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Parteitag in China „Vor allem weiches, geschmackloses Essen“

Zum Parteitag der Kommunistischen Partei will sich China von seiner besten Seite präsentieren. Eine Tour soll etwa zeigen, wie sich das Land auf die Alterung der Gesellschaft einstellt – zumindest in der Propaganda.

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Bis 2050 wird das Durchschnittsalter der Chinesen von derzeit 30 auf 46 Jahre gestiegen sein. Quelle: Reuters

Peking Wenn das Älterwerden wirklich so ist, wie die Kommunistische Partei es darstellt, dann sollte man sich damit beeilen. In einem Keller im Ainong Altenheim im Chaoyang Distrikt von Peking tanzen pensionierte Damen in eng anliegenden Qipaos, ein traditionelles chinesisches knöchellanges Frauen-Kleidungsstück, und hochhackigen Schuhen zu einem Folklorelied. Mit schwingenden Hüften laufen sie immer wieder nach vorne, drehen sich mit einem verführerischen Lächeln und wedeln mit dem Fächer. Von Arthritis keine Spur. So macht Älterwerden Spaß.

Der Keller ist die erste Station einer Tour über das Altenpflegesystems Chinas, organisiert von der Kommunistischen Partei am Rande des großen Parteitages. Neben endlosen Stunden in mittelmäßig spannenden Sitzungen in der Großen Halle des Volkes soll Journalisten gezeigt werden, wie die konkreten Visionen und Projekte aussehen.

Am Vormittag des gleichen Tages hätte man auch noch bei einer Tour des Palastmuseums mitmachen können, für Sonntag steht die Tour von Jing-Jin-Ji an. Der Name ist keine abstruse Wortpyramide, sondern bezeichnet die Zusammenlegung von Peking, Tianjin und Teile Hebeis zu einer Metropolregion – sozusagen das Ruhrgebiet mal fünfzehn.

Die offiziell organisierten Touren sind teils unverblümte Propaganda mit böhmischen Dörfern, teils Ansage, wie der Idealfall aussieht. Und man merkt, dass sich die kommunistische Partei Gedanken macht.

Denn während derzeit im Chaoyang-Distrikt noch 90 Prozent der Rentner zu Hause versorgt werden, könnte sich das bald ändern. Bis 2050 wird das Durchschnittsalter der Chinesen von derzeit 30 auf 46 Jahre gestiegen sein, und dann gibt es nicht nur 100 Millionen sondern 329 Millionen Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Gleichzeitig wird die Urbanisierung oder Modernisierung der Gesellschaft viele Familien auseinanderreißen, so dass oftmals Kinder sich nicht mehr um ihre Eltern direkt kümmern können.

Die Nachfrage nach Altenheimen und –pflege steigt deshalb. Wie China mit der Überalterung seiner Gesellschaft umgeht, wird eine Schlüsselfrage für seine weitere Entwicklung sein.


Rentnermahlzeit per Internet

Nach dem beschwingten Auftakt durchläuft die Schar von Journalisten – immerhin zwei ganze Busladungen aus aller Welt – die Trainingsstationen für die Pflegekräfte. Wie dreht man einen liegenden Patienten herum, wie legt man Verbände an, welche Nahrung brauchen Senioren?

Eine Lehrerin erzählt ihren Schülern, dass alte Menschen vor allem „weiches, geschmackloses und frisches Essen mögen“. Aber nicht zu viel, warnt sie. „Einer meiner Patienten hat zu viel davon gegessen und es nicht vertragen. Leider war das dann sein Ende.“ Man fragt sich, wo man sonst noch an zu enthusiastischer Pflege sterben könnte.

Im dritten Stock sind diverse Beratungsräume. Neben Rechts- und Finanzexperten gibt es auch sechs Psychologen, die ihre Patienten vor Ort zu Gesprächen aufsuchen.

Die besuchen sie dann entweder zu Hause, oder die alten Leute kommen zu einer der vielen Anlaufstellen, die man überall im Distrikt errichtet hat. Das Zentrum war vor drei Jahren gegründet worden und man hatte schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass neben der ärztlichen und praktischen Betreuung viele alte Menschen auch Seelsorge brauchten. Also besserte man nach. Aber die analoge Interaktion ist nur ein kleiner Teil der Betreuung, vieles soll in Zukunft telefonisch oder gleich übers Internet ablaufen.

Auch die Altenbetreuung ist im digitalen Zeitalter angekommen. So kann man sich online Krücken, Rollstühle oder einfache Mahlzeiten bestellen. Und um die Kosten für die Rentner im Rahmen zu halten, übersteigt der Preis einer Mahlzeit normalerweise keine 20 chinesische Yuan, umgerechnet circa drei Euro.

Alleine kann und will die Partei das Problem der Überalterung jedoch nicht lösen. Für private Investoren ist das eine Riesenchance mit Wachstumsmöglichkeiten. Laut den Marktanalysten Deezan and Associates wird die Altenpflege den Immobilienmarkt in spätestens fünfzehn Jahren als größten Industriesektor überholt haben, und bis 2050 circa eine Billion Euro wert sein. Und auf diesen Kuchen dürfen nicht nur Chinesen sondern auch ausländische Investoren zugreifen, am liebsten in Form einer Public-Private-Partnership.

Wie die zum Beispiel aussehen kann, lernen die Journalisten auf der zweiten Station der Tour. Dafür hat man sich das Altenheim mit dem klangvollen Namen „Goldene Höhen“ ausgesucht, das mit seinen Speisesälen, dem Privatkino und Cafés eher einem Luxusressort gleicht als einem Altenheim.

Auf dem 317.000 Quadratmeter großen Gelände leben 283 alte Menschen, hauptsächlich in Einzelzimmern mit japanischen Toiletten, die per Knopfdruck und Wasserstrahl den Hintern säubern, wenn mal ein Pfleger gerade nicht zur Hand ist. Von denen gibt es 138: Auf zwei Rentner kommt also eine Pflegekraft – eine gutes Verhältnis. Deswegen erwarten einen vermutlich auch nur muntere Rentner, die vor Kaffee und Kuchen sitzen – den sie nicht angerührt haben – und erzählen, wie toll hier alles sei.

Dafür müssen sie oder ihre Kinder aber auch einen hohen Preis zahlen: Das billigste Zimmer fängt bei mehr als 1000 Euro im Monat an, die teuersten kosten fast 2500 Euro. Der Name des Komplexes macht plötzlich Sinn.


Keine Lösung für die wahren Herausforderungen

Auf die Frage, wie man sich dies leisten könne, wenn doch das Pekinger Durchschnittseinkommen bei ca. 1400 Euro liege, hat eine Betreuerin der Tour eine schnelle Antwort. Die alten Leute hätten alle Wohnungen im Distrikt, die sie entweder vermieten oder verkaufen könnten. Dann seien die Preise auch gar nicht mehr so „schrecklich, wie sie sich anfangs anhören“, beschwichtigt sie. Unerwähnt bleibt jedoch, dass die Durchschnittsmiete in Peking sogar 20 Prozent über dem Durchschnittslohn liegen.

Eine Übersetzerin murmelt: „Die Leute sind doch nicht diejenigen, die später Mal ein Problem haben werden. Und davon gibt es echt genug.“ Sie war zur Tour bestellt worden, um den vielen afrikanischen Journalisten zu helfen, die vom chinesischen Außenministerium zum Parteitag und zu den Reisen eingeladen worden waren. Sie schwirren überall herum; machen enthusiastische Aufsager vor der Kamera, interviewen adrett geschminkte Rentnerinnen im Samtanzug und scheinen von „Chinas Lösung“ angetan zu sein.

Viele Ansätze sind auch wirklich lobenswert: Das Pflegepersonal kann über eigens entwickelte Apps immer auf den neusten Stand ihres Berufes gebracht werden; im Kino werden traditionelle Papiertickets verkauft, die Bewohner an ihre Jugend erinnern sollen; neben den elf Ärzten im Heim gibt es gleich nebenan ein Gesundheitszentrum für schwerere Erkrankungen.

Was gute Lösungen zu den wahren Problemen sind, darauf gibt die vierstündige Propaganda-Tour keine Antwort: Was geschieht mit den einkommensschwachen Rentnern, die ihre Wohnungen nicht gewinnbringend verkaufen können? Wo bleiben die Land- und Wanderarbeiter, deren Gesundheitsversorgung auf dem Land schlecht ist und deren Kinder oft außer Haus sind, weil sie Geld verdienen müssen?

Menschen, die auch mit 80 noch ihre Hüften schwingen und sich ein Fünf-Sterne-Ressort leisten können, haben hingegen noch nie zu den Herausforderungen der alternden Gesellschaft Chinas gezählt.

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