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Peter Hartz Der geistige Vater von Hartz IV hat große Pläne

Der Architekt der Agenda 2010 will noch einmal groß herauskommen – mit einer Megacity für Senioren in China, im Schlepptau beste Adressen der deutschen Wirtschaft.

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Peter Hartz Quelle: AP

Er wurde wegen Untreue und Begünstigung des Betriebsrats zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und verlor seinen Posten als Personalvorstand bei Volkswagen. Seine Idee, Arbeitslose zu Ich-AGs zu deklarieren, scheiterte krachend. Fällt sein Name, spaltet er die Nation in Bewunderer und Hasser.

Um nicht als Unperson in die Geschichte einzugehen, startet der inzwischen 74-jährige Peter Hartz, geistiger Vater von Hartz IV, dem Arbeitslosengeld mit Bedürftigkeitsprüfung, jetzt einen großen Versuch der Selbstrehabilitation. Zusammen mit dem Textilindustriellen und Mitglied des chinesischen Volkskongresses Yao Tinzai will der Saarländer am Rande der 2,3-Millionen-Metropole Yinkou nordöstlich von Peking eine altersgerechte Stadt für 230 000 Menschen errichten lassen. Das Projekt heißt Five Springs, frei übersetzt: fünfter Frühling. Von Yao und anderen Investoren kommt das Geld, von Hartz das Konzept.

Projekt könnte 2016 starten

Mit von der Partie sind erste Adressen der deutschen Wirtschaft. Die Vorplanung stammt vom China-erfahrenen Frankfurter Architektenbüro Speer. Die Unterkünfte soll der Gipsplattenriese Knauf (Umsatz: rund 6,4 Milliarden Euro) aus dem fränkischen Iphofen beisteuern. Für Medizintechnik in der gerontologischen Megapolis könnte, so die Idee, Siemens sorgen.

Die Hartz-Reformen

Die „untere Grenze“ des Investitionsvolumens liege „bei zehn Millionen Euro“, sagt Heino Wiese, Politnetzwerker in Berlin, der Hartz und Yao berät. In Gang kommen könne das Projekt 2016, schätzt Hartz. Die Idee hat er jüngst auf der Computermesse Cebit in Hannover Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vorgestellt.

Vor gut einem Jahrzehnt hatte Hartz dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder die Grundlagen für dessen Agenda 2010 geliefert, eine der einschneidendsten Arbeitsmarktreformen Deutschlands. Auch jetzt holt Hartz wieder zum großen ideellen Gesamtwurf aus.

Das fängt bei den Behausungen für die Senioren und ihre Bediensteten an. Für die in Trocken- und Fertigbauweise geplanten altersgerechten Domizile hat Knauf ein System entwickelt, bei dem der Münchner Betriebswirtschaftsprofessor Horst Wildemann half. Der Fertigungsspezialist beriet schon VW bei der Umstellung der Produktion auf möglichst viele gleiche Teile für unterschiedliche Automodelle.

Bäder aus dem Baukasten

Nach diesem Prinzip will Knauf-Chef Manfred Grundke nun auch die Häuser für die Chinesen produzieren: individuell, aber aus gleichen Grundelementen. Wie heute jeder Autokäufer, so soll der künftige Besitzer eines Hauses sein Wunschmodell mit einem Konfigurator im Internet aus verschiedenen vorgefertigten Modulen für Küche, Bad oder Salon komponieren.

Eine solche Industrialisierung, sagt Knauf-Chef Grundke, verringere die Kosten im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise um bis zu 70 Prozent auf rund 430 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Auf diese Weise baut Knauf gerade eine Siedlung in Russland. Wie dort sollen auch in den künftigen vier Wänden alter Chinesen Kabel und Elektronik schlummern, um den Lebensabend zu digitalisieren.

Die Alten sollen sich selbst helfen

Für Hartz sind die coolen Kotten aus Gipskarton mit Internet-Anschluss jedoch nur Mittel zum Zweck, um ein grundsätzliches Problem zu lösen: Wie mit der Alterung fertig werden, ohne die Jüngeren stärker zu belasten? Das will er in China vorexerzieren, indem er „neueste Erkenntnisse der Gerontologie“ umsetze. Im Reich der Mitte explodiere die Zahl der über 65-Jährigen in den kommenden 15 Jahren von 125 Millionen auf 250 Millionen. Hartz schwebt deshalb vor, dass die Alten in der neuen Stadt sich dank Digitalisierung möglichst viel untereinander helfen.

Ausland



Krönen möchte der Ex-Boss mit Gewerkschafts- und SPD-Parteibuch sein Projekt mit einem Hoch auf die internationale Solidarität. Um den Bewohnern der geplanten Seniorencity eine gute Betreuung angedeihen zu lassen, will er Interessenten aus China nach einem Sprachkurs daheim drei Jahre in Deutschland zu Altenpflegern ausbilden und sie noch einmal die gleiche Zeit hier arbeiten lassen, bevor sie sich um ihre Landsleute in der Heimat kümmern. „Das würde“, glaubt Hartz, „auch den Pflegenotstand bei uns lindern helfen.“

Die Traumstadt für Senioren soll an der Bohai-Bucht liegen, wo Wilhelm II vor über 100 Jahren mit viel zu viel Schiffen gegen die Chinesen ankämpfte. Seitdem steht Bohai für zu viel Wind – Hartz’ Gefolgsleute sind also vorgewarnt.

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