalle dar. „Der direkte Zusammenhang zwischen Vermögensungleichheit und Care ist, dass Frauen viel weniger Vermögen aufbauen können über ihr Leben, weil sie einen Großteil ihrer Arbeit in unbezahlter Pflege und Fürsorge leisten“, sagte Ellen Ehmke, Analystin für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland. Dieser Einfluss von sogenannter Care-Arbeit auf Einkommen, Vermögen, Bildungschancen und Armutsgefährdung erfahre im Zusammenhang mit Ungleichheit zu wenig Aufmerksamkeit. „Wir sollten den Wert dessen anerkennen“, so Ehmke.

„Frauen verbringen deutlich mehr Lebenszeit außerhalb der Erwerbstätigkeit als Männer“, hieß es auch in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Juni 2019. Die Folge: eine im Durchschnitt deutlich geringere Rente von Frauen – bereinigt um Unterschiede in Bildung und Alter zwischen Männern und Frauen. Laut der Studie liegt die Lücke zwischen dem Renteneinkommen von Männern und Frauen in Dänemark bei gut zwölf, in Spanien bei fast 73 Prozent. In Estland sind es rund 26, in Italien und Griechenland demnach fast 47 beziehungsweise knapp 41 Prozent. In Deutschland bekommen Frauen im Osten im Durchschnitt etwa 20 Prozent weniger Rente als Männer, in Westdeutschland beläuft sich die Lücke sogar auf fast 50 Prozent.

Um diese finanziellen Ungleichheiten zukünftig auszuräumen fordert Oxfam, mehr in öffentliche Kinderbetreuung und soziale Absicherung zu investieren, sowie weltweit Frauenrechte und -organisationen zu stärken – vor allem in ärmeren Ländern, wo Oxfam zufolge die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch weitaus dramatischer sind. In ländlichen Gebieten ärmerer Länder verbringen Frauen täglich bis zu 14 Stunden mit Pflege- und Fürsorgearbeit, wie Oxfam berichtet.

Auf die Frage, wer die Kosten für entsprechende Programme tragen soll, hat die NGO ebenfalls einen Vorschlag: In Deutschland und auf der ganzen Welt müssten Konzerne und Menschen mit sehr großem Vermögen einen fairen Anteil zum Allgemeinwohl beitragen: „Die Bundesregierung muss sich für eine weltweite Mindeststeuer einsetzen und Entwicklungsländer dabei unterstützen, Konzerne stärker zu besteuern“, so Oxfam.

Auch in reicheren Ländern wie Deutschland verschärfe die vornehmlich von Frauen geleistete Fürsorgearbeit die Ungleichheiten im Wohlstand. Solange es nicht ausreichend öffentlichen Angebote gebe für etwa Kinderbetreuung, könnten in Familien mit hohem Einkommen beide Eltern viel früher wieder arbeiten gehen als in Familien mit niedrigerem Einkommen. Dadurch werde die Ungleichheit zwischen Haushalten noch weiter vertieft, warnt Oxfam.

Hier sieht auch das WEF weiterhin Handlungsbedarf: Um die nach wie vor großen Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Wirtschaft zu vermindern, sei eine schnelle Reduzierung der Gehalts- und Einkommenslücke notwendig, forderte das WEF. Auch eine längere Elternzeit für Väter würde zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen.


Mit Material von dpa

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