Papst lobt schlagenden Vater Vergebung für würdelose Eltern

Papst Franziskus lobt Eltern, die ihre Kinder mit "Würde" schlagen. Das ist natürlich Unsinn. Doch genauso unsinnig ist die pauschale Gleichsetzung einer Ohrfeige mit Kindesmisshandlung.

Papst Franziskus Quelle: dpa

Um es gleich vorweg zu sagen: Sein Kind zu schlagen, ist keine gute Erziehungsmethode. Und auch wenn ein Vater sein Kind nicht ins Gesicht, sondern auf den Hintern schlägt, ist das nicht „würdevoll“, wie Papst Franziskus verkündet.

Apropos Würde. Papst Franziskus, das erfährt die Welt nun in kürzester Zeit zum wiederholten Male, schert sich offenbar wenig um die Würde seines Amtes. Des ältesten im christlichen Abendland. Ein Papst ist nicht Don Camillo. Und darum schadet er vor allem dem Papsttum selbst, wenn er demjenigen, der seine Mama beleidigt, mit der päpstlichen Faust begegnen will.

Nun hat er den Bericht eines Vaters, der zugab, seine Kinder „ein bisschen schlagen“ zu müssen, „aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen“, mit den Worten „wie schön!“ kommentiert. Eine bessere Vorlage könnte er den Kritikern und Feinden seiner Kirche nicht geben.

Bei den Leserkommentaren unter den Meldungen in Internetportalen ist „Einfach nur abartig!“ noch einer der freundlichsten. Ein anderer Leser weist darauf hin, dass es im Vatikanstaat erlaubt sei, mit Kindern ab 12 Sex zu haben – was formal richtig ist. Natürlich nutzt manch einer die Gelegenheit auch, um an die zahlreichen Fälle abscheulicher sexueller Misshandlungen von schutzbefohlenen Kindern durch katholische Priester zu erinnern.

Papst Franziskus, Fürsprecher der Armen
Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio ähnelt in seinem bescheidenen Lebensstil seinem italienischen Namenspatron Franziskus aus dem 13. Jahrhundert, der freiwillig in Armut lebte und einen Bettelorden gründete. Quelle: AP/dpa
Bergoglio ist der 266. Pontifex der Kirchengeschichte, aber der erste Papst aus Lateinamerika und der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Er wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren - dies dürfte eine enge Verbindung zu seiner neuen Heimat im Vatikan schaffen. Quelle: AP/dpa
Nach einer Ausbildung als Chemietechniker entschied er sich für das Priesteramt und wurde 1969 zum Priester geweiht. Schon nach vier Jahren wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens für Argentinien gewählt und leitete dann bis 1979 den Orden in dem lateinamerikanischen Land. Während dieser Zeit begann die Militärdiktatur, in deren Verlauf rund 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. In seiner Heimat wurde der Vorwurf erhoben, Bergoglio habe als Jesuiten-Provinzial während der Militärdiktatur Ordensbrüdern nicht ausreichend Rückendeckung gegeben. Quelle: REUTERS
1992 wurde Bergoglio von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt. Sechs Jahre später wurde er Erzbischof des Bistums. Quelle: AP/dpa
Bei der Papst-Wahl 2005 war Bergoglio der Hauptkonkurrent von Joseph Ratzinger, der sich allerdings durchsetzte und als Papst Benedikt XVI. acht Jahre die römisch-katholische Kirche führte. Damals wurde der Argentinier von den moderaten Kardinälen als Gegengewicht zum dogmatischen damaligen Leiter der Glaubenskongregation unterstützt. Quelle: AP/dpa
Von seiner Biografin Francesca Ambrogetti wird der 76-Jährige als Mann des Ausgleichs mit großem Verhandlungsgeschick und einem ausgeprägten sozialen Gewissen beschrieben. Er wurde auch "Kardinal der Armen" genannt. Bergoglio gilt als bescheiden und volksnah. Auch als Kardinal war sich der Argentinier nicht zu schade, den Bus oder die U-Bahn zu nehmen statt einer Limousine. Statt in der erzbischöflichen Residenz wohnte er in einem einfachen Apartment. So entstand etwa im Jahr 2008 dieses Foto des Jesuitenpaters in der U-Bahn in Buenos Aires. Quelle: AP/dpa
Bergoglio begrüßt 2008 Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Mit Politikern spricht er Klartext, weshalb seine Beziehungen zur Präsidentin und ihrem verstorben Mann und Vorgänger Nestor Kirchner nicht immer störungsfrei waren. Dass Bergoglio aus seinen konservativen Einstellungen keinen Hehl macht, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010, als er die argentinische Regierung wegen der Legalisierung der Homo-Ehe angriff. "Wir dürfen nicht naiv sein. Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören", schrieb er in einem Brief wenige Tage vor Verabschiedung des Gesetzes. Kirchner entgegnete damals, dass sie sich an „mittelalterliche Zeiten und die Inquisition“ erinnert fühle. Quelle: REUTERS
Auf einem aktuellen Bild vom 3. März dieses Jahres trinkt der Kardinal das traditionelle Mate-Getränk vor dem Hintergrund eines Graffiti-verschmierten Tores. Es wird erwartet, dass der als medienscheu geltende Bergoglio die Kirche mit harter Hand und einer starken sozialen Ausprägung führen wird. Wie sein deutscher Vorgänger Benedikt XVI. verfolgt auch der neue Papst Franziskus I. einen missionarischen Ansatz. "Er ist absolut in der Lage, die notwendige Erneuerung vorzunehmen, ohne sich kopfüber ins Ungewisse zu stürzen", sagt Biografin Ambrogetti. Quelle: AP/dpa
Bergoglio hält den sozialen Auftrag der Kirche für wichtiger als Schlachten um abgehobene Glaubensdoktrinen, wie langjährige Beobachter hervorheben. In der Vergangenheit bezichtigte er manche Kirchenobere der Heuchelei und erinnerte dabei an das Vorbild Jesu Christi, der Aussätzige gebadet und mit Prostituierten gespeist habe. In den Straßen von Buenos Aires reagierten die Menschen ergriffen auf seine Wahl zum neuen Papst. "Ich hoffe, er macht Schluss mit all dem Luxus im Vatikan und lenkt die Kirche in Richtung mehr Bescheidenheit und näher an die Grundsätze des Glaubens", sagte einer der Feiernden. Quelle: REUTERS
Als Bergoglio am Mittwochabend erstmals als Papst auf den Balkon des Petersdoms trat, winkte er eher schüchtern der begeisterten Menge zu. Er bat die Gläubigen, für ihn selbst und seinen Vorgänger Benedikt zu beten. Verwundert sagte er, die Kardinäle hätten offenbar „am Ende der Welt“ nach einem neuen Pontifex gesucht. Quelle: AP/dpa

Doch das ist unangebracht. Statt genüsslich Papst-Bashing zu betreiben, könnten Eltern und eine an Erziehungsfragen interessierte Öffentlichkeit die Gelegenheit nutzen, endlich eine ehrlichere Diskussion zu führen über die Diskrepanz zwischen dem absoluten Anspruch neuerer pädagogischer Dogmen und der allzu menschlichen Lebenswirklichkeit in Kinderzimmern – egal ob katholisch, evangelisch, muslimisch oder areligiös.

Die meisten Eltern werden aus eigener Erfahrung wissen, dass Kinder nicht immer nur durch das eigene Vorbild und liebevolle Worte zu erziehen sind. Sie werden wissen, dass Kinder ihre Eltern buchstäblich zur Weißglut bringen können. Zum Beispiel wenn sie ohne erkennbaren Anlass andere Kinder oder die Eltern selbst schlagen, Gegenstände mutwillig zerstören, Anweisungen nicht nur nicht befolgen, sondern mit Frechheiten quittieren.

Dann müssen auch vorbildhafte Eltern Sanktionen durchsetzen. Da ist die Grenze zur körperlichen Gewalt fließend. Ist Anschreien Gewalt? Ist es Gewalt, sein Kind ins Zimmer zu schleifen und einzusperren? Oder einem sich mit Händen und Füßen wehrenden Kind eine Strumpfhose anzuziehen?

Viele ältere Menschen haben in ihrer eigenen Kindheit noch erlebt, wie Eltern und Lehrer früherer Generationen in solchen Situationen oder auch bei viel harmloseren Anlässen oft reagierten. „An der Rute sparen rächt sich nach Jahren“, galt als pädagogische Weisheit. Der Film „Das weiße Band“ gibt einen besonders finsteren, aber leider wohl nicht unrealistischen Eindruck davon.

Papst Franziskus zu Besuch auf den Philippinen

Seit der Nachkriegszeit setzte zumindest in der westlichen Welt die Abkehr von der körperlichen Züchtigung ein. Seit den 1960er Jahren gibt es in Grundschulen keine Prügelstrafe mehr. In den meisten westlichen Ländern, Deutschland inbegriffen, sind körperliche Strafen auch im Elternhaus gesetzlich verboten. Und, was noch viel entscheidender ist, gesellschaftlich streng stigmatisiert. Die Körperstrafe gilt in Europa als „schwarze Pädagogik“, also als barbarisches Relikt vergangener Zeiten.

Doch wie so oft beim Abräumen alter moralisch verwerflicher Praktiken verleitet der Eifer zu neuem Dogmatismus und Pauschalisierungen. Die Gefahr ist, dass durch das Tieferlegen der öffentlichen Empörungsschwellen in den vergangenen Jahrzehnten die Maßstäbe verloren gehen.

Die Gefahr ist vor allem, dass sexuelle Misshandlungen – vermutlich das Schlimmste, was man einer Kinderseele antun kann – und sadistische Quälerei dadurch auf eine Stufe gestellt werden mit der Ohrfeige, die eine überforderte Mutter ihrem Kind in einem verzweifelten Moment der Schwäche gibt. Die Gefahr ist, dass Millionen ganz normaler Eltern mit ganz normalen Schwächen grundlegend verunsichert werden, und darüber auf Grund der totalen Stigmatisierung jeglicher Gewalt (zu der für manch einen angeblichen Experten auch Worte gehören) sich nicht mehr zu sprechen wagen. 

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Kindererziehung ist wie alle existentiellen Fragen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens ein komplexes Feld, das nicht mit pauschalen Dogmen und erst Recht nicht mit Gesetzen widerspruchsfrei eingehegt werden kann. Sein Kind zu schlagen, ist nicht würdevoll und daher nicht gutzuheißen.

Es ist ein zivilisatorischer Fortschritt, dass körperliche Züchtigung nicht mehr als opportune Methode der Erziehung gilt. Aber auch liebevolle Eltern verhalten sich manchmal aus purer Verzweiflung würdelos. Zu loben gibt es da nichts. Aber man sollte ihnen Fehltritte, wenn sie nicht maßlos sind, genauso nachsehen wie einem Papst.

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