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Parlamentswahlen China beflügelt Grönlands Traum von Unabhängigkeit und Wohlstand

Grönland möchte unabhängig von Dänemark werden. Ausgerechnet China kann dabei helfen. Denn unter dem schmelzenden Eis liegen viele Rohstoffe.

Die Insel will die Unabhängigkeit von Dänemark. Doch dann würden Förderzahlungen wegfallen, die dringend gebraucht werden. Quelle: dpa

StockholmIn einem sind sich die rund 40.000 wahlberechtigten Grönländer einig: „Jeder will die Unabhängigkeit von Dänemark, die Frage ist nur wann und wie“. So beschreibt Ulrik Pram Gad, Politologe an der dänischen Universität von Aalborg die Situation auf der größten Insel der Welt. Am Dienstag wird in Grönland gewählt, das Ergebnis wird in der Nacht zu Mittwoch erwartet.

Doch es zeichnete sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den bisherigen und vermutlich künftigen Koalitionspartnern, der sozialdemokratischen Siumut und der sozialistischen Inuit Ataqatigiit, ab. Beide Parteien wollen die vollständige Unabhängigkeit von Dänemark.

Und nicht nur sie: Im Prinzip befürworten alle größeren politischen Parteien auf Grönland die weitere Loslösung von Dänemark, das bislang jährlich umgerechnet knapp 500 Millionen Euro und damit etwa die Hälfte der Staatsausgaben von Grönland in die Hauptstadt Nuuk überweist. Seit 2009 ist die größte Insel der Welt innenpolitisch völlig unabhängig von Dänemark.

Nur noch die Außen- und Sicherheitspolitik wird von Kopenhagen bestimmt. Auch gegen eine vollständige Unabhängigkeit hat Kopenhagen nichts mehr. Dann allerdings, so unterstreicht der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen immer wieder, wird es die Unterstützungszahlungen nicht mehr geben. Und hier liegt das Problem. Denn die Einnahmen aus dem Fischfang, der für rund 90 Prozent der grönländischen Exporte steht, sowie der Tourismus können den Wegfall bisher nicht ausgleichen.

Deshalb soll die Förderung der gigantischen Rohstoffvorkommen einen möglichen Ausfall der dänischen Zahlungen kompensieren. Allein die Vorkommen von den für die Elektronikbranche wichtigen und Seltenen Erden wie Cer, Lanthan, Neodym, Terbium und Yttrium würden nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die globale Nachfrage für 150 Jahre decken.

Außerdem rechnen die BGR-Geologen mit knapp 460 Millionen Tonnen an wertvollen Erzen allein in Südgrönland. Es ist der Klimawandel, der das Interesse an Grönland geweckt hat. Das ewige Eis, das bislang eine Förderung der gigantischen Öl- und Gasvorkommen und anderer Bodenschätze in der Region verhinderten, schmilzt.

Dadurch wird es künftig leichter, die wertvollen Bodenschätze in mehreren tausend Metern Tiefe zu erschließen. Unter der Arktis vermuten Wissenschaftler der US-Behörde United States Geological Survey rund 400 Felder mit einem Vorkommen von etwa 240 Milliarden Barrel Öl und Gas. Das ist fast genauso viel wie die Reserven von Saudi-Arabien. Allerdings kann Grönland die Förderung nicht allein bewältigen, denn es mangelt sowohl an finanziellen Mitteln als auch an kompetenten Arbeitskräften.

Deshalb hatte schon die vorletzte Regierung Förderungslizenzen an mehrere ausländische Unternehmen vergeben. So hat das australisch-chinesische Unternehmen Greenland Minerals Probebohrungen durchgeführt, um den Gehalt an Seltenen Erden und Uran zu untersuchen. Auch die mit chinesischem Kapital versehene britische London Mining bekam die Förderrechte für Eisenerz.

Rund 150 Kilometer von der Hauptstadt Nuuk entfernt sollte für 2,5 Milliarden Dollar eine riesige Erzmine entstehen. Doch trotz vieler Planungen und großer Hoffnungen ist bislang nicht viel geschehen. Die Pläne existieren noch, ein Baubeginn ist aber noch nicht in Sicht.

Das liegt auch an den gefallenen Rohstoffpreisen, die die Förderung in der rauen und schwer zugänglichen Region unrentabel machen. Doch trotz aller Widrigkeiten stehen vor allem Unternehmen mit chinesischer Beteiligung in den Startlöchern, um beispielsweise unter dem Kvanefjeld, einer Hochebene im Süden der riesigen Insel, Uran abzubauen. Auch Seltene Erden sollen dort vorkommen. In Nordgrönland hingegen soll Zink abgebaut werden. Auch hier sind es chinesische Investoren, die federführend die Mine planen.

Dass gerade chinesische Investoren nach Grönland drängen, wird vielerorts mit Argwohn betrachtet. In Kopenhagen, aber auch in Brüssel ist man beunruhigt, dass der chinesische Vormarsch das Verhältnis zu den USA negativ belasten könnte. Denn die USA unterhalten auf Grönland mehrere Stützpunkte.

Ein Teil des US-Raketenwarnsystems ist zudem auf der Insel stationiert. Grönland ist aus Sicht Washingtons strategisch überaus wichtig, da von hier aus die gesamte Nordhälfte der Erde inklusive Russland überwacht werden kann. Eine allzu starke chinesische Präsenz würde da stören.

Im Wahlkampf hat das geopolitische Thema keine Rolle gespielt. Es ging vielmehr um Reformen des Bildungssystems und um Fischfangquoten. Dennoch lebt der Traum von Wohlstand und größerer Unabhängigkeit vom Mutterland Dänemark auf der größten Insel der Welt weiter. Allerdings ist Geduld gefragt. Die meisten Grönländer und auch die meisten Parteien rechnen nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten.

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