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Polizeigewalt Flächenbrand der Proteste in der Türkei

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Erdogan will sich mit Riesen-Moschee verewigen

Demonstrationen gegen die Regierung in der Türkei gehen weiter

Es ist kein Zufall, dass die Proteste am Taksim-Platz begannen, wo ein beliebter Park der Rekonstruktion einer Kaserne aus der ottomanischen Ära weichen soll. 1940 hatte die damalige kemalistische Regierung hier die Topcu-Artillerie-Kaserne, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs leer stand, abreißen lassen, um einen Park zu schaffen. Erdogan will das Gebäude rekonstruieren, um „die Geschichte wieder auferstehen zu lassen“, wie er sagt.

Dazu müssen Bäume fallen, wogegen sich die Anwohner heftig wehren. Erdogan geht aber noch weiter. Er will das Anfang der 1980er Jahre am Taksim-Platz erbaute Atatürk-Kulturzentrum abreißen lassen und dort eine Moschee errichten – Pläne, die Erdogan schon in den 90er Jahren als damaliger Istanbuler Bürgermeister verfolgte, bevor er sein Amt verlor, wegen „religiöser Hetze“ vor Gericht gestellt und zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Die Haft habe ihn vom Islamisten zum konservativen Demokraten geläutert, ließ Erdogan hernach streuen. Doch hat sich der einstige islamische Fanatiker, der die Demokratie mit einer Straßenbahn verglich, aus der man aussteigen könne, wenn man sein Ziel erreiche, wirklich gewandelt? Der Stil, in dem er und seine AKP das Land seit nun über einem Jahrzehnt regieren, erinnert jedenfalls mehr und mehr an die Einparteien-Ära, die in der Türkei erst 1946 mit der Zulassung von Oppositionsparteien zu Ende ging. Erdogan herrsche „wie ein Sultan“, sagen seine Kritiker. Zu behaupten, Erdogans Wort habe in der Türkei Gewicht, wäre eine Untertreibung.

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Ein Denkmal, das dem Regierungschef ästhetisch nicht zusagt? Eine knappe Missfallensäußerung reicht, und das Kunstwerk wird geschleift, wie vor einiger Zeit in der Provinz Kars. Erdogan lässt abreißen und bauen – den örtlichen Politikern bleibt nicht mehr, als die Projekte des Premiers abzunicken. Das Bauvorhaben am Taksim-Platz ist nur eines von mehreren kontroversen Großprojekten, wie der dritten Bosporusbrücke, dem geplanten Kanal vom Schwarzen Meer zum Marmarameer, an dessen Ufer „Istanbul Metropolitan“ entstehen soll, eine Trabantenstadt für 1,5 Millionen Menschen, oder dem künftigen Großflughafen, von dem manche Fachleute sagen, er sei überflüssig, weil man die beiden bestehenden Istanbuler Airports erweitern könne.

Aber es geht nicht um Bedarf und Nutzen. Erdogan will mit diesen Bauvorhaben, zu denen auch eine Riesen-Moschee auf dem Camlica-Hügel über dem Bosporus gehört, der Stadt seinen Stempel aufdrücken, will sich verewigen wie es einst Sultan Mehmet II. mit dem Topkapi-Palast oder Sultan Ahmed mit der Blauen Moschee taten. Erdogans Großvorhaben haben einen gemeinsamen Nenner: Es fehlt der gesellschaftliche und politische Konsens. Die Bürger fühlen sich übergangen.

Jetzt entlädt sich der aufgestaute Zorn der Menschen auf die Arroganz der Macht, ihre Wut auf die islamisch-konservative Regierung, die der Gesellschaft ihre religiösen Wertvorstellungen aufzuzwingen versucht – zum Beispiel mit den Alkohol-Verboten, die Erdogan jetzt in einer Nachtsitzung im Eilverfahren durchs Parlament peitschte.

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